Nach Kirmes

Ungeklärte Tat: Zehn Jahre nach brutalem Überfall stirbt der junge Student

  • vonChristina Jung
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1993 wurde Carsten Drozella auf dem Heimweg von der Kirmes in Watzenborn-Steinberg brutal niedergeschlagen. Zehn Jahre später starb er an den Folgen des Überfalls. Bis heute ist die Tat ungeklärt.

Es ist kalt und windig, ein Vormittag im Februar. Nur vereinzelt lugen Sonnenstrahlen aus dem wolkenverhangenen Himmel über Watzenborn-Steinberg. Auf dem Gelände einer Tagesstätte spielen Kinder, ein Stück entfernt unterhalten sich zwei Spaziergänger. Ein Radfahrer kommt vorbei, ebenso zwei Autos. Ein paar hundert Meter weiter grast eine Herde Schafe, kurz vor der Brücke, die über den dortigen Bach führt.

Irgendwo auf diesem Stück der Germaniastraße endete am frühen Morgen des 14. August 1993 für einen 23-Jährigen sein bisheriges Leben. Unbekannte hatten Carsten Drozella überfallen, brutal niedergeschlagen und zurück gelassen. Gegen 2.15 Uhr kam ein Wagen vorbei, dessen Insassen das Opfer fanden. Auf dem Bauch liegend, einige Meter davon entfernt das Tatwerkzeug, ein Holzpfahl.

Es war Kirmes in Watzenborn-Steinberg, die im größten Pohlheimer Stadtteil immer Mitte August gefeiert wurde. Die fünf Gesangvereine im Dorf wechselten sich reihum mit der Organisation und Durchführung des Volksfestes ab. 1993 hielt die Harmonie das Zepter in der Hand.

Zehn Jahre lang Pflegefall

Carsten Drozella hatte am Freitagabend mit Freunden die Zelt-Disco besucht. Er befand sich vermutlich auf dem Weg nach Hause in die Aussiger Straße, als er auf seine Peiniger traf. Was sie ihm antaten, ist bis heute ungeklärt. Was sie damit anrichteten allerdings, ist nach wie vor unvergessen: Der junge Student erlitt lebensgefährliche Kopfverletzungen. Monatelang kämpften Ärzte auf der Intensivstation der Gießener Uni-Klinik um sein Leben. Carsten Drozella erholte sich nicht mehr, blieb zehn Jahre lang ein Pflegefall, bis er schließlich am 14. September 2003 starb.

"Verbrecherhände nahmen ihm die besten Jahre seines Lebens", schrieb die Familie damals in der Todesanzeige. Wer diese Verbrecher waren, fand die Polizei nie heraus. Eine vier- bis sechsköpfige Tätergruppe geriet ins Visier der Ermittler, mindestens einer soll an jenem Abend mit einem Holzpfahl bewaffnet gesehen worden sein.

30 Spuren

Eine Sonderkommission, die kurz nach der Tat gebildet wurde, verfolgte zunächst "30 konkrete Spuren", wie der damalige Polizeipressesprecher Kurt Meier am 19. August 1993 dieser Zeitung erklärte.

Eine davon sollte zu einem junge Mann führen, 1,70 bis 1,80 Meter groß, dunkelhaarig, Stufenhaarschnitt. Mehrere Zeugen beschrieben unabhängig voneinander eine solche Person, die offenbar zu einer Gruppe junger Leute gehörte, die zur Tatzeit auf der Germaniastraße in Richtung Bahnhofstraße unterwegs gewesen sein soll. Doch wie diese Spur führten auch alle anderen ins Nirgendwo. Personenbefragungen im Festzelt und den angrenzenden Straßenzügen. Das Verteilen von Flugblättern in Watzenborn-Steinberg, Hausen, Garbenteich und Petersweiher. Das Aussetzen einer Belohnung in Höhe von 15 000 Mark.

Soko-Leiter: "Alles ist ins Leere gelaufen"

"Die SOKO hat monatelang ermittelt. Jedem einigermaßen erfolgversprechenden Hinweis wird in solchen Fällen nachgegangen", sagt Harald Löper, der damalige Leiter des zuständigen K11, das Kommissariat für Kapitalverbrechen. Auf die vor über 26 Jahren verübte Tat angesprochen, weiß der 81-Jährige sofort, um wen es geht. Schließlich handelt es sich bei Carsten Drozella um den Sohn eines ehemaligen Kollegen. An Details erinnert sich der Ruheständler allerdings nicht mehr. Nur so viel: "Uns lagen so gut wie keine konkreten Hinweise vor, an denen man hätte ansetzen können. Alles, was wir unternommen haben, ist ins Leere gelaufen."

Dennoch nahmen Ermittler den Fall Drozella in späteren Jahren immer wieder auf. "Die Bearbeitung von Tötungsdelikten hat einen hohen Stellenwert. Unsere Mitarbeiter im Kommissariat 11 legen solche unaufgeklärten Fälle nie zu den Akten", erklärt Jörg Reinemer, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen. Es erfolge immer wieder eine neue Bewertung und aufgrund der fortschreitenden Technik und Spurenauswertung sei es heute auch viele Jahre nach einer Tat möglich, ein Verbrechen aufzuklären. Aber: "Natürlich wird es mit der Zeit auch nicht leichter."

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