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Schwere Unfälle mit Motorrädern haben die Polizei im Kreis Gießen auch 2019 beschäftigt, unter anderem auf der B 276.

Interview

Polizeisprecher über Unfälle auf B 276: Teilsperrung für Motorräder möglich 

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Verkehrsunfälle, Raub, organisierte Kriminalität: Im Interview blickt Polizeisprecher Jörg Reinemer auf 2019 zurück - und äußert sich auch zu einer beliebten Motorrad-Strecke, auf der es häufiger kracht.

Herr Reinemer, war 2019 aus Sicht der Polizei eher ein gutes oder ein schlechtes Jahr?

Es war wieder ein sehr kurzweiliges Jahr mit vielen Einsatzlagen, auch vielen neuen Herausforderungen. Zusammenfassend war es ein sehr erfolgreiches Jahr. Natürlich gibt es immer Sachen, die man ausbauen beziehungsweise verbessern kann.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Beispielsweise im Stadtgebiet wollen wir nächstes Jahr bei den sogenannten "Autoposern" unsere bisherigen Maßnahmen im Rahmen des Konzeptes "Sicheres Gießen" weiter intensivieren. Wir wollen den Fahrern, die ihr Auto illegal umbauen und verändern, mit Maßnahmen, die wehtun, zeigen, dass sie deutlich über Grenzen gehen. Strafen von 40 oder 60 Euro interessiert dieses Klientel oft weniger. Die Sicherstellung des Autos könnte eine solche Maßnahme sein.

Ist das auch im restlichen Landkreis ein Problem?

Da gibt es in der Stadt und im Landkreis Gießen schon unterschiedliche Szenen. Wir haben gerade im östlichen Landkreis, in Grünberg, Laubach, Hungen, eine Szene von Driftern. Wir haben immer wieder Erkenntnisse, dass es da zu diesen Fahrmanövern kommt, die auf keinen Fall in Ordnung sind. Diese Szene rekrutiert sich oftmals aus jüngeren Männern, die Spaß an der Bastelei haben, ihr Auto umbauen und dann möglicherweise durch waghalsige Fahrmanöver auffallen. Das Problem in diesem Bereich stellt sich in der Stadt Gießen etwas anders dar. Da haben wir eher sogenannte Poser und Tuner. Sie fallen durch massiven Lärm auf und belästigen Anwohner und Passanten. Solche Fahrer missachten oftmals die Verkehrsregeln sehr massiv. Wir müssen jeweils genau hingucken. Aber wenn ein 18-Jähriger beispielsweise mit einem hochmotorisierten Sportwagen unterwegs ist und sich schon nicht an die Verkehrsregeln hält, dann muss eingeschritten und ihm gezeigt werden: So nicht.

Polizeisprecher im Interview: Großbrand bleibt in Erinnerung

Welche Ermittlungen und Ereignisse im Kreis Gießen werden Ihren Kollegen besonders in Erinnerung bleiben?

Da fällt mir der Großbrand der Kita "Rappelkiste" in Heuchelheim ein - ein Brand mit einem verheerenden Verlauf. Die Ermittlungen sind erfolgreich verlaufen, die Verdächtigen konnten ausgemacht werden. Aber es war natürlich auch für die Kinder dort und das Umfeld ein schwerer Schlag. Aufwändig bei den Ermittlungen war auch der Raub in Laubach-Gonterskirchen im März, da sind die Täter auch recht schnell ermittelt und vor Gericht gestellt worden. Der Hintergrund war wohl Drogenhandel.

Polizeisprecher Jörg Reinemer

Beobachten Sie, dass bestimmte Delikte zunehmen?

Was uns in den vergangenen Monaten massiv beschäftigt hat, sind Delikte zum Nachteil älterer Menschen. Da haben wir eine extreme Zunahme der Anrufe und der Professionalität, mit der die Täter vorgehen. Wir hatten Fälle, wo die Betroffenen teils mehrere Zehntausend Euro bezahlt haben. Die Spannbreite der Lügen, die Täter verbreiten, ist enorm.

Wie gehen die Täter vor?

Es fängt an mit dem "Klassiker", dem falschen Polizeibeamten. Aber nicht nur das: Die Anrufer sitzen oftmals in Callcentern im Ausland, sind gut ausgebildet und sprechen Hochdeutsch. Da wird dann an den "Staatsanwalt" weiterverbunden und so weiter. So werden vornehmlich ältere Leute bei der Stange gehalten, gezielt manipuliert und ausgenutzt. Das ist schlimm, unterste Schublade. Außerdem gibt es viele Fälle des Gewinnspielbetruges, da heißt es dann zum Beispiel: Sie haben 40 000 Euro gewonnen, müssen aber 1200 Euro als Gebühr bezahlen. Natürlich bekommen die Opfer nie Gewinne, nachdem sie bezahlt haben.

Ist der "Enkeltrick" noch immer eine gängige Masche?

Schockanrufe, Enkeltrick - die Palette ist unheimlich breit. Die Täter bedrängen die Opfer telefonisch massiv innerhalb kurzer Zeit. Wir stellen auch fest, dass es mitunter 30, 40 Anrufe dieser Art an einem Tag in einer Stadt wie Gießen gibt. Dann wissen wir: Hier ist möglicherweise ein Geldabholer. Das Callcenter ist weit weg, die Anrufer positionieren dann jemanden gezielt in diesem Umfeld. Im "Erfolgsfall" ist der in wenigen Minuten da, um das Geld abzuholen. Wir hatten Fälle unter anderem in Linden und Lollar, das ist überall ein Problem. Die Täter sichten Telefonbücher, suchen "alte" Vornamen, dann werden die potenziellen Opfer abtelefoniert. Und wenn es beim 100. Versuch klappt, haben sie ihren Erfolg.

Polizeisprecher im Interview: "Perfide organisierte Kriminalität"

Gehen Sie davon aus, dass die meisten dieser Vorfälle auch angezeigt werden?

Natürlich ist die Erfassung schwierig, weil glücklicherweise vieles im Versuchsstadium steckenbleibt und nicht angezeigt wird, auch weil die Opfer sich schämen. Da sind wir präventiv aktiv, aber wir appellieren immer wieder an die Kinder älterer Menschen und auch Mitarbeiter von Banken, dass genau hingeguckt wird.

Welche Möglichkeiten haben Sie, um an die Hintermänner, etwa in der Türkei, heranzukommen?

Meine Kollegen tun da alles, um an die Hintermänner zu kommen. Wir haben schon mehrere der sogenannten Abholer festgenommen - also diejenigen, die das Geld an der Haustür oder sonst wo entgegennehmen. Das sind zumeist nur kleine Lichter in dieser Kette der perfiden organisierten Kriminalität, so kann man es schon nennen. Aber an die Hintermänner zu kommen, ist sehr schwierig.

Ein ganz anderes Thema: Auch 2019 hat es wieder schwere Verkehrsunfälle im Kreis gegeben. Wo lagen Schwerpunkte, wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Wir hatten auf der B 276 zwischen Laubach und der Grenze zum Vogelsbergkreis mehrere schwere Unfälle mit Motorrädern, teilweise mit tödlichem Ausgang. Die Ursachen sind verschieden. Wir haben dort viele Kontrollen durchgeführt, und man muss sagen: Es sind nur wenige, die negativ herausstechen und dort so fahren, wie sie nicht sollen; auf dem Teilstück zum Beispiel zu schnell unterwegs sind und gefährliche Überholmanöver durchführen. Diese wenigen Raser machen uns Sorgen und viele Probleme. Das müssen wir weiter beobachten, insbesondere dann, wenn die Saison im Frühjahr wieder losgeht. Unser Verkehrsdienst ist mit anderen Behörden und der Kommune im Gespräch, was dort gemacht werden kann.

Polizeisprecher im Interview: Besorgnis über viele Unfälle

Welche Maßnahmen wären angemessen?

Da ist vieles möglich - bis hin zu einer Sperrung von Strecken für Motorräder durch die Verkehrsbehörde. Man muss abwarten, aber es ist schon besorgniserregend, dass wir dort insbesondere von April bis Juni viele auffallend schwere Unfälle hatten.

Unter welchen Umständen würde es zu einer Sperrung für Motorräder kommen?

Wir als Polizei sind in einer Art Kommission ein Mitglied, letztendlich durchsetzen können wir so etwas nicht. Diese Entscheidung liegt bei anderen Behörden. Dies war bei uns schon Thema. Zumindest eine Prüfung wurde bereits in Erwägung gezogen.

Auch auf der B 457 zwischen Gießen und Hungen hat es immer wieder gekracht. Mittlerweile gibt es dort in den Einmündungsbereichen Tempolimits, und es wurde im März eine Ampel installiert. Haben sich diese Maßnahmen bewährt?

Diese Strecke macht uns seit mehreren Jahren Sorgen. Vor einigen Wochen gab es dort einen schweren Unfall mit zwei Toten. Der Grund war vermutlich ein Fahrfehler und Drogenkonsum des Unfallverursachers. Es wird beobachtet, wie sich die Ampelanlage und die Tempobegrenzungen auswirken, gerade an der Zufahrt zur A 5. Oft liegen Unfälle an persönlichen Fehlern der Verkehrsteilnehmer, die kann man natürlich nie ausschließen. Es gab anfangs durch die Ampelanlage einige Auffahrunfälle, aber ich denke, das ist auch möglicherweise dieser neuen Einrichtung geschuldet, manche waren erstmal überrascht. Die Polizei und die Verkehrsbehörde werden dicht an dem Problem bleiben.

Ein Thema, das in den Medien immer wieder auftaucht, sind von älteren Menschen verursachte Unfälle. Manche fordern, dass die Fahrtauglichkeit in gewissen Abständen überprüft wird. Wie stehen Sie dazu?

Tatsächlich haben wir in den vergangenen Jahren einen steigenden Anteil älterer beteiligter Personen bei Unfällen, aber das hat auch mit dem gestiegenen Altersdurchschnitt der Bevölkerung zu tun. Natürlich gibt es Fälle, wo man sagt: Der Mann oder die Frau darf aufgrund des körperlichen Zustands nicht mehr Auto fahren. Aber es gibt auch viele Fälle, wo es weiterhin möglich ist. Wir bieten unser Präventionsprogramm "MAX" an, ein Präventionsprojekt für die Generation 65 plus. Oft ist es auch in Zusammenarbeit mit Angehörigen möglich, weiter am Straßenverkehr teilzunehmen. Wichtig ist, in Absprache mit den Angehörigen zu erkennen: Bin ich noch fit, ein Auto zu führen oder nicht?

Sie hatten Ende vergangenen Jahres gesagt, dass Sie sich für 2019 weniger Übergriffe auf Polizisten und Rettungskräfte wünschen. Hat sich das erfüllt?

Die Angriffe auf und Beleidigungen von Kolleginnen und Kollegen, aber auch Rettungskräften, sind weiter sehr hoch. Natürlich müssen wir die Zahlen für 2019 abwarten, aber es ist auf keinen Fall abzusehen, dass es da einen erkennbaren Rückgang gibt. Das macht uns allen bei der Polizei große Sorge.

Zur Person

Polizeisprecher Jörg Reinemer

Jörg Reinemer ist 51 Jahre alt und seit 2011 Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Polizeipräsidiums Mittelhessen. Zuvor war Reinemer bei der Kriminalpolizei in der Wetterau und hat im K 10 Gewaltdelikte bearbeitet. Insgesamt sind im Polizeipräsidium Mittelhessen laut Reinemer rund 15 Mitarbeiter mit Öffentlichkeitsarbeit und Social Media beschäftigt.

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