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Die Chorgemeinschaft Frohsinn Garbenteich/Eintracht Hausen beim Frohsinn-Jubiläum 170+2 im Jahr 2018. Es wurde aufgrund des Todes von Chorleiter Jürgen Schöffmann im eigentlichen Jubiläumsjahr 2016 verschoben. ARCHIVFOTO: RGE

Zahlreiche historische Zäsuren

  • vonRoger Schmidt
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Pohlheim (rge). Chorgesang hat in der Region seit dem 19. Jahrhundert eine bedeutende Stellung im kulturellen und sozialen Zusammenleben. Über fast zwei Jahrhunderte erlebten die Gesangvereine dabei zahlreiche Krisen. Aber immer wieder gab es vom Chorgesang begeisterte Menschen, die mit Gleichgesinnten den Neuaufbruch wagten. Die Geschichte des Gesangvereins Frohsinn 1846 Garbenteich dürfte dafür stellvertretend stehen.

Eigentlich wollten die Sänger in diesem Jahr ihr 175-jähriges Bestehen feiern. Jetzt stellt sich Vorsitzender Günter Stumpf die Frage, wie es nach der Pandemie weitergeht.

Einen Einblick in die Geschichte des Vereins gewährte Schriftführer Bernd Happel, der die Chronik des Vereins bewahrt. Schon das Gründungsdatum vom 30. November 1846 war nicht unumstritten und wurde erst im Jahr 2006 offiziell vom Hessischen Sängerbund nach juristischer Prüfung bestätigt. Aber bereits 1837 wurde in dem Dörfchen in einem »kirchlichen Singerverein« gesungen. Heute existiert noch deren historische Fahne mit der Jahreszahl 1844.

Enorme Entwicklung

Dass 1846 ein zweiter Singverein auf der Bildfläche zur »Hebung des Kirchengesangs« und »Veredlung des Volkslieds« erschien, war ungewöhnlich. Pfarrer Welcker als Gründer des ersten Singvereins war entsprechend unglücklich. Lehrer Steinmüller hatte die Leitung des ersten Singvereins niedergelegt und den neuen Verein übernommen. Die damals noch notwendige Genehmigung für den Rivalen durch den Kreisrat wurde verweigert und zu einer »friedliche Vereinigung« geraten. Die kam dann am 30. November 1846 zustande.

Kurz darauf brachten die Revolution (1848), der Deutsche Krieg (1866) und der Deutsch-Französische Krieg (1870/71) das Chorleben zum Erliegen. Danach wurden »Erneuerer« mit 24 Sangesbrüdern in einem Dokument aus dem Jahr 1884 benannt. Man feierte 1902 ein großes Sängerfest mit 26 Chören. Wettstreite besuchten die damals rund 40 Sänger erfolgreich. Der 1. Weltkrieg erzwang erneut den Stillstand, die Sänger wurden zu den Waffen gerufen.

»Neuanfang« hieß es erst wieder 1922. Sechs Jahre später zählte man 76 Sänger in den Frohsinn-Reihen. Zeiten des Friedens folgten, aber auch der hohen Arbeitslosigkeit. Von 60 Sängern waren 30 Ende 1932 erwerbslos. Im Frühjahr 1933 folgten mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten neue Umbrüche, der Verein wurde gleichgeschaltet. Ein weiterer Krieg folgte.

Der »Chormeister« aus Steinberg, Georg Harnisch (Frohsinn-Leiter bis 1952), erhielt im Mai 1940 einen Brief von Karl Sommer, wo ihm die Absage der Chorprobe begründet wurde. »Heute ist wieder ein Teil Einberufungen gekommen. Für mich wird auch bald die Stunde schlagen, wo ich den Schlips mit der Halsbinde vertauschen muss, denn die Jahrgänge 1900 bis 1903 sind bereits aufgerufen.« 29 Sänger fielen dem Krieg zum Opfer.

1946 nahmen 23 Frohsinn-Sänger mit Erlaubnis der US-Militärregierung die Sangestätigkeit wieder auf. Konzerte, Wettstreite und Wertungssingen in dem inzwischen neugegründeten Sängerbund »Hüttenberg-Schiffenberg« sowie Teilnahme an Sängerfesten brachten dem Verein eine enorme Aufwärtsentwicklung.

Höhepunkte in der weiteren Vereinsgeschichte waren einhergehend mit dem deutschen Wirtschaftswunder mehrtägige Konzertreisen, die Teilnahme an Wettstreiten, die Ausrichtung des Bundeswertungssingens, Rundfunkaufnahmen des HR oder CD-Aufnahmen.

Gezwungen durch die rückläufige Sängerzahl ging der Verein neue Wege und bildete 2014 mit den Aktiven von »Eintracht« Hausen eine Chorgemeinschaft. 2016 übernahm Volker Purdack als Nachfolger des verstorbenen Jürgen Schöffmann den Männerchor mit seinen rund 45 Sängern.

Eine weitere Zäsur gab es bei den Vorbereitungen zum 175-jährigen Jubiläum, ab Mitte März 2020 wurden aufgrund der Corona-Pandemie alle Vereinsaktivitäten eingestellt. Für das diesjährige Jubiläum waren schon Veranstaltungen geplant, ob die im Herbst stattfinden können, ist unklar.

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