In diesem Haus in der Goethestraße in Watzenborn-Steinberg wurde der frühere Bauunternehmer Gerhard Klingelhöfer brutal ermordert. Der Fall ist bis heute ungeklärt. ARCHIVFOTO: AGL
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In diesem Haus in der Goethestraße in Watzenborn-Steinberg wurde der frühere Bauunternehmer Gerhard Klingelhöfer brutal ermordert. Der Fall ist bis heute ungeklärt. ARCHIVFOTO: AGL

Leiche neben Tresor

Der ungeklärte Mordfall in Watzenborn-Steinberg bewegt die Menschen noch immer

  • Susanne Riess
    vonSusanne Riess
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Im September 2011 wurde der frühere Unternehmer Gerhard Klingelhöfer in seinem Haus in Watzenborn-Steinberg ermordet. Die Leiche des 80-Jährigen wurde im Keller des Hauses gefunden. Die brutale Tat ist bis heute ungeklärt.

Es gibt Kriminalfälle, die bewegen die Ermittler auch noch nach Jahren. "Der Fall Gerhard Klingelhöfer ist ein solcher", sagt der Sprecher der Gießener Staatsanwaltschaft, Rouven Spieler, auf Anfrage. Über den Fall werde im Kollegenkreis immer mal wieder diskutiert, weil er besonders und spektakulär sei. Und weil er noch nicht abgeschlossen sei. Nach wie vor gebe es keine neuen Hinweise auf den oder die Täter, von einem Durchbruch ganz zu schweigen. Auch auf die Fragen, was genau sich an jenem Freitagabend im September 2011 in der Goethestraße in Watzenborn-Steinberg zugetragen hat, und warum der 80-jährige Gerhard Klingelhöfer sterben musste, haben die Ermittler bis heute keine Antwort.

Fest steht: Klingelhöfer wurde mit einem Beil erschlagen, lag vor seinem Tresor, den er nicht hatte öffnen können - oder wollen.

Als Angehörige den Senior am Samstag, 10. September 2011, nicht erreichen können, suchen sie ihn auf. Gegen 13 Uhr entdecken sie den Mann leblos im Keller seines Hauses. Laut Obduktion starb er bereits am Vorabend aufgrund massiver Gewalteinwirkung. Am Tatort werden Kampf- und Einbruchsspuren gesichert, ein Fenster steht offen. Das Verbrechen macht nicht nur in Watzenborn-Steinberg schnell die Runde.

Über die Tat hinaus gibt es eine Begebenheit, die den ohnehin schon schockierenden Fall noch tragischer erscheinen lässt: Am Montag vor dem Mord ist Klingelhöfers Ehefrau gestorben. Die Eheleute, die 2005 ihre Goldene Hochzeit gefeiert hatten, starben also innerhalb einer Woche.

DNA-Massentest bleibt ohne Erfolg

Zwei Monate nach dem Verbrechen melden die Ermittler einen ersten Erfolg, erzielt bei der Spurenauswertung. Das Landeskriminalamt hat am Tatort gesicherte DNA-Spuren analysieren können, die den Täter überführen könnten. Weil erste Vergleiche mit der Täterdatenbank erfolglos bleiben, werden Mitte November 2012 rund 135 Männer aus dem persönlichen Umfeld des Opfers zur freiwilligen Abgabe einer Speichelprobe aufgefordert. Bei den Geladenen handelt es sich beispielsweise um Angehörige, Mitarbeiter der Firmen, die sich auf dem Betriebsgelände des Anwesens befinden, Nachbarn sowie berufliche und private Besucher der Familie des Opfers.

Die Ermittler sind sehr zuversichtlich, dass die DNA-Spur vom Haus des Rentners zur Überführung des Täters führen werde. Doch auch der groß angelegte DNA-Test bringt keinen Durchbruch, es können keine Übereinstimmungen ermittelt werden. Acht Monate nach der Tat, im Mai 2012, setzen Staatsanwaltschaft und Angehörige von Gerhard Klingelhöfer eine Belohnung für entscheidende Hinweise aus, insgesamt 11 000 Euro. Und während bisher immer von einem "Tötungsdelikt" die Rede war, sprechen die Ermittler ab nun offiziell von "Mord". Auch gehen sie mittlerweile von mehren Tätern aus. Aus diesem Grund wird ein neuer DNA-Massentest durchgeführt - diesmal mit mehr als 500 Personen. Doch wieder blieb der erhoffte Erfolg aus.

Im Januar 2014 unternehmen Polizei und Staatsanwaltschaft schließlich einen erneuten Versuch, doch noch auf die Spur der Täter zu kommen. Im Hessischen Rundfunk ist der Fall aus Watzenborn-Steinberg Thema in der Fernsehreihe "Kriminalreport Hessen". Darin kommen der Sohn des Opfers und die Schwiegertochter zu Wort, die den Ermordeten im Keller tot aufgefunden hatte. Ebenso informiert Reinhold Humburg, Leiter der Sonderkommission bei der Kripo Gießen, über den Stand der Ermittlungen. Mit der Bitte an die Zuschauer, Auffälligkeiten vor, während und nach der Tatzeit zu melden, erhoffen sich die Ermittler, einen entscheidenden Schritt weiterzukommen.

Ermittler setzen auf TV-Sendungen

In der Sendung schildert Humburg zudem, dass die vermutlich drei bis vier Täter an jenem Abend im September 2011 wahrscheinlich über eine am Tatort vorhandene Leiter und ein Regenfallrohr über den Erker sowie schließlich durch ein gekipptes Dachgeschossfenster ins Haus eingedrungen seien. Man könne davon ausgehen, dass das Vorhandensein eines Tresors in dem Wohnhaus in der Goethestraße im näheren Umfeld bekannt gewesen sei. Doch der entscheidende Hinweis bleibt wieder aus.

Es ist nicht der erste Gang in die breite Öffentlichkeit. Der Mordfall ist bereits im Juni 2012 in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY" dargestellt worden - auch hier ohne den erhofften Erfolg. Der Fall bleibt rätselhaft.

Wer war das Opfer? Gerhard Klingelhöfer war in seinem Ort bekannt und Mitglied in mehreren Vereinen, darunter im TV 07 Watzenborn-Steinberg sowie in den Gesangvereinen "Sängerkranz" und "Harmonie". In früheren Zeiten war er in der Kommunalpolitik engagiert, war Stadtverordneter und Vorsitzender des Bauausschusses.

Das ungeklärte Verbrechen an dem Pohlheimer liegt fast neun Jahre zurück. Der Fall gilt somit als "Cold Case". Aber er ist nicht in Vergessenheit geraten. Und die Ermittler arbeiten weiter daran, die brutale Tat aufzuklären. Und Rouven Spieler bringt es auf den Punkt: "Mord verjährt nicht."

Hinweise zum Mordfall Gerhard Klingelhöfer nimmt die Kripo Gießen unter Telefon 06 41/70 06-25 55 entgegen.

Zusatzinfo: Rentner beschuldigt Nachbar

Während die Ermittler mit Hochdruck an der Aufklärung des Falls arbeiteten, kam es vor vier Jahren zu einem spektakulären Zwischenfall: Im Februar 2015 hatte ein 62-jähriger Pohlheimer das Gerücht verbreitet, sein Nachbar stünde in Verbindung mit dem brutalen Mord an Gerhard Klingelhöfer in Watzenborn-Steinberg. Im Ort hatte er entsprechende Plakate aufgehängt, Flyer an diverse Pohlheimer verteilt und ein anonymes Schreiben an die Polizei geschickt.

Der einschlägig vorbestrafte Rentner hatte die Tat gestanden und war vom Gießener Amtsgericht zu einer Bewährungsstrafe von neun Monaten verurteilt worden.

Dann hatte er jedoch Berufung eingelegt und behauptet, unschuldig zu sein. Im Berufungsverfahren sah die Achte Kleine Strafkammer des Landgerichts den Mann schließlich durch Indizien überführt und verurteilte ihn zu acht Monaten Bewährungsstrafe. Das Motiv: Nachbarschaftsstreit.

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