Udo Schöffmann in seinem Wintergarten. »Eigentlich bin ich ein sehr harmoniebedürftiger Mensch«, sagt er über sich selbst. »Wenn sich aber jemand streiten will, bin ich nicht der, der anderen das Feld überlässt. FOTO: SRS

Wahl am 1. November

»Verbissener geworden«: Wie das Amt Pohlheims Bürgermeister Udo Schöffmann verändert hat

Udo Schöffmann will ein zweites Mal zum Bürgermeister Pohlheims gewählt werden. Das Amt habe ihn verändert, räumt er ein. Er sei verbissener geworden. Für die Beschreibung seiner Rolle als Rathauschef wählt er einen überraschenden Vergleich.

Die Volkshalle in Watzenborn-Steinberg ist proppenvoll. »Ich bin überwältigt«, sagt Udo Schöffmann, Applaus brandet auf. Es ist ein Abend der Glückwünsche - und der widersprüchlichen Ratschläge. »Denk dran, die Familie geht immer vor«, sagt die Erste Stadträtin. Kurz darauf erklärt der Stadtverordnetenvorsteher: »Erst kommt die Stadt. Dann die Familie.« Knappe sechs Jahre ist dieser Abend her, als Schöffmann (CDU) sein Amt als Bürgermeister der Stadt Pohlheim antrat.

Schöffmann schmunzelt, als er sich daran erinnert. Sicher, räumt er ein, »die Leidtragende ist die Familie. Sie müssen sich immer nach meinem Terminkalender richten.« Er sitzt zurückgelehnt auf einem Sofa in seinem Wohnzimmer. Eine Tasse Tee und ein Apfelkuchen stehen vor ihm auf dem Tisch. Und während er mit ruhiger Stimme erzählt, von seinen Erfolgen, Niederlagen und Zielen als Bürgermeister, vom Garagenlicht, das der diplomierte Elektrotechniker zu Hause schon seit sechs Jahren installieren will und wozu er einfach nicht gekommen ist, von seiner 15 Jahre alten Tochter, die wie er früher in der Schulzeit ein Ass in Mathe ist, dann fragt man sich: Ist das der Bürgermeister, den man aus politischen Sitzungen immer wieder schimpfend und sich zoffend erlebt?

Auf die Frage, ob ihn das Amt verändert hat, hält er für einen Augenblick inne. Im Januar dieses Jahres habe er 106 Kilo gewogen, berichtet er. »Mein Startgewicht war 90.« Derzeit sei er auf Diät, seine Frau bereitet ihm abends Salate zu, manchmal mit Paprika aus dem eigenen Wintergarten (Foto). Er sei jetzt bei 93,5 Kilo. Sicher habe er sich in den sechs Jahren auch im übertragenen Sinne ein »dickeres Fell« angeeignet, sagt Schöffmann.

Während des Gesprächs holt seine Frau Christiane einen Tablet-PC hervor und zeigt Beschimpfungen, die den Bürgermeister täglich per Facebook erreichen. Derartige Beleidigungen treffen ihn und seine Familie, sagt der Bürgermeister. Gleichzeitig, räumt er ein, sei er in den sechs Jahren auch selbst verbissener geworden. »Manchmal erwische ich mich, wie ich mich in Diskussionen im Parlament hinein steigere und aufrege.« Eigentlich sei er ein sehr harmoniebedürftiger Mensch. »Wenn sich aber jemand streiten will, bin ich nicht der, der anderen das Feld überlässt.« Wie er Ausgleich findet? Im Kreis der Familie, sagt er. »Und bei politischen Auseinandersetzungen ist es immer das beste, eine Nacht drüber zu schlafen.«

Ein merkwürdiger Bürgermeisterwahlkampf geht zu Ende. Ein Wahlkampf, der keiner war. Ohne eine öffentliche argumentative Auseinandersetzung zwischen den beiden Kandidaten. Herausforderer Andreas Ruck hat in den vergangenen Monaten an knapp 4 000 Haustüren geklingelt, der Amtsinhaber hat darauf komplett verzichtet, hat auf sechs Ortsrundgänge gesetzt. Wegen Corona, sagt er.

Und so gibt es ohne Diskussionen und Rededuell auch kein bestimmendes Thema vor dieser Wahl. Bei seinen Ortsrundgängen habe er die Erfahrung gemacht, dass eher kleine Themen die Pohlheimer beschäftigen. »Zum Beispiel ein Bordstein, der in einer Straße kaputt ist.« Manchmal sei die Zufriedenheit höher als man erwartet, sagt Schöffmann. Ob das zutrifft, wird sich am 1. November zeigen.

Das Gewerbegebiet Garbenteich-Ost war seit Schöffmanns Amtsantritt und wird sicher auch nach der Wahl ein zentrales Thema sein. Die Stadt werde bei der Ansiedlung von Unternehmen ein Mitspracherecht haben, versichert Schöffmann, das habe der Investor zugesagt. Er wolle auch dafür sorgen, dass es zu keiner schweren Verkehrsbelastung für die Pohlheimer kommt, beim Land will er sich für ein nächtliches Lkw-Durchfahrverbot in Dorf-Güll bemühen. »Aber das sind dicke Bretter, die gebohrt werden müssen«, sagt er. Und fügt hinzu: »Lieber bin ich kein Bürgermeister, bevor ich irgendjemanden belüge.«

Das Scheitern der Outlet-Pläne in Garbenteich bezeichnet er als Niederlage, »weil das Projekt viel Zeit und Kraft gekostet hat«. Zu seinen Erfolgen zählt Schöffmann 170 Kindergartenplätze, die in fast allen Stadtteilen in seiner Amtszeit geschaffen wurden. Mehrere Unternehmen wie die Niederlassungen der Chr. Hansen GmbH und der Firma Engel haben sich erweitert, mit den Baugebieten in Hausen-Ost und hinter der Friedensstraße gehe es endlich los. Vor allem aber stehe Pohlheim finanziell solide da. »Die Grundsteuer ist bei 300 Prozent geblieben, weil sich das Gewerbe in der Stadt gut entwickelt.« Herausforderer Ruck hat mangelhafte Kommunikation in der Stadt zu einem seiner großen Themen auserkoren. »In Pohlheim muss sich grundsätzlich etwas ändern«, räumt Schöffmann ein, »damit wir politisch besser miteinander auskommen.«Für mehr Bürgerbeteiligung wolle er sich beim Bauprojekt hinter der Friedensstraße und im Rahmen des Klimabeirats einsetzen.

Im September vergangenen Jahres wurde Schöffmann an der Bandscheibe operiert. Kurz danach rief er aus dem Gießener Evangelischen Krankenhaus im Rathaus in Pohlheim an und gab Anweisungen »Haben Sie denn nicht heute Ihre OP?«, wollte der Mitarbeiter am anderen Ende der Telefonleitung wissen. Schöffmann antwortete: »Ich bin doch nicht am Mund operiert worden.«

Bürgermeister hätten eine ähnliche Rolle wie Pfarrer, sagt er. Auch diese hätten keinen Feierabend. »Wenn der Pfarrer durch die Straße läuft, ist er eben der Pfarrer.« Auf die Frage nach der Rolle des Bürgermeisters in der Stadt betont Schöffmann, die Entscheidungen treffe das Parlament. Seine Rolle vergleicht er eher mit der Aufgabe eines Psychotherapeuten. Beim letzten Dorffest in Garbenteich habe ihn ein Besucher gefragt, ob er denn von der Krankenkasse bezahlt werde. »Du führst doch ständig Therapiegespräche.« Wenn er beim Metzger Fleisch hole, sagt Schöffmann, unterhalte er sich eben mit fünf Bürgern. »Und viele wollen einfach nur reden.« Das sei völlig in Ordnung.

Elektrotechniker aus Wieseck

»Aus Pohlheim. Für Pohlheim«: Mit diesem Slogan wirbt der 54 Jahre alte Udo Schöffmann auf seinen Wahlplakaten. Der Spruch zielt auf seinen Gegenkandidaten ab, der aus Bad Schwalbach kommt. Schöffmann selbst ist vor gut zwanzig Jahren aus Wieseck nach Garbenteich gezogen. Aufgewachsen ist er in Gießen, er hat an der heutigen THM Elektrotechnik studiert. Bis vor sechs Jahren arbeitete Schöffmann für T-Systems, eine Tochtergesellschaft der Telekom. 2011 zog er in den Pohlheimer Magistrat ein, 2014 kam er für die CDU als Nachrücker ins Stadtparlament. Sein väterlicher Freund Hartmut Lutz, der langjährige Ortsvorsteher Garbenteichs, schlug ihm vor, als Bürgermeister zu kandidieren. Auf die Frage nach prägenden Erlebnissen in den vergangenen sechs Jahren weist Schöffmann auf Lutz’ Tod vor wenigen Monaten hin. Schöffmann hielt eine Trauerrede. »Ich konnte nicht mehr lesen, was ich geschrieben hatte, weil mir die Tränen in den Augen gestanden haben.«

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