Unfälle 2017

Polizei zieht Bilanz für 2017: Zehn tödliche Unfälle, eine Strecke ist besonders gefährlich

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Welche Strecken im Kreis Gießen sind besonders gefährlich? Wo sind neue Unfallschwerpunkte entstanden? Polizeisprecher Jörg Reinemer zieht Bilanz.

Herr Reinemer, über welche Unfallursache ärgern Sie sich am meisten?

Jörg Reinemer: Bei schweren Unfällen ganz klar über die zu hohen Geschwindigkeiten. Das hat jetzt im Winter auch oft etwas mit zu schnellem Fahren bei ungünstigen Witterungsverhältnissen zu tun – mit leider verheerenden Folgen.

Was war 2017 die gefährlichste Strecke im Landkreis?

Reinemer: Eine der unfallträchtigsten Strecken im Landkreis ist weiter die B 457. Hier gab es auch 2017 erneut eine Vielzahl schwerer Unfälle.

Die B 457 bleibt also ein Sorgenkind. Woran liegt das?

Reinemer: Das hat viele Ursachen. Zum Einen liegt es am starken Verkehrsaufkommen. Dort sind viele Pendler unterwegs, und zwar in beiden Richtungen. Der große Anteil der Lastwagen ist ebenfalls eine Belastung für diese Bundesstraße. Grundsätzlich kann für diese Strecke festgestellt werden, dass mehrere Straßen in die B 457 einmünden, wie beispielsweise das Europaviertel, der Bereich rund um Steinbach, aber auch um Lich. Hinzu kommt, dass auf einer Bundesstraße gerne Geschwindigkeiten um 100 km/h gefahren werden. Im Ergebnis kann dies zu einem schwerwiegenderen Unfallgeschehen führen. Aufgrund der Entwicklung in der Vergangenheit wurden die beschriebenen Einmündungsbereiche deshalb nach und nach mit Geschwindigkeitsbeschränkungen bedacht.

Was für neue Unfallschwerpunkte haben sich in diesem Jahr ergeben?

Reinemer: Der Bereich der Auf- und Abfahrten zur A 5 bei Steinbach ist ein solcher. Dort hat es viele, teils auch schwere Unfälle gegeben. Die Ursache war meist Vorfahrtsmissachtung.

Was muss sich an dieser Stelle ändern?

Reinemer: Da kommen einige Maßnahmen in Frage. Man könnte eine Ampel installieren, aber dann würde sich der Verkehr vor allem morgens und abends lange stauen. Ein Kreisverkehr braucht viel Platz und kostet eine Menge Geld. Und ob es Sinn ergibt, die an dieser Stelle schon auf 80 begrenzte Geschwindigkeit noch einmal auf 60 zu senken, ist die Frage. Es ist immer ein Spagat, auf der einen Seite soll der Verkehr schnell fließen, andererseits soll es so sicher wie irgendwie möglich sein.

Wie effektiv sind Radarkontrollen?

Reinemer: Das kommt darauf an. Es ist immer am besten, wenn man die Temposünder direkt anhält. Dann folgt die Strafe sozusagen auf dem Fuß. Wenn der Bescheid aber erst später per Post zugestellt wird und manch einer noch seinen Anwalt einschaltet, verpufft die Wirkung. Wir haben in diesem Jahr viele Kontrollen durchgeführt und dabei festgestellt, dass die Leute oftmals während der Fahrt mit dem Handy telefonieren.

Oftmals hatte fast ein Drittel aller überprüften Verkehrsteilnehmer das Handy entweder am Ohr oder in der Hand

Jörg Reinemer, Polizeisprecher

Mit welchem Ergebnis?

Reinemer: Mit einem eher traurigen. Oftmals hatte fast ein Drittel aller überprüften Verkehrsteilnehmer das Handy entweder am Ohr oder in der Hand. Dabei ist das Fahren dann möglicherweise wie ein Blindflug. Die Leute machen sich gar nicht bewusst, dass nur ein Blick aufs Handy bei höherer Geschwindigkeit schon bedeuten kann, für knapp 100 Meter nicht auf die Straße geschaut zu haben.

Wie lässt sich überhaupt nachweisen, ob jemand gerade telefoniert hat?

Reinemer: Das klappt am besten, wenn zwei Streifen beteiligt sind. Die eine beobachtet den vorbeifließenden Verkehr und meldet dann, wer am Steuer das Handy bedient hat. Eine weitere Streife hält diesen Verkehrsteilnehmer an. So etwas bei Unfällen nachträglich zu rekonstruieren, ist deutlich schwieriger. Da muss man die Mobiltelefone auslesen lassen.

Was droht jemandem, der während der Fahrt telefoniert?

Reinemer: Seit Herbst 2017 gibt es härtere Sanktionen. 100 Euro Bußgeld und einen Punkt gibt es für das bloße Telefonieren am Steuer. Lässt sich über Zeugen nachweisen, dass jemand wegen eines Handygesprächs mit seinem Fahrzeug sogar ins Schlingern gerät, sind es 150 Euro, zwei Punkte und ein Monat Fahrverbot. Wurde wegen der Telefoniererei ein Unfall verursacht, sind 200 Euro fällig. Zwei Punkte und einen Monat Fahrverbot gibt es obendrauf.

Was waren 2017 die häufigsten Unfallursachen?

Reinemer: Da hat sich in den letzten Jahren nicht viel geändert. Hauptursachen sind weiter zu hohe Geschwindigkeit, Vorfahrtsmissachtung und zu geringer Abstand.

Hat sich denn im Vergleich von vor 20 Jahren etwas geändert?

Reinemer: Zu hohe Geschwindigkeit war und ist eine der Hauptursachen für schwere Unfälle. Allerdings hat sich die Zahl derjenigen, die während der Fahrt Handygespräche führen, sehr wahrscheinlich deutlich erhöht. Natürlich spielt dabei auch eine Rolle, dass heutzutage praktisch jeder ein Mobiltelefon hat.

Im Radio wird jetzt praktisch bei jeder Unfallmeldung darauf hingewiesen, dass an eine Rettungsgasse gedacht werden muss

Jörg Reinemer, Polizeisprecher

Wie bewerten Sie die verschärften Sanktionen für Autofahrer, die keine Rettungsgasse bilden und so möglicherweise Einsatzkräfte behindern?

Reinemer: Das vorherige Bußgeld von 20 Euro war sehr gering und zeigte eher eine geringe Wirkung. Jetzt geht es bei 200 Euro los, das zeigt eine ganz andere Wirkung. Wir freuen uns auch, dass die Medien sich dieses Themas angenommen haben. Im Radio wird jetzt praktisch bei jeder Unfallmeldung darauf hingewiesen, dass an eine Rettungsgasse gedacht werden muss.

2015 lag die Zahl der Verkehrstoten bei 21, 2016 war es einer. Und in diesem Jahr sind es bisher zehn Unfälle mit tödlichem Ausgang. Woran liegen die Schwankungen?

Reinemer: Das ist unheimlich schwer auszumachen, denn die Ursachen der einzelnen Unfälle waren teilweise völlig verschieden. Es ist oft so, dass tragische Zufälle eine Rolle spielen. Wenn ein Auto ins Schleudern gerät und quer über die Fahrbahn in den Graben schießt, kann das noch glimpflich ausgehen. Wenn aber just in diesem Moment ein anderes Auto entgegenkommt und frontal in das andere Fahrzeug prallt, kann es Tote oder Schwerverletzte geben.

War 2017 eher ein schlimmes oder ein glimpfliches Jahr?

Reinemer: Ich würde die Formulierung durchschnittlich wählen. Doch jeder Tote im Straßenverkehr ist einer zu viel.

Info

2018 gibt es neue Kameras

Im Januar erhält die hessische Polizei für Streifenwagen spezielle Kameras, mit denen gleichzeitig nach vorne und hinten gefilmt werden kann. Damit sollen beispielsweise auf der Autobahn Verkehrsteilnehmer, die keine Rettungsgasse bilden oder diese unerlaubt benutzen, besser erfasst werden können.

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