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Das war einmal: Kurt Hormann vor seinem Lebensmittelladen. Foto: pm

Einzelhandelskrise

Wehmut in Allertshausen: Der letzte Laden ist dicht

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Abverkauf in Allertshausen: Mit "Mitternachts-Kurt" hat der letzte Lebensmittelladen geschlossen. Es lohnt nicht mehr. Ein herber Verlust, auch für die dörfliche Gemeinschaft.

In Allertshausen, ob seiner Lage auf den Höhen des Lumdatals auch "Klein-Marburg" genannt, herrscht Wehmut: Der letzte Lebensmittelladen hat dichtgemacht, eine 100-jährige Familientradition ist zu Ende. Aus "privaten Gründen", wie es offiziell heißt. Am Samstag hatte das Geschäft von Kurt Hormann - weithin bekannt unter seinem Spitznamen "Mitternachts-Kurt" - ein letztes Mal geöffnet. Zum "Abverkauf", wie es so wenig schön heißt.

Bitter für alle Allertshäuser, für die der Tante-Emma-Laden in der Beuerner Straße nicht nur die einzige Möglichkeit war, vor Ort die Dinge des täglichen Bedarfs einzukaufen. Vielmehr war auch hier der Laden ein beliebter Treffpunkt, an dem man sich austauschen und auch mal sein Herz ausschütten konnte. Und vor allem Neuigkeiten erfuhr - schließlich zählt der Kaufmann gemeinhin zu den bestinformierten Bewohnern eines kleinen Dorfes. Gut; so klein ist Allertshausen mit seinen rund 600 Seelen auch nicht.

"Gerade die Alten werden das bedauern", bestätigt ein anderer Kurt diesen Verlust für die Gemeinschaft. Hillgärtner schimpft der sich, ist ein Ur-Allertshäuser und war bis im Vorjahr Bürgermeister der Großgmeinde Rabenau. Im Ruhestand engagiert sich der 64-Jährige nun für die anstehende 800-Jahr-Feier seines Heimatortes und konnte daher nebenstehende typische Aufnahme des Namensvetters beisteuern.

"Lange war der Laden für die Grundversorgung der Dorfbevölkerung notwendig. In den letzten Jahren jedoch war das nicht mehr wirtschaftlich", sagt Hillgärtner. Und klärt auch auf, wie der Kaufmann, der in den 60ern von der Mutter Anna den "A & O" übernommen hatte und später zu Edeka wechselte, zu seinem Spitznamen kam: "Bei der Kirmes oder an Fasching kam er immer erst um Mitternacht. Wie er dann sagte, habe er noch so lange im Laden zu tun gehabt." Eine andere Erklärung besagt, dass man bei Kurt Hormann selbst nach Mitternacht klingeln durfte, wenn eine dringende Besorgung, gewiss auch in flüssiger Form, zu machen war. Wie Hillgärtner nun bestätigt, handelt es sich bei Hormann um einen Kaufmann mit Leib und Seele. "Die Bild-Zeitung und eine Cola, das waren seine Markenzeichen", erinnert sich der Altbürgermeister an so manche Begegnung, da er den Laden betrat und der andere Kurt hinter der Kasse saß. Dass dieser die Ortsvereine unterstützt habe, vergisst Hillgärtner nicht zu erwähnen. Und auch, dass ein Teilerlös des "Abverkaufs" der Gemeinschaft zugute komme."

Kurt Hormann - Kaufmann mit Leib und Seele

Kurt Hormann ist heute 82 Jahre alt. Seit geraumer Zeit schon war er gesundheitlich nicht mehr auf der Höhe. Seit über 30 Jahren konnte er - neben seiner Schwester Renate Schick - auf Marlen Wilhelm zählen. "Die gute Seele des Ladens", wie Hillgärtner sie nennt. Weitere Helferin, gerade auch beim Abverkauf, war Hormanns Nichte Christina Mann-Jarsch.

Rabenaus Altbürgermeister kennt natürlich noch die in diesem Fall tatsächlich gute alte Zeit, da jedes Dorf mindestens einen Lebensmittelladen, eine Metzgerei, eine "Kasse" und mehrere Handwerksbetriebe in seinen Mauern beherbergte. "Für die meisten Besorgungen musste keiner in die Stadt fahren. So verhielt es sich auch bei uns, nicht zuletzt dank Kurt Hormann." Das Kaufverhalten jedoch habe sich in den letzten Jahrzehnten gravierend verändert. Was nicht nur für Allertshausen gilt: In vielen Dörfern gibt es heute schließlich kein einziges Geschäft mehr.

Mit dem Aus für den Edeka-Laden, vor 100 Jahren gegründet, so letztmals Hillgärtner, gehe für viele ein Stück Dorfgeschichte, ein Stück Lebensqualität verloren. Für den ein oder anderen sei das schon eine emotionale Situation. Nur, so weiß auch Kurt Hillgärtner: "Die Veränderungen in den Dörfern sind leider nicht mehr aufzuhalten."

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