Aktuell ist es den meisten Kindern nicht möglich, ihre Schwimmfähigkeiten zu trainieren. Wann Bäder in Hessen wieder öffnen können, ist ungewiss. FOTO: /DPA
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Aktuell ist es den meisten Kindern nicht möglich, ihre Schwimmfähigkeiten zu trainieren. Wann Bäder in Hessen wieder öffnen können, ist ungewiss. FOTO: /DPA

Schwimmen

Warnung vor Badeunfällen

  • vonLena Karber
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Dass immer weniger Kinder sicher schwimmen können, war schon vor Corona ein Problem. Georg Jung, Vorsitzender der DLRG Pohlheim, warnt nun davor, sich auf Schwimmabzeichen zu verlassen.

Wenn es ums Schwimmen geht, bemüht Georg Jung gerne den Vergleich mit dem Fahrradfahren: Beides verlerne man nicht, doch beides funktioniere auch nur, wenn Kinder keine Angst hätten. Insofern, sagt Jung, der Vorsitzende der DLRG Pohlheim, sei eben alles eine Frage der Übung.

Nun ist das in der momentanen Situation aber eben so eine Sache. Während man Fahrradfahren durchaus üben kann und sollte, fällt Schwimmen für die meisten Kinder aktuell flach. Die öffentlichen Bäder sind aufgrund der Pandemie geschlossen und der Unterricht gecancelt. Jung bereitet die Tatsache jedenfall s Sorgen. "Innerhalb weniger Wochen werden Kinder erheblich von ihren Erfolgen zurückgeworfen", sagt er. "Wenn die Bäder oder Seen wieder öffnen, ist zu befürchten, dass es vielleicht sogar vermehrt zum Ertrinkungstod und zu Unfällen kommt, weil die Eltern denken: Mein Kind hat ja das Seepferdchen."

Diese Überlegung sei auch abseits der Corona-Sondersituation zu kurz gedacht, sagt Jung. "Das Seepferdchen ist ein Motivationsabzeichen." Erst das Jugendabzeichen in Bronze kennzeichne einen sicheren Schwimmer - und davon gebe es leider immer weniger. "Vor gerade einmal 40 Jahren konnten neun von zehn Kindern im Grundschulalter sicher schwimmen", sagt er. Irgendwann seien es nur noch fünf von zehn gewesen. Dann wurden große Reden geschwungen und gemahnt, man müsse gegensteuern. Erreicht habe man jedoch nichts. 2016 hätten sogar nur noch vier von zehn Grundschülern das Jugendschwimmabzeichen in Bronze vorweisen können.

Und selbst ein entsprechendes Abzeichen auf der Badehose sei kein sicheres Indiz. "Wenn man sieht, wie wenig Kinder mit Bronze oder Silber zum Teil können, fragt man sich, wie sie die Abzeichen überhaupt erreicht haben", sagt Jung, der sich sicher ist, den Grund für dieses Phänomen zu kennen: "Kinder gehen einfach zu selten ins Schwimmbad."

Mangelnde Routine führe zwar nicht dazu, dass die Kinder die Bewegungsabläufe verlernen, aber sie führt zu Unsicherheit. "Wenn dann Wasser in die Augen, die Nase oder den Mund gelangt, kommt es schnell zu Panik und Angst", sagt Jung. Misserfolge würden zudem das Selbstvertrauen, den Spaß und oftmals auch den Ehrgeiz der Kinder behindern. "Denn wie tickt so ein Kind?", fragt er und gibt gleich die Antwort: "Wenn es merkt, dass es anstrengend ist, wieder das alte Niveau zu erreichen, macht es lieber etwas anderes." Zusätzlicher Druck durch die Eltern schade da nur.

Grundsätzlich rät Jung dazu, mit Kindern regelmäßig ins Schwimmbad zu gehen, sobald dies wieder möglich ist, dabei jedoch vorsichtig und nachsichtig zu sein. "Wenn wir wieder zur Normalität zurückkehren, muss man die Schraube zurückdrehen und weiter vorne anfangen." Eine spielerische Annäherung ans Wasser sei absolut sinnvoll.

Wassergewöhnung spielt generell eine zentrale Rolle - mit und ohne Corona. "Wir haben mittlerweile in fast jedem Kurs Kinder, die in der ersten oder zweiten Stunde abbrechen, weil sie Angst haben, überhaupt in die Dusche zu gehen", sagt Jung. Den Kindern die Angst vor dem Wasser zu nehmen und sie daran zu gewöhnen, sei Aufgabe der Eltern. Und das ist durchaus auch in der aktuellen Situation zu Hause möglich.

"Ein bisschen in der Badewanne spielen, spritzen und puddeln, in das Wasser pusten oder mal versuchen, den Kopf unter Wasser zu nehmen - das sind alles Übungen, die man mit den Kindern machen kann und sollte", sagt Jung. Und auch ohne Badewanne sei Wassergewöhnung machbar. "Es gibt auf jeden Fall Möglichkeiten, wenn man will."

Bislang hat die Landesregierung weder für Hallen- noch für Freibäder Öffnungen in Aussicht gestellt. Von den am 7. Mai beschlossenen Lockerungen waren Schwimmbäder, Thermalbäder, Saunen und ähnliche Einrichtungen ausgenommen.

Ministerpräsident Volker Bouffier betonte, dass man sich sehr lange über das Thema ausgetauscht habe. Es bestünden jedoch Bedenken, dass einerseits Feuchte und Wärme der Ausbreitung des Virus zuträglich sein könnten und dass andererseits Abstände nicht durchgehalten würden. "Deshalb sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass wir zumindest derzeit noch nicht genügend Grundlagen haben, um diese Frage verantwortlich zu entscheiden", sagte Bouffier. Man habe jedoch weitere Gutachten in Auftrag gegeben. lkl

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