Wegen Schüssen in der Silvesternacht ist ein 63-Jähriger vor dem Landgericht angeklagt. ARCHIVFOTO: KHN
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Wegen Schüssen in der Silvesternacht ist ein 63-Jähriger vor dem Landgericht angeklagt. ARCHIVFOTO: KHN

Landgericht

Prozess um Schüsse in Silvesternacht: "Absoluter Kunstschuss" oder einfach nur Glück?

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Ein 63-Jähriger schießt in der Silvesternacht in Richtung seiner Frau - und behauptet, er habe sie nur erschrecken wollen. Das Gutachten eines LKA-Sachverständigen nährt Zweifel an dieser Version.

Hat ein 63-Jähriger in der Silvesternacht versucht, seine Frau zu erschießen - oder wollte er ihr, so seine Version, mit drei Schüssen nur einen Schrecken einjagen? Am gestrigen zweiten Verhandlungstag wurde nun ein Sachverständiger des LKA vor dem Landgericht gehört.

Bei einer Durchsuchung waren beim Angeklagten auch zwei Revolver gefunden worden. Einer davon, Kaliber 22, ist laut dem Sachverständigen die Tatwaffe, dies habe der Vergleich mit einem Geschoss vom Tatort ergeben. Sein Vortrag erinnerte an eine Physikstunde, es ging um Kosinus-Berechnungen zur Schussbahn, den Luftwiderstand und mehr.

Der Angeklagte hatte gestanden, vom Garten aus in Richtung seiner von ihm getrennt lebenden Ehefrau geschossen zu haben. Sie stand damals auf dem Balkon ihrer Wohnung im zweiten Stock in einer Kreiskommune.

Ausgehend vom Schützen-Standort, den der 63-Jährige genannt hatte, stellte der LKA-Mann seine Berechungen an. Das Ergebnis: Der Schütze habe die Frau nur knapp verfehlt, ein Schuss sei nur gut zehn Zentimeter an ihrem Kopf vobeigegangen. Die Version des Angeklagten, er habe die Frau aus dem dunklen Garten heraus anvisiert, dann gezielt an ihr vorbeigeschossen und sei sich sicher gewesen, sie nicht zu treffen, erscheint nun noch zweifelhafter.

Schüsse in der Silvesternacht: Revolver mit Streuung

Unter diesen Bedingungen aus gut 15 Metern Entfernung so genau zielen zu können - "nach 30 Jahren als Schütze schaffe ich das sicher nicht", sagte der Gutachter. Zumal weitere Faktoren den Schuss erschwert hätten: Aufgrund eines technischen Defekts verschiebe sich die Kimme, also die zum Zielen dienende Kerbe an der Waffe, bei der Schussabgabe.

Außerdem feuere der Revolver mit einer Streuung, die mit zunehmender Distanz größer werde. Unterm Strich sprach der Gutachter von einem "absoluten Kunstschuss" - für den es wegen der Streuung zusätzlich noch Glück gebraucht habe, um die Frau zu verfehlen.

Am Nachmittag folgten dann die Aussagen der beiden erwachsenen Kinder des Paares. Sie wurden vor allem auch zum Angeklagten befragt - und man hätte den Eindruck gewinnen können, dass die Geschwister über unterschiedliche Väter sprechen: "Er war immer ein herzlicher Mensch", charakterisierte die Tochter den 63-Jährigen. Nach dem Auszug der Frau im vergangenen Jahr sei er dann "richtig aufgeblüht, weil er nicht mehr unter ihrer Fuchtel stand". Seither kümmere sie sich anstatt der Mutter um die Buchhaltung des landwirtschaftlichen Betriebs, sagte die Tochter. "Herzlichkeit war nicht so das Thema bei meinen Eltern", sie könne sich nicht erinnern, dass diese sich jemals umarmt hätten.

Schüsse in der Silvesternacht: Zerrüttetes Verhältnis

Nachdem die Gattin ausgezogen sei und einen Teil des gemeinsamen Vermögens mitgenommen habe, habe der Vater zwar eine Art Hass gegen sie entwickelt - "aber wer kriegt da keinen Hass?", so die Tochter. Von ernst gemeinten Bedrohungen durch den Vater oder Handgreiflichkeiten wisse sie aber nichts - mit Ausnahme einer Ohrfeige.

Dagegen stellte der Sohn den Vater als brutalen, herrschsüchtigen Menschen dar, nannte etwa ein Beispiel aus dem Jahr 2007: "Auf einmal stand er mit der Mistgabel vor mir und hat gemeint: ›Ich stech‘ dich ab!‹ 20 Jahre und länger habe ich für ihn den Deppen gemacht, und dann kommen so Sachen." Der Vater bestritt dies in einer spontanen Erklärung, die ebenfalls vom zerrütteten Verhältnis zu dem Sohn zeugte: "Er hat mir den Tod gewünscht, deshalb ist er damals enterbt worden. Jahrelang war Ruhe, das war die beste Zeit für mich."

Laut dem Sohn soll der Vater gesagt haben, die Mutter werde kein Geld von ihm bekommen, "eher würde er sie umbringen." Sein Vater sei jemand, "der am liebsten gar nichts hergibt", sagt der Sohn, während die Augen des Vaters über dem Mundschutz ein hämisches Grinsen andeuten.

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