+
Die Gedenktafel in der Kirchgasse.

"Realität lässt sich nicht verdrängen"

  • schließen

Rabenau (pm). Eine Gedenktafel für die ehemaligen Bürger jüdischen Glaubens ist am Samstag in Londorf am alten Backhaus in der Kirchgasse enthüllt worden. Gerd Schönhals als ehemaliger Vorsitzender des Vereins für Heimat- und Kulturgeschichte skizzierte bei der Gedenkfeier die Entstehung des Projekts, das auf das Jubiläum 1250 Jahre Londorf im Jahr 2008 zurückgeht und von der Stiftung der Sparkasse Grünberg unterstützt wurde.

Aus der Jubiläumsfestschrift zitierte Schönhals das von Artur Rothmann bearbeitete Kapitel "Jüdisches Leben in der Rabenau": "Die Verbrechen des Dritten Reiches und der Holocaust sollten nicht vergessen und verdrängt werden. Das heißt nicht, dass sich daraus eine Schuldzuweisung für die nachfolgenden Generationen ergeben soll. Ich glaube aber, dass wir es unseren früheren jüdischen Mitbürgern schuldig sind, dass ihre Namen und ihr Schicksal festgehalten werden."

Plädoyer für Zivilcourage

Diese Worte seien für den Verein Verpflichtung gewesen, die Erinnerung an Menschen wachzuhalten.

Pfarrer Frank Leissler verwies darauf, dass die Kirchenchronik, über Jahrhunderte sorgsam geführt, in der Zeit zwischen 1930 und 1945 nicht einen einzigen Eintrag habe. Dass keine Menschen jüdischen Glaubens mehr in der Rabenau lebten, liege sehr wohl auch an den Menschen, die damals dort lebten. Dass die Massenvernichtung möglich gewesen sei, das liege sehr wohl auch an den Menschen, die ganz einfach nichts getan hätten. Die Stillschweigen bewahrt hätten, die billigend in Kauf genommen hätten, was mit ihren Nachbarn geschah. Nicht im fernen Berlin. Sondern etwa in der Straße in Londorf, in der nun wenigstens die kleine Gedenktafel mit einem recht neutralen Text hänge. Dass es so lange gedauert habe, sie aufzuhängen, sei eine peinliche Nummer.

Bürgermeister Langecker ging darauf ein, dass es acht Jahrzehnte dauerte, um des entsetzlichen Leids, dem die jüdischen Bürger ausgesetzt waren, nun zu gedenken. Die Kultur des Verdrängens, Vergessens und Verschweigens sei im Nachkriegsdeutschland überall gegenwärtig gewesen - so eben auch in Londorf. Erst in den letzten Jahrzehnten habe sich der Mantel des Schweigens zu lösen begonnen.

Die Abhandlungen im Festbuch zum 1250-jährigen Jubiläum zur Situation jüdischen Lebens in Londorf hätten ihn betroffen gemacht. Es seien redliche Bürger gewesen, mit denen man zum gegenseitigen Wohl über Generationen hinweg in dörflicher Gemeinschaft zusammengelebt habe, die Freud und Leid stets geteilt hätten. Beim Lesen habe sich in ihm alles gesträubt, das als Wirklichkeit anzunehmen. Aber Realität lasse sich nun mal nicht verdrängen.

Die Generationen nach dem letzten Krieg verfügten über Freiheitsrechte wie keine zuvor. Aber gerade deshalb sei man dafür verantwortlich, dass es in Zukunft so bleibe. Die Lehren aus der Geschichte, so bitter sie auch sein mögen, seien dafür die unabweisbare Grundlage.

Die Leidensgeschichte der jüdischen Bürger lehre, dass man in allen Lebenslagen auch für das Verantwortung trage, was man nicht tue.

Eine freiheitliche Demokratie, die dem Unrecht keinen Raum lasse, verlange den wehrhaften Bürger - der sich für seine Mitmenschen interessiere und mutig aufstehe, wenn er deren Rechte bedroht sieht.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare