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Unter der majestätischen Linde an der Grüninger Kirche hat ein Spaziergänger den Schädel gefunden. Es ist dort nicht der erste Fund dieser Art in den vergangenen Wochen.

Entdeckung beim Spazieren

Pohlheimer findet bis zu 800 Jahre alten Schädel - Vier weitere Skelette geborgen

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Ist es ein Stein? Oder ist es ein Schädel? Diese Frage stellte sich ein Spaziergänger, als er in Grüningen die Baustelle an der Kirche in Augenschein nahm - und ihm ein gelblich-bräunlicher Gegenstand im Erdboden auffiel. Gefunden hat er einen Kopf aus dem Mittelalter.

Oben auf dem Hügel thront erhaben eine Linde. Unten auf der Baustelle an der Grüninger Kirchenmauer bricht derweil ein kleiner Streit aus. "Da liegt doch ein Schädel in der Erde", sagt ein Spaziergänger. "Das ist nur ein Stein", widerspricht ein Bauarbeiter und winkt ab. Kurz darauf aber kratzt Bernd Leidich, der Spaziergänger, mit den Fingern an der Erde, dann spült er den gelblich-bräunlichen Gegenstand mit einem Wasserschlauch ab - und legt tatsächlich einen Schädel frei. Ein Archäologe bestimmt das Alter auf 600 bis 800 Jahre. Es ist nicht der erste Fund dieser Art in den vergangenen Wochen.

Vier weitere Skelette geborgen

Bereits im Juni wurden an der Stelle Knochen und vier Skelette entdeckt. Für Archäologe Andreas König, der die Bauarbeiten zur Sanierung der Kirchenmauer begleitet, steht fest: "Sie stammen aus dem Spätmittelalter". Genauer: aus der Zeit zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert. Bei zwei Skeletten handle es sich um ein fünf und ein vier Jahre altes Kind, hat Anthropologin Chiara Girotto herausgefunden. Außerdem habe man die Gebeine einer mehr als 60 Jahre alten Frau ausgegraben. König fügt ein weiteres Detail hinzu: "Das vier Jahre alte Kind und die 60 Jahre alte Frau hatten Karies."

Zwei Schädel wurden im Boden gelassen, um sie nicht zu beschädigen. "Sie wären durch das Ausgraben geköpft worden", erklärt König.

"Der Friedhof war wohl schnell gefüllt"

Die Datierung auf das Spätmittelalter führt er auch auf archäologische Befunde an der Stelle zurück. In einer Grube habe man Keramik und Glasscherben aus der Zeit gefunden. Die Grube sei zudem mit schwarzem Material aufgefüllt gewesen, dabei handle es sich vermutlich um Humus.

Spektakulär sind die Funde nicht, wie König hervorhebt. Es ist bekannt, dass der Hof vor der Kirche im Ort einst als Friedhof diente. Einige alte Grabsteine sind noch erhalten. Bereits in den 1960er Jahren war dort außerdem bei Arbeiten ein Grab gefunden worden, damals an der östlichen Seite zur Taunusstraße - nun westlich der Kirche an der Pfarrgasse. "Der Friedhof war wohl schnell gefüllt", sagt König.

Durch die Bauarbeiten zur Sanierung der Kirchhofmauer und vor allem aufgrund des Regens der vergangenen Woche geriet nun auch der Schädel ans Tageslicht der Oberfläche. Die geborgenen Gebeine lagen zum Teil nur 70 Zentimeter unter der Erde. "Wir haben entlang der Kirchhofmauer einen zwei Meter breiten Schnitt angelegt", berichtet König. Diesen habe man dann mit mit einem Minibagger abgetieft. Dabei seien sie auf die Skelette gestoßen.

Skelette erstaunlich gut erhalten

Verwunderlich ist allerdings zumindest für den Laien, wie gut erhalten die Skelette noch sind. "Das ist tatsächlich ein Glücksfall", sagt der Archäologe. Ein Grund dafür sei der kalkhaltige Boden. Die Kirche und der einstige Friedhof liegen außerdem auf einem Hügel, höher als die anliegende Straße; an die Stelle ist daher kein Grundwasser gelangt.

Nicht Überrascht über die Funde ist auch Martin Noack, Vorsitzender des Grüninger Kirchenvorstands,. "Das war zu erwarten", sagt er. Aus diesem Grund habe man die Sanierungsarbeiten der Kirchhofmauer auch von Archäologen des Unternehmens "Spau" begleiten lassen.

Reiche Geschichte Grüningens

Ganz nebenbei machen die Entdeckungen auf die reiche Historie Grüningens aufmerksam. Vor 600 Jahren waren die übrigen heutigen Pohlheimer Dörfer noch sehr beschaulich, da war Grüningen bereits eine Stadt. Wer hier einen Spaziergang unternimmt, stößt immer wieder auf Gebäude und Mauerwerke, die Geschichte atmen - wie der 1713 aus einer früheren Windmühle entstandene Hoinkdippe, die um 1400 erbaute Stadtmauer, der Diebsturm und die liebevoll renovierte Burgruine. Bereits in der Steinzeit siedelten hier Menschen, wie Funde belegen. "Grüningen war auch aufgrund des guten Bodens der nördlichste Punkt des römischen Limes in der Wetterau", weiß Werner Bender, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalpflege und Grüninger.

Das Gotteshaus wurde bereits 1151 als Mutterkirche von Holzheim, Bergheim, Dorf-Güll, Hofgüll und Beringheim in Dokumenten erwähnt und 1520 als Stadtkirche erweitert. Nach Zerstörung im 30-Jährigen Krieg wurde sie 1669 wieder aufgebaut.

Entdeckung nach dem zweiten Frühstückskaffee

Das Alter der Grüninger Kirchhofmauer kennt niemand genau. Sie wird derzeit saniert, weil die Standsicherheit gefährdet war. Auf zwölf Metern Länge hatte sich ein Teilstück entlang der Pfarrgasse 30 Zentimeter nach außen gewölbt. Der Druck vom Grundstück des Kirchgartens mit dem Gotteshaus und seinen Platanen sowie der unter Naturschutz stehenden riesigen Dorflinde hatten wohl ihr übriges getan. Bis zum Herbst sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Die Arbeiten kosten die evangelische Kirche einen sechsstelligen Betrag.

So ist der Schädelfund zwar nicht spektakulär. Und doch ist es faszinierend, dass ein Grüninger nach seinem zweiten Frühstückskaffee bei einem Spaziergang auf einen Vorfahren stößt, der vor mindestens 600 Jahren begraben wurde. So hatte der Regen, der den Schädel freigespült hat, etwas Gutes. Die freigelegten Skelette sollen übrigens nach Abschluss der Untersuchungen an gleicher Stelle wieder beigesetzt werden.

Wen verständigt man bei derartigen Funden?

Wer ein Skelett oder menschliche Knochen findet, sollte in der Regel zunächst die Polizei verständigen. Ist von Anfang an klar, dass es sich wie in Grüningen um historische Gebeine handelt, kann auch das Landesamt für Denkmalpflege informiert werden. Auf keinen Fall sollte man den Fund aus der Erde holen. Archäologe Andreas König kritisiert auch aus Gründen des Denkmalschutzes, dass der Spaziergänger in Grüningen den Schädel berührt und so "etwas herummanipuliert" habe.

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