"Wir wollen nur das Beste für unseren Sohn", sagt der Vater des sechs Jahre alten Jungen. "Wahnsinn, dass einem solche Steine in den Weg gelegt werden."
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»Wir wollen nur das Beste für unseren Sohn«, sagt der Vater des sechs Jahre alten Jungen. »Wahnsinn, dass einem solche Steine in den Weg gelegt werden.«

Sechs Jahre alter Junge in Rabenau

Eltern verklagen Schulamt: Wann darf ein Kind eine andere Grundschule besuchen als zugeteilt?

  • vonStefan Schaal
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1725 Kinder im Kreis haben am Dienstag ihren ersten Schultag. Ein sechs Jahre alter Junge in Rabenau weiß allerdings bis heute nicht, auf welche Grundschule er gehen wird. In welchem Fall darf ein Kind eine andere Grundschule besuchen als zugeteilt? Die Eltern haben das Schulamt auf Kindeswohlgefährdung verklagt.

Die gefüllte Schultüte liegt auf einem Tisch im Wohnzimmer der Familie in Odenhausen. Noch dreimal schlafen. Dann wird Paul die Tüte stolz in den Händen halten, an seinem ersten Schultag. Heute, an diesem Wochenende, verspürt der sechs Jahre alte Paul ( Name von der Redaktion geändert ) allerdings noch keine Vorfreude. Denkt er an den Tag seiner Einschulung, bricht er in Tränen aus. Paul und seine Familie wissen noch nicht, welche Schule er ab kommenden Dienstag besuchen wird. Die Eltern haben das Schulamt verklagt - wegen Kindeswohlgefährdung.

Es ist ein Konflikt, der eine grundsätzliche Frage aufwirft: In welchem Fall darf ein Kind eine andere Grundschule besuchen als zugeteilt? Die Familie will, dass Paul auf die Rabenschule in Londorf geht. Das Schulamt besteht darauf, dass der Junge die Schule im Nachbardorf Rüddingshausen besucht, die Familie gehöre nunmal zu diesem Schulbezirk.

Die Schule in Londorf liegt etwas näher zum Wohnort der Familie in Odenhausen. Der Fahrradweg wäre kürzer und sicherer. Doch es sind mehr als nur praktische Gründe, weshalb die Eltern mittlerweile gar den Weg der Klage gewählt haben. So liege die Schule in Londorf günstiger auf dem täglichen Weg der Eltern mit dem Auto in Richtung Gießen, der Vater ist dort für eine Krankenversicherung tätig, die Mutter studiert an der Technischen Hochschule. Und sie führen soziale Umstände an. »Pauls Oma wohnt in Londorf«, erzählt der Vater. »Sie würde nach der Schule auf ihn aufpassen, könnte ihn zu Fuß von der Schule abholen.« Eine Nachmittagsbetreuung in der Schule wäre finanziell schwer zu stemmen, sagt der Vater.

Eltern verklagen Schulamt: Wann darf ein Kind eine andere Grundschule besuchen als zugeteilt?

Für Paul ist indes ein ganz anderes Argument ausschlaggebend: »Für ihn ist es das Wichtigste, dass er mit seinen Freunden zusammen ist«, berichtet der Vater. Pauls bester Freund, der ebenfalls in Odenhausen wohnt, hat vor wenigen Tagen vom Schulamt die Erlaubnis erhalten, die Grundschule in Londorf zu besuchen. »Das will unser Sohn auch - jetzt umso mehr. Seitdem herrscht bei uns zu Hause das Drama.« Paul sei ein hoch sensibles Kind, erklärt der Vater. »Wir sehen die Gefahr, dass er sich zurückzieht, Ängste weiter aufbaut und sein schulischer Werdegang maßgeblich gefährdet wird.«

Im August 2019 haben die Eltern beim Schulamt einen Antrag auf einen Schulwechsel gestellt. Sie haben darin weitere Betreuungspersonen wie eine Tagesmutter genannt, die in Londorf leben. Und sie nennen mehrere Freunde ihres Sohnes, die die Rabenschule in Londorf besuchen.

Für Außenstehende mag nicht jedes Argument für einen Schulwechsel überzeugend sein - zumal per Gesetz geregelt ist, dass Ausnahmen nur bei wichtigen Gründen möglich sind: Wenn beispielsweise die Schule aufgrund der Verkehrsverhältnisse nur unter Schwierigkeiten zu erreichen ist, wenn gewichtige pädagogische Gründe für einen Wechsel sprechen oder besondere soziale Umstände. »Wir appellieren an Sie, dass wir beurteilen können, welcher Weg der beste für unser Kind ist«, haben die Eltern dem Schulamt geschrieben. Die Antwort des Amts im April dieses Jahres allerdings fiel nüchtern und für die Familie enttäuschend aus. Gewichtige Gründe für einen Schulwechsel seien nicht gegeben. Auf den individuellen Fall geht der Brief nicht ein.

Erst nach einem Widerspruch per Anwalt antwortete das Schulamt ausführlich - erteilte aber erneut eine Absage. Eine Trennung von Freunden und das Erfordernis, sich neu sozial zu orientieren, seien keine gewichtigen Gründe, sondern »betreffen alle Schüler, die neu eingeschult werden« Dass Betreuungspersonen in Londorf leben, stelle keinen sozialen Umstand dar. Der Radweg sei zwar besser zu erreichen, könne aber keine Ausnahme begründen, »da eventuelle Unannehmlichkeiten hinzunehmen sind.«

Der Vater schüttelt den Kopf. Auf die Frage, ob er die Argumente des Schulamts nachvollziehen kann, sagt er: »Es mag verbittert klingen. Aber mein Verständnis geht gegen null.« Er habe das Schulamt auf die Sensibilität seines Sohnes hingewiesen. Dieses Thema werde ignoriert. »Dadurch ist der Konflikt persönlich geworden«, sagt er. »Es ist dramatisch, so etwas zu missachten.«

Das Schulamt habe auch erklärt, dass die Klassenbildung der Grundschule in Rüddingshausen gefährdet sei. Dieses Argument lässt der Vater nicht gelten. »Wird der Schulbesuch unseres Sohns in Londorf weiter abgelehnt, behalten wir uns vor, Paul bei einer Privatschule anzumelden.«

Eltern verklagen Schulamt: Wann darf ein Kind eine andere Grundschule besuchen als zugeteilt?

Vor allem ärgern sich die Eltern, dass es mit dem Schulamt kein persönliches Gespräch gegeben hat und dass am Ende eine Juristin des Amts die Entscheidung trifft. »Kann sie denn beurteilen, was in uns Eltern vorgeht?«

Erst nach mehreren Aufforderungen kam es zu einer Antwort des Schulamts - zwei Wochen vor Schulbeginn. Nun drängt die Zeit. Der Vater wirft der Juristin Verzögerungstaktik vor. »Mein Sohn liegt weinend in seinem Bett und fragt uns, in welche Schule er nun gehen wird«, sagt der Vater.

Norbert Kissel, der Leiter des Schulamts will sich zu dem konkreten Fall nicht äußern. »Wir machen es uns nicht leicht«, versichert er. Man treffe auch mal harte Entscheidungen. »Aber es wird nicht willkürlich entschieden. Wir schauen auch auf den einzelnen Fall. Das Kind zählt.«

Am Freitag hat das Verwaltungsgericht die Klage der Eltern abgewiesen. Diese denken nun darüber nach, gegen die Entscheidung vorzugehen. »Wir wollen nur das Beste für unseren Sohn«, sagt Pauls Vater. »Wahnsinn, dass einem solche Steine in den Weg gelegt werden.« Welche Schule sein Sohn ab Dienstag auch immer besucht - in den kommenden Wochen wird er im Klassenzimmer über einem Heft sitzen und erste Buchstaben schreiben. Daran sei noch nicht zu denken, sagt der Vater. »Das sollte eigentlich eine Zeit sein, in der wir uns freuen. Es tut mir leid für unseren Sohn.« Am kommenden Dienstag zur Einschulung werde man bestimmt auch Freude empfinden. »Einen faden Beigeschmack aber wird der Konflikt immer haben.«

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