Verloren und wiederbelebt

  • Thomas Brückner
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Viele werden sich erinnern: Das kleine Einmaleins haben sie in großer Runde gelernt. Mehrere Jahrgänge in einem Raum war Usus. Ende der 1960er kam das Aus für die "Zwergschulen". Repräsentative Gebäude versanken in einen Dornröschenschlaf. "Lost Places" würde man heute sagen. In Odenhausen aber gelang die Wiederbelebung.

Ein frischer Herbstwind umweht an diesem Morgen das Kulturdenkmal aus Lung- und Ziegelstein. Kurz nach dem Bau des Bahnhofs hatte es Odenhausens Gemeinderat in Auftrag gegeben. 1905 war die neue Schule fertig. Ein markant-imposantes Bauwerk, mit den für Jugendstil und Historizismus typischen Flach- und Rundbogenfenstern.

Aus Londorfer Lungstein hatte der Steinmetz die Treppe gehauen. Gut 60 Jahre sollten fortan ungezählte Kinder über die Stufen eilen; selbst der harte Basalt zeigte sich da nachgiebig, wie die Vertiefungen beweisen. Oben im Schulsaal drängten sich gleich acht Jahrgänge in die harten Bänke - links die Jüngeren, rechts die Älteren, in der Mitte ein Gang, durch den der "Herr Lehrer" schritt. Der Konfi-Saal im Pfarrhaus gegenüber diente als "Außenstelle", vermutlich gab dort der Pfarrer Religion.

Zeitweise gab es eine Art Schulverbund: Von 1943 bis 1945 etwa, der Lehrer war an die Front abkommandiert, mussten die Siebt- und Achtklässler nach Geilshausen laufen. Immer eine Woche - dann ging’s andersrum.

Wo man des Kaisers Geburtstag feierte

Die Volksschule in dem kleinen Dorf an der Lumda war bis Ende der 50er einzügig. Aufgrund des nun einsetzenden Babybooms aber fasste der Saal nicht mehr all die kleinen Odenhäuser, auch der zeitversetzte Unterrichtsbeginn half da nicht. Also lernten die Erst- bis Viertklässler im "Saalbau Haupt". 1968 endete dieses Kapitel: Die Kleinen gingen auf die Grundschule Londorf, die Großen auf die neue Mittelpunktschule Allendorf.

Anfang der 70er entstand nebenan das Bürgerhaus. Der Schulsaal, der so viel gesehen hatte, in dem Kaisers Geburtstag gefeiert wurde und 1919 erstmals Frauen ihr Wahlrecht nutzten, geriet nahezu in Vergessenheit - missachtetes Potenzial.

Erst die 2008 gestartete Dorferneuerung änderte dies. Ein Arbeitskreis nahm sich, gemeinsam mit dem Denkmalschutz, eine Renovierung vor, die dem immateriellen Wert des Saals Rechnung tragen würde. Der alte Parkettboden blieb erhalten. Ebenso die Sprossenfenster, durch die Generationen von Schülern den Blick gerichtet hatten, wenn die Dampflok am Bahnhof schnaufte. Auch der Fries, den ein Maler originalgetreu wiederhergestellt hat, zierte aufs Neue die Wand. Restauriert wurde der Druck "Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms". Zur Einweihung der Schule 1905 vom Gesangverein gestiftet, darf der als Ausdruck des protestantischen Selbstbewusstseins der Gemeinde gedeutet werden. Gegenüber fanden drei Aquarelle des Odenhäuser Künstlers Erwin Schmidt einen Ehrenplatz: Ansichten vom Bahnhof, der Mühle am Hofgut und vom Appenborntal. Der Charakter des altehrwürdigen Saals ward somit erhalten, mithin ein Stück kollektives Gedächtnis des Dorfes. Und so darf sich der eine oder andere ältere Besucher in die Zeit der Volksschule zurückversetzen, öfter wohl in nostalgischer Verklärung. Sei’s drum.

Ort kulturellen Lebens

In jedem Fall wurde ein Kleinod nicht nur bewahrt, sondern wiederbelebt, neuen Nutzungen zugeführt - für Chorproben, kleinere Feiern oder Sitzungen des Ortsbeirats. Vor allem aber ward der Saal zur Keimzelle eines regen kulturellen Lebens, beim Büchercafe und natürlich besonders bei den Lesungen, Aufführungen und Konzerten des Vereins "odculture".

Am 8. Februar 2015 konnte dieses herausragende Projekt der Dorferneuerung eingeweiht werden. Dessen wesentlicher Fürsprecher war Edwin Rabenau gewesen. Dass der Alten Schule Wertschätzung und Achtung gebühre, unterstrich dieser in seiner Rede. Und weiter: "Ein kleines Dorf hat sich vor gut 100 Jahren eine kleine Schule gebaut, um das Leben zu meistern". Mit der Renovierung des Schulsaals hat das inzwischen etwas größere, doch immer noch kleine Dorf ein weiteres Meisterstück abgeliefert, haben es seine Bewohner doch geschafft, einen (fast) verlorenen Ort wiederzubeleben.

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