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Wenige Monate nach den tödlichen Vorfällen im Juni 1985 wurde an der Straße zwischen Gießen und Watzenborn ein Radweg gebaut. FOTO: SRS

Serie "Mord verjährt nicht"

Zweifache Todesfahrt bei Pohlheim stellt Polizei vor Rätsel

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Zwei vermeintliche Unfälle stellen die Polizei im Juni 1985 vor Rätsel. An zwei Tagen hintereinander werden zwischen Gießen und Watzenborn-Steinberg Radfahrer von einem Auto tödlich erfasst. Beide Male sind die Opfer Studenten, in beiden Fällen sitzt der selbe Täter hinter dem Steuer des Wagens: ein US-Soldat namens James S. Ist es Mord? Die Todesfälle haben politische Konsequenzen.

Ein leises Tröpfeln dringt durch den Wald, Niesel fällt auf den von braunem Laub gesäumten Boden. Alle paar Sekunden rauschen auf dem Steinberger Weg Autos vorbei. Hier, auf der Straße zwischen Gießen und Watzenborn-Steinberg, lagen vor 34 Jahren, am späten Nachmittag des 3. Juni 1985, in einem Graben 400 Meter hinter dem Bahnübergang ein zerbeultes Fahrrad, eine Luftpumpe, ein Schuh und ein toter Mann.

Handelt es sich um ein Verbrechen?

Ein Auto hatte damals einen Radfahrer, einen 22 Jahre alten Philosophiestudenten, tödlich erfasst und war danach mit aufheulendem Motor davongebraust. Das Unbegreifliche: Am Tag darauf passierte es erneut. Wieder starb auf der selben Straße ein Student auf einem Fahrrad nach einem vermeintlichen Unfall mit einem Auto, nur 400 Meter von der Stelle am Vortag entfernt. Und wieder raste der Wagen davon. Später stellt sich heraus: In beiden Fällen saß der selbe Fahrer hinter dem Steuer: James S., ein in Watzenborn-Steinberg wohnender und in Gießen stationierter 42 Jahre alter US-Soldat. Schon bald stellten die Ermittler die Frage: Handelt es sich um ein Verbrechen? Um zweifachen Mord?

Die Butzbacher Autobahnpolizei ergriff den US-Staffsergeant wenige Stunden nach dem zweiten Todesfall: Beamte hielten nahe der Abfahrt Bergwerkswald einen Mercedes an, dessen Frontscheibe zersplittert war. Die Beifahrerseite war mit Blutspritzern bedeckt. Die Polizei nahm James S. fest und entdeckte bei ihren weiteren Ermittlungen auf einem Parkplatz auf dem Gelände des US-Depots ein verstecktes Auto, das ebenfalls dem Soldaten gehörte. Ein silbergrauer BMW, der Wagen des ersten der beiden Todesfälle.

"Da waren wahrscheinlich nur Zufälle im Spiel"

Im Kreis schlug der Fall hohe Wellen. Dass auf der Straße zwischen Gießen und Watzenborn-Steinberg zwei Radfahrer tödlich erfasst worden sind, hatte außerdem politische Konsequenzen: Seit Jahren war dort ein Radweg in der Planung. Kurz nach den Vorfällen wurde er endlich gebaut, die Stadt Pohlheim und das Hessische Straßenbauamt umgingen ein langwieriges Planfeststellungsverfahren, um den Radweg so schnell wie möglich zu realisieren.

Vor allem aber beschäftigten die rätselhaften Umstände die Pohlheimer. Steckte hinter den Todesfahrten am 3. und 4. Juni 1985 ein Motiv? Kannten sich der US-Staffsergeant und die Opfer, die zwar aus Michelstadt und Altenstadt stammten, aber alle in Watzenborn-Steinberg lebten? Eine gute Woche später, am 12. Juni, schloss die Staatsanwaltschaft eine absichtliche Tötung aus. Der stellvertretende Chef der Gießener Anklagebehörde erklärte gegenüber der Gießener Allgemeinen Zeitung: "Da waren wahrscheinlich nur Zufälle im Spiel"

Mildes Urteil

Wer heute mit Pohlheimern über die Todesfälle vor 34 Jahren spricht, hört immer wieder Zweifel an der Theorie heraus, dass es sich um zufällige Unfälle handeln soll. Doch kann man mit 2,9 Promille Alkohol im Blut ein Verbrechen planen und durchführen? Ermittler stellten damals diesen Wert bei dem US-Soldaten, einem langjährigen Alkoholiker, nach dem zweiten Vorfall fest.

Im April 1986 kam es zu einem Verfahren vor einem US-Militärgericht in Butzbach. James S. kam mit einem vergleichsweise milden Urteil davon. Wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen, fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung aufgrund von Trunkenheit und wegen zweifacher Unfallflucht wurde er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Er wurde außerdem unehrenhaft aus der Armee entlassen.

Am getrigen Freitagmorgen ist der Himmel über den damaligen Unfallstellen grau und trübe. Fahrradfahrer sind in diesen kalten Tagen nicht zu sehen. Doch der damals neu geschaffene Weg erinnert so manchen noch an die beiden Tage im Juni 1985, als zwei Studenten auf der Straße ihr Leben verloren.

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