Der Prozess um Schüsse in der Silvesternacht dauert an. FOTO: KHN
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Der Prozess um Schüsse in der Silvesternacht dauert an. FOTO: KHN

Neue Beweisanträge

Prozess um Schüsse in Silvesternacht: Verteidigung zieht alle Register

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Ein 63-Jähriger ist vor dem Landgericht angeklagt, weil er zum Jahreswechsel in Richtung seiner Frau geschossen hat. Nun überrascht die Verteidigung mit neuen Anträgen.

Eigentlich schien der Prozess vor dem Landgericht auf der Zielgeraden. Doch die Beweisaufnahme geht nun womöglich in eine weitere Runde. Und die Verteidigung zieht noch einmal etliche Register, um die Version des Angeklagten zu stützen.

Dem 63-Jährigen wird zur Last gelegt, in der jüngsten Silvesternacht dreimal in Richtung seiner von ihm getrennt lebenden Ehefrau geschossen zu haben. Sie stand auf dem Balkon ihrer Wohnung im Kreis Gießen, er lauerte unten im Garten. Die Schüsse hatte der Angeklagte am ersten Verhandlungstag gestanden - und behauptet, er habe seine Frau nur erschrecken wollen und absichtlich an ihr vorbeigezielt. Die Schüsse hatten die Frau knapp verfehlt.

Die Anklage geht dagegen von einem Mordversuch aus. Ein Gutachter des LKA hatte vor Gericht Zweifel an der Version des Angeklagten genährt: Unter den Bedingungen vor Ort aus gut 15 Metern Entfernung bewusst knapp vorbeizuzielen - das sei ein "absoluter Kunstschuss", für den es auch noch Glück brauche. Erschwerend komme ein technischer Defekt an der Tatwaffe sowie eine mit zunehmer Distanz steigende Streuung des Revolvers hinzu.

Schüsse in der Silvesternacht: noch einmal zum Tatort?

Am vierten Verhandlungstag brachte die Verteidigung nun neue Anträge ein. Beantragt wurde unter anderem, die Gegebenheiten am Tatort erneut in Augenschein zu nehmen, die genauen Standorte der Frau und des Angeklagten noch einmal zu vermessen. Rechtsanwalt Philipp Kleiner beantragte außerdem eine "Laserstrahlrekonstruktion der Projektilflugbahn". Zudem soll nach dem Willen der Verteidigung ein Sachverständiger für Fragen der Schäferei hinzugezogen werden. Es geht um die Frage, ob und inwiefern der Angeklagte sich gegenüber seinen Hütehunden brutal verhalten hat. Dies hatten dessen Frau sowie der Sohn ausgesagt, der Angeklagte bestreitet dies.

Staatsanwalt Mike Hahn sprach sich gegen diese Anträge aus. Die Gegebenheiten vor Ort seien in der Akte dokumentiert, es brauche keine weitere Besichtigung. Und er frage sich, warum die Anträge erst jetzt kommen. Das Gericht beriet hinter verschlossenen Türen knapp anderthalb Stunden darüber, ob die Beweisanträge zugelassen werden - und vertagte sich schließlich ohne Entscheidung.

Auf Antrag der Verteidigung sagte eine Polizistin am Freitag noch einmal aus. Sie hatte die Ehefrau nach der Tat befragt - unter anderem zu ihrem Standort zum Tatzeitpunkt. Nach dem ersten Schuss will sie sich Richtung Geländer bewegt haben - aber wie weit genau? Es geht um Details. "Wir sollten uns mal deutlich machen: Der Balkon ist sehr schmal. Wir streiten uns hier um ein paar Zentimeter", sagte die Beamtin im Zeugenstand.

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