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Die Dampflokomotive BR38 erreicht 1954 den Haltepunkt Schiffenberg. Foto: Josef Hörger/Archiv Röhrig

Bahnhof

Wie Watzenborn-Steinberg für 3000 D-Mark zu einem Bahnhof kam

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Am 29. Dezember 1869 wurde die Bahnstrecke zwischen Gießen und Hungen eingeweiht. Eine Sonderausstellung im Pohlheimer Stadtmuseum zeigt nun die Geschichte der Verbindung.

Es sind Bilder, die nicht nur das Herz von Eisenbahnfreunden höher schlagen lassen: Eine Dampflok rollt im Schnee am Schiffenberg über den Bahnübergang. Ein Schrankenwärter, blickt einem vorbeifahrenden Zug hinterher. Container mit Licher Bier werden auf einen Zug verladen. Gedränge herrscht bei der offiziellen Umbennungsfeier des Bahnhaltepunkts am Schiffenberg. Die Aufnahmen dokumentieren zusammen mit weiteren Ausstellungsstücken die Geschichte der Bahnstrecke. Vor 150 Jahren, am 29. Dezember 1869, rollte hier der erste Zug. Jetzt am Sonntag, 1. Dezember, öffnet die Sonderausstellung im Pohlheimer Stadtmuseum.

Georg Erhardt und Jürgen Röhrig haben hierfür nicht nur Exponate zusammengetragen und Bilder aus dem großen Fundus ausgewählt. Die beiden Mitglieder des Ortsvereins Watzenborn-Steinberg der Heimatvereinigung Schiffenberg haben auch ein Buch über die Geschichte der Bahnstrecke zwischen Gießen und Hungen herausgebracht, das am Sonntag präsentiert wird.

Belgische Firma beauftragt

Am 7. Dezember 1835 rollte die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth. Nur 34 Jahre später durften sich auch die Menschen in Mittelhessen über ihre eigene Bahnverbindung freuen. Die Oberhessische Eisenbahngesellschaft ließ damals zwei Strecken bauen: Eine von Gießen über Grünberg nach Fulda und eine über Hungen und Nidda nach Gelnhausen. Alte Aufnahmen zeigen Bauarbeiter, die mit Schippe und Spaten Wege für die Bahn durch Hügel gruben. Bahndämme mussten aufgeschüttet, Brücken errichtet werden. Übrigens war es eine belgische Firma, die als Generalunternehmer im Auftrag die Strecke errichtete. Am 29. Dezember 1869 wurden jeweils die Teilabschnitte von Gießen nach Grünberg und nach Hungen eröffnet. Die 70 Kilometer lange Strecke nach Gelnhausen wurde schließlich am 30. November 1870 fertiggestellt.

Die Watzenborn-Steinberger konnten den Zügen damals allerdings nur zuwinken: "Es gab hier keinen Halt", berichtet Röhrig. Für sie war der nächste Bahnhof in Garbenteich. Erst am 6. Juli 1873 um 16.40 Uhr hielt am Schiffenberg erstmals ein Zug, der Ausflügler von Gießen auf den Schiffenberg brachte. "Ein Zug nachmittags, das war der Beginn des Haltepunkts in Watzenborn-Steinberg."

Erst 17 Jahre nach Fertigstellung der Bahnstrecke taucht der Halt "Schiffenberg" erstmals Fest im Fahrplan auf. "Das Ausflugslokal warb damals mit Abendaufenthalt auf der Terrasse im Mondschein", schmunzelt Röhrig.

Bahnpendler sorgten für Aufschwung

Einige Jahrzehnte später waren es vor allen Dingen Pendler, die nach Gießen auf Arbeit wollten. Im Schiffenberger Tal siedelten sich unter anderem die Gail’sche Zigarrenfabrik, die Firma Heyligenstaedt und Bänninger an. "Die Entwicklung dieser Industrien hatte einen starken Einfluss auf die Nutzerzahlen", sagt Erhardt. Wurden in Schiffenberg 1887/88 pro Jahr nur 14 570 Fahrkarten verkauft, waren es 1901 bereits 21 570 Karten und 1904 sogar 27 078.

Bald schon geriet der Bahnhaltepunkt an seine Grenzen: Die Gemeindevertretung von Watzenborn-Steinberg schrieb 1929 an die Reichsbahndirektion, um auf die ihrer Meinung nach unhaltbaren Zustände hinzuweisen. "Die Wartehalle war für den Zug um 7.16 Uhr morgens zu klein, es warteten hier über 250 Menschen", schildert Erhardt das Problem. Zudem war die Beleuchtung des Areals so schlecht, dass die Lokomotivführer bei Nebel nicht so weit vorfuhren, dass alle Waggons am Gleis zu halten kamen. Für die Passagiere der hintersten Wagen bedeutete der Ausstieg dann eine Kletterpartie.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verzeichnete Watzenborn-Steinberg einen starken Anstieg der Einwohnerzahl. Teile der Gemarkung Schiffenberg wurden eingemeidet. Es zeichnete sich bald ab, dass sich die Bebauung einmal bis zum Bahnhaltepunkt erstrecken würde.

Umbenennung kostete 3000 D-Mark

Bereits 1951 bemühte sich die Gemeinde daher um eine Umbenennung des Haltepunkts. Am 21. Mai 1955 wurde schließlich "Schiffenberg" durch "Watzenborn-Steinberg" ersetzt. Die Gemeinde musste allerdings für die Änderung der Stempel, Vordrucke und Schilder bezahlen, wovon der Kreis ein Drittel übernahm. Jedoch gibt es wohl kaum eine andere Gemeinde, die für 3000 DM einen eigenen Bahnhof bekommen hat.

Das Bevölkerungswachstum schlug sich auch in den Fahrgastzahlen nieder: 1946 wurden 64 966 Karten verkauft, 1947 schon 95 561. Als 1967 letztmals fahrplanmäßig eine Dampflok hielt, waren die Nutzerzahlen jedoch schon im Sinken begriffen. Wurden 1974 noch 20 916 Karten hier gelöst, waren es 1987 schließlich nur noch 5444 Fahrscheine. "In den 1980ern war der Tiefpunkt", sagt Erhardt.

Dabei gab es lange Zeit eine Sehenswürdigkeit, die man so kurz vor der Jahrtausendwende nicht mehr erwartet hätte: einen Schrankenwärter. "Er verkaufte Fahrkarten und leierte die Schranken hoch und runter", berichtet Erhardt. Erst 1997 wurde der Bahnübergang automatisiert, das Schrankenwärterhäuschen am 6. Juni abgerissen.

2019 ist die Bahn wieder im Aufwind, und dies nicht nur wegen des Klimawandels. Mittlerweile wird in Pohlheim über einen dritten Bahnhaltepunkt neben Watzenborn-Steinberg und Schiffenberg diskutiert.

Die Ausstellung "150 Jahre Oberhessische Eisenbahn von Gießen nach Hungen" des Ortsverein Watzenborn-Steinberg in der Heimatvereinigung Schiffenberg in der Heimatstube Pohlheim (Ludwigstraße 22) hat ab Sonntag, 1. Dezember, bis einschließlich 12. Januar 2020 jeweils sonntags von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Öffnungen sind nach Vereinbarung möglich.

Zur Eröffnung am Sonntag, 1. Dezember, um 14.30 Uhr stellen Dieter Eckert und Jürgen Röhrig ihr Buch "Anschluss an den Weltverkehr" vor. Es ist für 10 Euro erhältlich. Am Sonntag, den 29. Dezember, spricht um 14.30 Uhr der Historiker Bernd Vielsmeier zum Thema "Von London über Nidda nach Konstantinopel".

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