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Auch das gehört zur Juniorwahl: Schülerinnen und Schüler zählen die Stimmen aus.

Juniorwahl

Probelauf für Bundestagswahl an Schule: Jugendliche haben eindeutigen Favoriten

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Wer die Bundestagswahl gewinnt, steht noch in den Sternen. Bei einer Juniorwahl geben zurzeit Jugendliche bundesweit ihr Votum ab, an der Lollarer Clemens-Brentano-Europaschule ist der Urnengang schon abgeschlossen. Matthias Payer, dortiger Leiter des gesellschaftwissenschaftlichen Aufgabenfeldes, äußert sich im Interview zu den Ergebnissen.

Herr Payer, bei der Juniorwahl an der CBES haben über 700 Schülerinnen und Schüler ab der neunten Klasse mitgemacht. Wie fällt das Ergebnis aus?

Bis jetzt relativ eindeutig: Die SPD liegt bei den Erst- und Zweitstimmen im Trend deutlich vorne. Deren Direktkandidat Felix Döring hat bei unserer Podiumsdiskussion letzte Woche einen sehr jugendlichen Eindruck gemacht, Sympathie spielt bei der Juniorwahl sicher auch eine Rolle. Danach geht die Tendenz bei den Erststimmen mit deutlichem Abstand in Richtung CDU und noch einmal weit dahinter in Richtung FDP und Grüne, andere Parteien sind mit einigen wenigen Stimmen abgeschlagen. Bei den Zweitstimmen lässt sich ebenfalls ein Trend zur SPD ablesen, gefolgt von der FDP, den Grünen und der CDU. Das Interesse an der Wahl war insbesondere bei den Erstwählern in den Jahrgängen zwölf und 13 sehr groß. Das endgültige Ergebnis wird am Sonntagabend auf der Internetseite der Juniorwahl veröffentlicht.

Sie sind seit 2018 an der CBES, haben zuvor aber auch an anderen Schulen Juniorwahlen organisiert. Inwiefern ist das Wahlergebnis diesmal anders?

Beim letzten Mal sind die Grünen in der Schülergunst regelrecht durch die Decke gegangen, sicher auch vor dem Hintergrund von »Fridays for Future«. Damals waren diese auch bei Social Media deutlich am fittesten.

Probelauf zur Bundestagswahl an Schule in Lollar: „Politisches Interesse gestiegen“

Das hohe Interesse an der Wahl scheint gegen die manchmal geäußerte These zu sprechen, dass Jugendliche nicht an Politik interessiert seien.

Ja, das politische Interesse der Schüler, ihre Stimme abgeben zu können, ist aus meiner Sicht gestiegen. Sie versuchen, Argumente der Parteien nachzuvollziehen, am politischen Leben teilzunehmen und die Gesellschaft zu verändern. Doch die Bindung an Parteien sinkt, die allerwenigsten Schülerinnen und Schüler sind in Parteien aktiv. Das Wählengehen spielt eine große Rolle, weniger das Gewähltwerden. Und gerade Schüler, die beispielsweise aus Ländern wie Afghanistan kommen, empfinden das Wählen als Privileg und freuen sich über diese Möglichkeit.

Jugendliche haben mehr Zukunft als andere vor sich, sind als Wählergruppe aber deutlich in der Minderheit. Inwieweit fühlen sich die Schülerinnen und Schüler im aktuellen Wahlkampf überhaupt angesprochen?

Sie finden sich in vielen Themen wieder, etwa beim Klimaschutz oder der Rente, fühlen sich aber weniger direkt angesprochen. Manche nehmen sich regelrecht als eine fehlende Lobby-Gruppe wahr. Während Corona haben die Schüler lange Solidarität geübt, werden aber letztlich bei den Entscheidungen ausgenommen. Da fehlt es an Einfluss auf die konkrete Gestaltung der Politik. Die Jugendlichen haben daher verstanden, dass gerade bei den Jungwählern jede Stimme zählt.

Lehrer Matthias Payer

Sie haben im Politikunterricht auch über eine Absenkung des Wahlalters auf 16 gesprochen, was halten die Jugendlichen davon?

Die Schüler sind da hin- und hergerissen. Teils fühlen sie sich nicht kompetent beziehungsweise informiert genug und sind dankbar, wenn wir das Thema Wahlen im Politikunterricht umfänglich vorbereiten. Es gäbe auch andere Möglichkeiten, die Interessen junger Menschen stärker zu berücksichtigen, wir haben unter anderem über zwei spannende Ansätze gesprochen: Einmal die Theorie der aleatorischen Demokratie. Danach würde ein Teil der Mitglieder des Parlaments »gewürfelt« beziehungsweise ausgelost werden. So könnten theoretisch auch Schüler gezogen und als Vertreter ihrer Generation entsendet werden. Das ist zwar zunächst eine Utopie, aber mit pragmatischem Hintergrund. Die Zusammensetzung des Parlaments würde sich sicher verändern, heute sitzen im Bundestag ja überwiegend ältere Männer mit akademischer Ausbildung.

Probelauf zur Bundestagswahl in Lollar: Schüler informieren sich per Social Media

Was ist der zweite Ansatz?

Dass Menschen, die Kinder haben, auch für diese eine Stimme abgeben können. Sie sind schließlich ein Teil der Gesellschaft. Als Vater treffe ich ja im Alltag auch Entscheidungen für meine Kinder. Manche meinen zwar, dieses Modell könnte auch zu einem »Stimmenfehlgebrauch« führen. Aber das halte ich für ein abwegiges Argument, das man dann auch bei der Verwendung des Kindergeldes bringen könnte. Die Schüler in der Mittelstufe sind über dieses Modell teils verwundert, weil sie nicht wollen, dass über sie bestimmt wird. Es sind Gedankenspiele.

Kürzlich hat der Youtuber Rezo in einem Video Korruption und Lobbyismus, vor allem bei der CDU, angeprangert. Inwieweit spielen solche Quellen für die Jugendlichen eine Rolle?

Die Schüler informieren sich über eine breite Masse an Formaten - primär dort, wo sie unterwegs sind, also etwa bei Social Media wie Instagram oder Snapchat, bei Facebook sind viele nicht mehr. Formate von etwa Gleichaltrigen, zum Beispiel Rezo, sind da noch ein wichtiger Faktor. Die Recherchearbeit, die bei ihm dahintersteckt, muss auch nicht zwangsläufig hinter etablierten Medien zurückstehen. Er nutzt öffentliche Quellen, die aber auf eine bestimmte Art »passgenauer« für Jugendliche vermittelt werden.

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