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Lost Places

Steinbruch bei Holzheim wird zum Naturschutzgebiet

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Ein Steinbruch klingt nicht besonders umweltfreundlich. Doch für viele Tiere und Pflanzen ist er ein idealer Lebensraum. In Holzheim wurde aus dem ehemaligen Basaltsteinbruch ein Naturschutzgebiet.

Pohlheim (pad). Unbekümmert hüpft eine kleine Kröte über den Asphalt. Noch ein paar Meter, dann hat sie es geschafft. Mit einem Sprung landet sie im Flachwassertümpel. Rund um sie herum wachsen Schilf und Gräser, fliegen Libellen und ragen massive Betonfundamente aus dem Boden. Letztere scheint nicht in das Idyll zu passen. Doch ohne sie würde es das Naturschutzgebiet bei Holzheim gar nicht geben.

Was heute ein See ist, umrahmt von Bäumen, Büschen und Wiesen, auf denen Ziegen grasen, war einst ein Steinbruch für Säulenbasalt. Dieser hatte sich gebildet, als dort vor langer Zeit ein Vulkan ausgebrochen war. Nur dem erkalteten Vulkanschlot konnten Wind und Wetter über die Jahrtausende nichts anhaben.

Seit Jahrzehnten Basalt-Abbau

Bereits seit langer Zeit wurden am Heimelsberg Bruchsteine für den Haus- und Scheunenbau gebrochen. Erstmals urkundlich erwähnt wird der Steinbruch 1910, als ihn Moses Weinberg pachtete. Damals wurden Pflastersteine hergestellt.

1957 pachtete die Firma Nickel den Steinbruch, gewann dort Edelsplitt und Schotter für den Straßenbau. Trichterförmig fraßen sich die Bagger bis zu 50 Meter tief in den Boden. Das Gestein wurde direkt vor Ort in der Brecheranlage zerkleinert.

Abenteuerspielplatz

Ewald Seidler, 1951 geboren, erlebte die Zeiten des Tagebaus im Steinbruch. Damals gab es noch wenige Meter entfernt auf Gambacher Gemarkung die Spuren eines alten Eisenbergwerks mit zwei Seen. Diese wurden nach und nach mit Hausmüll zugeschüttet. "Das war ein Abenteuerspielplatz.". Die Seen zu erhalten war damals noch kein Thema. "Das öffentliche Bewusstsein gab es noch nicht."

In den 1970ern war dies anders. Abbaubetriebe wurden gesetzlich verpflichtet, für das Ende des Ausbaus Rekultivierungspläne vorzulegen und Stellungnahmen der Naturschutzverbände einzuholen. Bereits 1967 hatte sich in Holzheim eine Vogelschutzgruppe gegründet. "Wir waren 17, 18, 19 - aus eigenem Interesse", erinnert sich Seidler. Erhard Törner habe sie auf diesem Weg bestärkt. "Als 1977 erstmals das Thema Rekultivierung auf den Tisch kam, waren wir mit im Boot." Pläne für einen 35 Meter tiefen See mit Rundweg und Naherholungsflächen wurden vorgestellt.

Gewaltiger Erdrutsch

Zunächst sollte der Abbau bis 1985 weitergehen. Dann kam es anders: Am 10. Februar 1979 kam es zu einem Erdrutsch. Rund 100 000 Kubikmeter Erde rutschten in den Steinbruch. Die angrenzende Autobahn 45 musste halbseitig gesperrt werden. Der Abbaubetrieb wurde sofort eingestellt.

Zur Stabilisierung sollte das Loch in Folge mit Bauaushub, Bauschutt, Grünabfall und Holz verfüllt werden. Am Ende sollte ein rund drei bis fünf Meter tiefer See verbleiben. Die örtlichen Naturschützer meldeten Bedenken an, dass der Grünabfall noch für Probleme sorgen könnte.

Sie behielten recht: Das Grundwasser drang stetig in den Steinbruch ein, täglich mussten mehrere hundert Kubikmeter Wasser in den angrenzenden Altstädter Bach gepumpt werden. Das nachfließende Grundwasser sorgte für Sauerstoff. Als am 1. Mai 1989 die Pumpen ausfielen, dauerte es nicht lange, bis dem Steinbruchsee aufgrund des im Untergrund verrottenden Grünmülls der Sauerstoff ausging. Das Wasser kippte um, das weitere Abpumpen in den Bach löste ein Fischsterben aus und wurde verboten.

Deponie-Pläne

Die Pläne für den See wollte man aufgegeben, stattdessen eine Bauschuttdeponie einrichten. Die Holzheimer liefen gegen den Vorschlag Sturm - nicht zuletzt, da in dem Ort auch die neue Kreismülldeponie angesiedelt werden sollte. Nach jahrelangen Protesten dann der Erfolg: Die Totalverfüllung war vom Tisch.

1995 begann der Abbau der Brecheranlage, berichtet Seidler. "Sie wurde nach Griechenland verkauft und läuft da wohl heute noch."

Bis 2003 wurde der Steinbruch verfüllt, dann begann die eigentliche Phase der Rekultivierung. Ein See - auf der einen Seite flach, auf der anderen rund acht Meter tief, entstand. In der Mitte wurde eine Insel, am Rand eine Kiesbank angelegt. "Wir wollten es für eine möglichst große Vielfalt anlegen", sagt Seidler.

Unken und Kreuzkröten

Auf dem Areal der ehemaligen Brecheranlage wurden Tümpel für Unken und die Kreuzkröte geschaffen. Den Tieren ist dabei egal, dass am Rand noch die Betonfundamente stehen. "Das ist für die wie Stein", sagt Seidler. Das alte Trafo-Häuschen wurde zum Fledermausquartier umgebaut. Ohne den Steinbruch hätten sich viele Tiere erst gar nicht vor den Toren Holzheims angesiedelt.

Mittlerweile ist der ehemalige Steinbruch ein ausgewiesenes Naturschutzgebiet. Doch die Naturschützer und der Bürgerverein Mensch, Umwelt und Natur haben weiterhin zu tun: Würden sie nicht regelmäßig Büsche und Hecken entfernen, wäre das Areal bald zugewachsen. Darunter würde dann die Artenviefalt leiden. "Jetzt kämpfen wir für die Natur gegen die Natur."

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