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Kein Schnaufen, kein Keuchen: Gottfried Auer hält sich jeden Tag auf Fitnessgeräten am Pohlheimer Schwimmbad fit.

Immer in Bewegung

Acht Kilometer und Trimmdichpfad jeden Tag: So hält sich der Pohlheimer Gottfried Auer (78) fit 

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Acht Kilometer, jeden Tag: Der Rentner Gottfried Auer aus Pohlheim kämpft mit den Nachwirkungen einer Krebserkrankung. Morgendliche Kniebeugen in der Unterhose auf dem Balkon, den täglichen Spaziergang um 12 Uhr und seine Einheit auf dem Trimmdichpfad lässt er sich aber nicht nehmen. "Es bringt doch nichts, wenn du zu Hause rumsitzt", sagt der 78-Jährige, der in seinem Leben auf der ganzen Welt unterwegs war.

Gottfried Auers Mund ist zu einem U geformt. Der Rentner rudert vor und zurück. Ein Schnaufen oder Keuchen aber ist nicht zu hören, als er sich draußen am Pohlheimer Schwimmbad auf dem Gerät eines Trimmdichpfads bewegt. Als er danach aufsteht, sagt er, früher habe er länger durchgehalten. "Die Faulheit", raunt er. Ob er das nun ernst meint, lässt er im Unklaren. Auer ist 78 Jahre alt. Der Rentner hält sich fit, indem er acht Kilometer von Garbenteich über Hausen nach Watzenborn-Steinberg läuft. Jeden Tag. Ob es regnet oder ob die Hitze brütet. "Es bleibt mir nichts anderes übrig", sagt Auer, der eine schwere Krebserkrankung überstanden hat. "Es bringt doch nichts, wenn du nur zu Hause rumsitzt und dich plagst." 

Viel herumgekommen

Der Pohlheimer schreitet auf dem Trimmdichpfad von Gerät zu Gerät. Während er seine Übungen absolviert, spannen sich das in den Farben Weiß und Rot gestreifte Hemd und die schwarzen Hosenträger, bedruckt mit Edelweißblüten. "Wissen Sie, woher ich die habe?", fragt er. Und erzählt sofort: "Aus Moskau. Die habe ich auf einem kleinen Markt für 1500 Rubel gekauft." Auer kommt ins Reden. Und schnell wird klar: In Bewegung ist der Pohlheimer schon immer. Er ist viel herumgekommen in seinem Leben, hat auf Baustellen in Malaysia, Bangladesch, in Iran und in der Sowjetunion gearbeitet. Er spricht aus der Zeit noch heute fließend Russisch

Auer läuft auf seiner Strecke an einem Acker entlang. Sein Tag hat kurz nach sechs Uhr angefangen - mit Frühsport auf dem Balkon seiner Wohnung in Garbenteich. In Unterhose hat er 80 Kniebeugen absolviert, danach hat er eine halbe Scheibe Brot mit Käse gefrühstückt und einen Liter Tee getrunken. Auf ein Mittagessen verzichten er und seine Frau. "Das habe ich mir noch nie gemacht", sagt er. "Außer im Krankenhaus. Da kriegst du Ärger mit der Schwester, wenn du nichts isst."

"Der Opa ist fit wie ein Turnschuh. Nur binden kann er ihn nicht selber"

Auer hat eine schwere Prostatakrebserkrankung überlebt, in Rente ging er 2001 mit einer 90-prozentigen Schwerbehinderung. Die eigene Gesundheit sei nicht der Hauptgrund für das tägliche Laufen, sagt er allerdings. "Klar", räumt er ein. "Ich sehe ja an meinem Gewicht, dass es nicht schädlich ist." Doch vor allem treibe ihn schlicht die Gewohnheit an. "Ich habe das Laufen von meiner Frau übernommen." Als er in Rente gegangen sei, habe sie ihm vorgeschlagen mitzugehen. Sie komme aus Ostdeutschland, sagt Auer. "Das ist ein DDR-Eichhörnchen. Die sind gewohnt zu laufen. Die mussten das ja."

Seine Frau ist zehn Jahre jünger als er. Sie laufe jeden Tag 13 Kilometer. "Das schaffe ich nicht mehr", daher nimmt er eine kürzere Strecke. Um viertel nach zwölf läuft Auer alleine los, startet am Admonter Ring, geht die Friedensstraße entlang, in Richtung Hausen. "Manchmal treffe ich beim Laufen einen anderen Grufti, und wir unterhalten uns kurz" sagt Auer. Der Pohlheimer hat drei Kinder, sechs Enkel und drei Urenkel. Sein ältester Sohn hat vor Kurzem einem Enkel gesagt. "Der Opa ist fit wie ein Turnschuh. Nur binden kann er ihn nicht selber."

Weltoffener geworden

In Bewegung bleiben, niemals rasten: Früh hat dies Auer gelernt - und zwar im Beruf. "Wenn du nicht mitmachst, wirst du aussortiert", sagt er. Auer hat weltweit Geräte für die Treibstoffversorgung von Gasturbinen gebaut, zumeist in Diensten einer Firma in Butzbach. Als Experte für Aufträge im Ausland machte er sich dabei unentbehrlich.

Auer erzählt eine Anekdote von einer Baustelle in Moskau. Einmal habe er sich aufgeregt und laut "Sabotage" gerufen. Die russischen Kollegen erschraken, gingen ihm aus dem Weg. "Irgendwann habe ich dann Bierdosen gekauft und den Kollegen in die Hand gedrückt, wir sind ins Gespräch gekommen." Sie hätten ihm erzählt, dass Sabotage ein für sie gefürchtetes Wort war. Dass in der Sowjetunion bei einer Sabotage auf Baustellen auch schon Arbeiter erschossen worden seien. "Ich habe das Wort dort nicht wieder in den Mund genommen." Man müsse eben mit den Leuten reden. "Dann kommt man überall durch."

"Wenn ich zwei Tage nicht gehen kann, fehlt mir etwas"

Zweieinhalb Stunden dauert der Spaziergang Auers durch Pohlheim. In der Neuen Mitte in Watzenborn-Steinberg legt er eine Pause ein, für eine Tasse Kakao. Die Aufenthalte im Ausland hätten ihn weltoffener gemacht, erzählt er. Als Kind habe er noch erlebt, wie zum Ende des Zweiten Weltkriegs die US-Amerikaner einmarschiert sind. Als Vierjähriger habe er seine Mutter gefragt, warum sich die Soldaten mit Schuhcreme eingeschmiert hätten. "Ich habe nicht gewusst, dass es dunkelhäutige Menschen gibt."

Heute kann man Auer als Weltenbummler bezeichnen. Abzusehen war dieses Leben auf Achse keineswegs. Aufgewachsen ist er in der bayerischen Provinz zwischen München und Füssen, der Vater arbeitete als Bergmann unter Tage. Auer legte eine Schlosserlehre ab, verdiente 260 Mark im Monat. "Das war mir zu wenig." Er wechselte den Job, baute Tankstellen, später kam er bei einer Firma unter, die Hochtemperaturheizungen montierte. "Um die große Selbstverwirklichung ging es bei der Berufswahl damals nicht", sagt er.

Spielt Selbstverwirklichung für ihn nun heute eine Rolle, wenn er läuft und sich fit hält? Nein, sagt er. "Es ist eine Gewohnheit geworden. Wenn ich zwei Tage nicht gehen kann, fehlt mir etwas."

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