+
Birgit Kolmer präsentiert die Auswahl der verschiedenen Hochzeitskleider aus den vergangenen sechs Jahrzehnten. Da war das weiße Kleid schon en vogue. (Foto/Repro: pad)

Als weiße Brautkleider noch selten waren

  • schließen

Die Braut tritt im weißen Kleid vor den Altar, im Anschluss wird im Restaurant gefeiert und die Hochzeitstorte angeschnitten. All dies war vor 100 Jahren noch komplett anders. Das zeigt die neue Ausstellung in der Heimatstube Pohlheim.

Schwarz-Weiß-Fotos stehen auf einer Kommode. Zum Teil sind sie über hundert Jahre alt. Alle zeigen sie Hochzeitspaare. Auf dem zweiten Blick fällt es auf: Alle Bräute tragen Schwarz. Trauerten sie etwa alle an diesem besonderen Tag? "Nein, das hat nichts mit einem Todesfall in der Familie zu tun", erklärt Birgit Kolmer. "Früher galt Schwarz als elegant. Erst im 20. Jahrhundert hat sich Weiß durchgesetzt." Zusammen mit dem Team der Heimatstube hat sie die neue Ausstellung "Hochzeiten im Wandel der Zeit" zusammengetragen.

Auch die weißen Kleider haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Dies zeigen die vielen Ausstellungsstücke - alles Leihgaben. Nur wenige Frauen würden wohl ihr Hochzeitskleid verschenken, selbst wenn der Ortsverein Watzenborn-Steinberg der Heimatvereinigung Schiffenberg anfragt. Das Kleid von 1964 hat viele durchsichtige Elemente, während ein Kleid von 1989 so aussieht, als sei es von der Kostümschneiderin aus dem Film "Drei Nüsse für Aschenbrödel" entworfen worden. Auf Schaufensterpuppen und Kleiderbügeln werden die verschiedenen Stile präsentiert.

Vor dem Fenster ist ein traditioneller Hochzeitszug mit Puppen nachgestellt. Vorneweg geht das Brautpaar, dahinter die Paten. "Die Reihenfolge war streng vorgegeben", sagt Kolmer. Solch einen Hochzeitszug in der traditionellen Tracht hat Pohlheim allerdings seit einigen Jahrzehnten nicht mehr gesehen. So wird heute auch nicht mehr der traditionelle Brautkopfschmuck verwendet. Er ist zwar hübsch, aber er wiegt auch. "Das hatte die Braut den ganzen Tag auf dem Kopf."

Heute zerbrechen sich manche bereits über ein Jahr vor der Hochzeit den Kopf darüber, wie die Feier aussehen soll, an welchem Ort geheiratet und wo gefeiert wird, von welchem Konditor die Hochzeitstorte stammt. Das war früher unkomplizierter: Statt in einer Gaststätte wurde im eigenen Haus gefeiert. Dafür wurde ein Zimmer ausgeräumt, sich bei den Nachbarn genügend Geschirr geliehen und meist noch ein Schwein geschlachtet. Wenn nicht alle Hochzeitsgäste in ein Zimmer passten, dann wurde ein Teil am Tag drauf zum Feiern eingeladen: der Nachfeier.

Brautwagen für Aussteuer

Bevor geheirateten werden konnte, musste allerdings auch erst einmal Braut und Bräutigam zusammenfinden. Während heutzutage aus Liebe geheiratet wird, schaute mancher damals auch, ob der Partner gutes Land, Vieh oder einen Hof zu bieten hatte. Im Vogelsberg gab es den Brauch des Brautwagens: Über viele Jahre bekamen Mädchen zur Konfirmation und Geburtstagen Dinge für den zukünftigen Haushalt geschenkt, von Bettlaken bis Geschirr. Am Hochzeitstag wurde dies alles auf einen Wagen geladen, die Braut darauf gesetzt und zum Haus des Bräutigams gefahren. Bei reicheren Familien gehörte noch eine Färse zur Aussteuer dazu. "Das war immer eine Attraktion", erinnert sich Kolmer, die in ihrer Kindheit solche Fahrten gesehen hat.

In Watzenborn-Steinberg gab es bis Ende der 1970er Jahre die Tradition, dass die Paten mehrere Kilo Mehl, Butter und Zucker vorbeibrachten. Dadurch wurden dann die Kuchen für die Hochzeit - Butterloch und Streusel - geknetet und gebacken. "Jeder Pate bekam ein Blech von jeder Sorte vorbeigebracht." Zum Kaffee hatte der Streuselkuchen seinen großen Auftritt. "Das war Standard", sagt Kolmer. "Ursprünglich gab es nur Hefekuchen. Irgendwann fing das dann mit Obstkuchen und Torten an." Heute sind diese oft mehrstöckig.

"Heute gibt es andere Trends", sagt Kolmer. Der Polterabend sei mittlerweile fast verschwunden. Während früher der Klang von zerbrechendem Geschirr böse Geister vertreiben sollte, wurde zuletzt immer häufiger auch Unrat und Bauschutt dem Paar vor die Füße gekippt. Viele gehen da lieber mit ihren Freunden Junggesellenabschied feiern. Auch dass die Hose des Bräutigams in einer Erdkuhle verbrannt wird - weil er diese in Zukunft nicht mehr anhat - hört man heute nur noch selten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare