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Rund 130 Arzneimittel sind in den Apotheken hierzulande dauerhaft nicht vorrätig. 

Fehlende Arzneimittel

Lieferengpässe in Apotheken: "So etwas habe ich in 30 Jahren noch nicht erlebt"

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Experten prophezeien, dass zwei Drittel der Apotheken auf dem Dorf die Online-Konkurrenz nicht überleben werden. Die aktuell größte Herausforderung für die Apotheken hierzulande ist allerdings eine andere.

Mira Sellheim sieht rot. 130 Mal. Sie sitzt in ihrer Apotheke in Rodheim-Bieber und klickt sich durch die Datenbank der Medikamente, die nicht verfügbar sind. 130 Arzneimittel sind es heute. "Es ist ein Desaster", sagt sie. "So etwas habe ich in 30 Jahren noch nicht erlebt." Lieferengpässe habe es schon immer gegeben. "Aber jetzt ist der Zug wirklich an die Wand gefahren."

Vor der Theke in ihrer Apotheke stehen täglich Patienten, die vor Enttäuschung schnaufen. Als Sellheim am vergangenen Montag ein Regal öffnet, um ein Medikament zu holen, ruft ihr eine Kundin hinterher: "Ich wundere mich, dass Sie nach hinten laufen und das Mittel wirklich vorrätig haben."

Sellheim kann den Ärger der Patienten verstehen. "Es ist irre, wie viel Zeit ich verliere", fügt sie hinzu. "Ich schaue zig Mal am Tag, ob sich in der Datenbank ein grüner Haken eingeschlichen hat, ob also ein Medikament wieder vorrätig ist."

Apotheken im Kreis Gießen: Ständig improvisieren

Das Problem beschäftigt sämtliche Apotheken im Kreis Gießen. Die Ursachen sind vielfältig: Aus Kostengründen werden viele Medikamente in Fernost und Indien hergestellt. Häufig kommt es in den globalen Produktionsprozessen zu Schwierigkeiten - wenn zum Beispiel Qualitätsmängel festgestellt werden. Außerdem spielen sogenannte Rabattverträge eine Rolle. Die Krankenkassen erhalten von bestimmten Herstellern Preisnachlässe für eine garantierte Mindestabnahme. Damit sind die Apotheken darauf beschränkt, je nach Kasse des Patienten nur die Produkte bestimmter Hersteller herauszugeben. Die Hersteller sind außerdem nicht verpflichtet, einen drohenden Engpass zu melden.

Sellheim und ihre Kollegen müssen ständig improvisieren. Sie weichen auf kleinere oder größere Packungen aus. "Wir geben dann auch mal doppelt so starke Tabletten aus, die der Patient dann teilen muss." Bevor sie eine Alternative bestellen kann, muss sie aber den Arzt anrufen. Die Praxis muss das Rezept ändern und neu an die Apotheke schicken. Das Improvisieren sei durchaus spannend. "Aber das ist keine Spannung, die ich gerne haben möchte."

Weiche man auf andere Arzneimittel mit vergleichbarer Wirkung aus, sei dies gefährlich. "Viele Menschen erkennen Medikamente nicht am Namen, sondern an der Form und an der Farbe." Ist die Kapsel plötzlich nicht mehr blau, sondern rot, verunsichert das Patienten. Es komme leichter zu Verwechslungen oder Fehleinnahmen. Klar ist, dass eine schnelle Lösung nicht abzusehen ist. "Markige Worte von Politikerin reichen da nicht", sagt Sellheim.

62 Apotheken im Gießener Land

Neben Lieferengpässen steht ihre Branche allerdings vor einem weitaus größeren Problem. Zunehmend bestellen Patienten Arzneimittel im Internet. Nils Seebach, Experte für digitalen Handel, hat kürzlich dem Handelsblatt gegenüber geäußert, dass zwei Drittel aller Apotheken auf dem Dorf die Online-Konkurrenz nicht überleben werden.

Es mag eine überzogene Schätzung sein, doch die Apotheker auch im Kreis Gießen stehen vor großen Veränderungen. Auf Nachfrage bei der Apothekerkammer hält sich die Branche in der Region allerdings seit Jahrzehnten bemerkenswert stabil. 62 Apotheken gibt es momentan im Gießener Land. Das ist ein moderater Rückgang um vier Geschäfte in den vergangenen 20 Jahren. "Den Apotheken im Kreis Gießen geht es okay", sagt Sellheim, die im Vorstand des Hessischen Apothekerverbands sitzt. Klar sei aber, dass die Spirale nach unten geht.

Auf die Frage, ob man das Sterben der Apotheken verhindern könne, sagt Sellheim: "Es liegt an den Leuten selbst, ob sie in die Apotheke gehen oder im Internet bestellen." Preislich könne man mit der Online-Konkurrenz nicht mithalten.

Apotheken im Kreis Gießen: "Wir erfüllen die Funktion von Seelsorgern"

Vor allem im Osten des Landkreises in Richtung Vogelsberg werde es in den kommenden Jahren problematisch. "Auf dem Dorf haben es die Apotheken schwerer als in der Stadt", sagt Sellheim, die in Rodheim-Bieber und in Gießen eine Apotheke führt und damit die Bedingungen vergleichen kann. "Wenn auf dem Land eine Arztpraxis schließt, dann schließt im selben Dorf über kurz oder lang auch die Apotheke."

Sellheim jammert allerdings nicht über die Entwicklung. Vielmehr weist sie auf die Bedeutung von Apotheken auf dem Land hin. "Sie sind kleine soziale Zentren. Persönliche Beziehungen spielen hier eine sehr große Rolle." "Die Apotheke auf dem Dorf habe eben einen barrierefreien Zugang. Jeder kann hineingehen und in aller Ruhe schwätzen, sich ausheulen oder auch mal philosophische Dinge ergründen."

Man erfülle die Funktion von Seelsorgern. "Wir helfen Patienten auch mal, den Antrag für die Busfahrkarte auszufüllen." Man sei auch Kummerkasten. "Auf dem Land ist der Kontakt mit den Patienten viel intensiver", sagt Sellheim. "Aber das macht unseren Beruf auch schön."

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