In der kleinen Halle am Rande des Grundstücks der Familie in Treis hat ein ehemaliger Polizist im Juli 2014 seine Ehefrau umgebracht. ARCHIVFOTO: KHN
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In der kleinen Halle am Rande des Grundstücks der Familie in Treis hat ein ehemaliger Polizist im Juli 2014 seine Ehefrau umgebracht. ARCHIVFOTO: KHN

Vom Polizist zum Mörder

  • Susanne Riess
    vonSusanne Riess
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Der Fall erschüttert ein ganzes Dorf: Im Juli 2014 tötet ein Ex-Polizist in Treis seine Ehefrau. Ein Jahr später wird der Mann von der Schwurgerichtskammer des Gießener Landgerichts wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die Menschen im Ort sind fassungslos. Wie konnte das passieren? Hätte die schreckliche Tat in der Straße Am Falltor vielleicht sogar verhindert werden können? Warum musste die Lehrerin auf so brutale Weise sterben?

Nach dem Täter müssen die Ermittler nicht lange suchen. Am Nachmittag des 19. Juli 2014, ein Samstag, ruft der damals 55-Jährige selbst bei der Dienststelle der Polizei in Gießen an und teilt mit, dass er gerade seine Frau umgebracht habe. Als die sofort eingesetzten Polizeibeamte am Tatort eintreffen, finden sie die 51-jährige Frau mit einer Stichverletzung tot in einer Halle liegend vor. Als mögliches Tatwerkzeug wird ein Messer sichergestellt.

Später beim Prozess, der im Januar 2015 beginnt, werden grausame Details bekannt. Der gebürtige Gießener soll sein Opfer mit einem über 800 Gramm schweren und 43 Zentimeter langen Dolch attackiert haben. Nach einem Tritt in den Bauch soll er seiner Ehefrau mit dem massiven Dolchknauf auf den Kopf geschlagen haben, bevor er sie zu Boden riss, ihr mit der Waffe in den Hals stach und sie dann erwürgte.

Der gewaltsame Tod der Frau sorgt für Entsetzen im Ort. Der damalige Ortsvorsteher von Treis, Roland Ehmig, sagt am Montag nach der Tat: "Alle im Ort sind sehr bedrückt; das macht betroffen." Und nicht nur in Treis sind die Menschen geschockt, auch an einer Schule in Gießen sorgt die Nachricht für blankes Entsetzen bei Schülern und Kollegen. Dort war die Getötete als stellvertretende Schulleiterin tätig, lehrte zudem Biologie und Französisch an mehreren Schulen im Kreis Gießen.

Was führte zu der brutalen Tat? Das Ehepaar lebt zum Tatzeitpunkt bereits seit mehr als zwei Jahren getrennt. Gegenüber Zeugen soll die Lehrerin geäußert haben, sich von ihrem Mann "eingeengt" zu fühlen und "keine Luft mehr zum Atmen" zu haben.

Die Frau, die im benachbarten Allendorf/Lumda wohnt, ist an jenem Julitag nach Treis gekommen, um den Wohnwagen vom Gelände der Familie zu holen, um in den Urlaub zu fahren. Es ist ihr Elternhaus - und nun ein Tatort.

Aber warum? Für die Staatsanwaltschaft ist das Motiv klar: Der Angeklagte habe weder die Trennung von seiner Frau noch den bevorstehenden Verkauf des Hauses akzeptiert. Der Treiser habe seiner Frau immer wieder nachgestellt, sie mit SMS bombardiert und verängstigt. Dennoch habe sie die Scheidung vorangetrieben, auch den Verkauf ihres Elternhauses, in dem ihr Mann noch immer mietfrei wohnte, schildert Staatsanwalt Thomas Hauburger im Prozess. Er geht von einem Mord aus Heimtücke und niederen Beweggründen aus. Hauburger sagt, der Mann habe gegenüber seiner Frau absolute Macht- und Besitzansprüche gehegt.

Der bei der Tat 55-Jährige ist bei der Polizei kein unbeschriebenes Blatt. Zum einen, weil er selbst als Polizist tätig war, zum anderen hatte er sich im Juni 2012 in einer Garage in Treis verbarrikadiert und gedroht, sich das Leben zu nehmen, falls seine Frau nicht komme und mit ihm rede. Damals ist ein Großaufgebot der Polizei vor Ort. Erst nach mehreren Stunden und unzähligen Gesprächen gelingt es, den ehemaligen Polizisten dazu zu bringen, die Garage zu verlassen.

Daraufhin wird der Mann in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Dort hat der wegen eines Rückenleidens bereits pensionierte Polizist begonnen, sich in "Gewaltfantasien" auszumalen, wie er seine Frau zurückbekommen kann, erläutert Staatsanwalt Hauburger während des Prozesses. Und zwar sehr brutal und immer konkreter.

Immerhin: die Idee, die dem Täter zuerst vorschwebt, hätte die Frau wohl überlebt. Der Treiser hat Kontakt zu drei Männern aufgenommen, und will sie dafür bezahlen, dass diese seine Frau verletzen oder gar entführen. Er habe in beiden Fällen als Retter auftreten wollen, um sich dann um seine Frau "kümmern" zu können.

Bei der Polizei haben diese Männer die Absichten des Treiser bestätigt und auch eingeräumt, hohe Summen Bargeld - insgesamt 160 000 Euro - von ihm erhalten zu haben.

Laut Hauburger ist der Ex-Polizist immer brutaler und rabiater geworden und habe schließlich dafür bezahlen wollen, dass seine Frau stirbt. In einer Vernehmung hat das Ganoven-Trio den Treiser mit den Worten zitiert: "Wenn ich sie nicht kriegen kann, soll sie keiner kriegen." Und: "Bevor ich mich scheiden lasse, bringe ich sie um."

Dass er die brutale Tat von langer Hand geplant hat, bestreitet der Angeklagte vor Gericht immer wieder. "Ich wollte nur reden", beteuert er unter Tränen. Er habe einen enormen Druck verspürt. Immer wieder habe er gehofft, dass seine Frau doch noch zu ihm zurückkehren würde. Er habe Antworten für die vergangenen zwei Jahre gesucht.

Diese "Unterredung" endet an jenem Sommertag für die Lehrerin tödlich. Die zierliche Frau habe keine Chance gegen ihren 120 Kilogramm schweren Mann gehabt, sagt Staatsanwalt Hauburger. Die Verletzungen sprächen für eine massive Gewalteinwirkung. Auch von einer Tat im Affekt sei nicht auszugehen. Er habe sein Opfer heimtückisch überrascht, weshalb er schließlich auch wegen Mordes verurteilt wird.

Zwar geht der Ex-Polizist gegen das Urteil in Revision, doch die verwirft der Bundesgerichtshof in Karlsruhe endgültig im März 2016. Es bleibt bei "lebenslang".

Frühestens nach 15 Jahren besteht daher die Möglichkeit zu überprüfen, ob der Rest der Strafe auf Bewährung ausgesetzt werden kann.

Doch die Fassungslosigkeit bleibt. Sowohl bei den Hinterbliebenen der Getöteten als auch bei den Menschen in Treis und in der näheren Umgebung.

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