"Dass ich gegen den Amtsinhaber gewinne, wäre in einer anderen Stadt nicht möglich gewesen", sagt Andreas Ruck. FOTO: SRS
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"Dass ich gegen den Amtsinhaber gewinne, wäre in einer anderen Stadt nicht möglich gewesen", sagt Andreas Ruck. FOTO: SRS

Neuer Bürgermeister in Pohlheim

Siegestrunken vorm Rathaus - Auf der Suche nach Gründen für Rucks Wahlsieg in Pohlheim

  • vonStefan Schaal
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Andreas Ruck, der neue Bürgermeister Pohlheims, erreicht Historisches: Erstmals in der Geschichte der Stadt wurde der Amtsinhaber abgewählt. Im gesamten Kreis ist dies in den vergangenen 25 Jahren nur fünfmal geschehen. Eine Suche nach Erklärungen für Rucks deutlichen Wahlsieg.

Leichter Niesel fällt, es ist warm wie in einer Sommernacht. "Irre", sagt Andreas Ruck. Ob er gerade vom Wetter spricht oder davon, dass er vor wenigen Stunden zum höchsten Repräsentanten der Stadt gewählt worden ist, durch die er gerade schlendert, ist nicht ganz klar.

Es ist 23 Uhr. Ruck läuft durch Watzenborn. Den Abend hat er in einem Saal der Gaststätte "Zur Ludwigshöhe" verbracht. Weil der Bordstein an manchen Stellen sehr schmal ist, marschiert er auf der Straße, Autos überholen ihn. "Sie dürfen nur keine Haken schlagen", sagt er und gibt weitere Ratschläge, wie man auf einer Straße läuft, ohne umgefahren zu werden. Dann bleibt er vor einem weißen Haus stehen. "Pohlheim", steht auf einem Schild. "Gebäude A. Bürgermeister." Hier wird Ruck in drei Monaten als Rathauschef einziehen und arbeiten. "Irre", sagt er wieder. "Nicht zu fassen."

Mit einer Mehrheit von 61,8 Prozent hat der von der SPD nominierte Ruck am Sonntag die Bürgermeisterwahl gewonnen. Zum ersten Mal in der Geschichte Pohlheims wurde mit Udo Schöffmann (CDU) ein Amtsinhaber abgewählt. Karl Brückel war 1979 mit 65 Jahren in den Ruhestand getreten, sein Nachfolger Hermann Georg war 1996 aufgrund einer Krankheit nicht mehr angetreten, Karl-Heinz Schäfer hatte 2014 nach 18 Jahren als Rathauschef auf eine weitere Kandidatur verzichtet. Im Kreisgebiet waren in den vergangenen 25 Jahren nur die Bürgermeister Günter Leicht in Biebertal, Claus Spandau in Laubach, Matthias Klose in Fernwald, Heinz-Peter Haumann in Gießen und Annette Bergen-Krause in Allendorf abgewählt worden.

Zwei Tage nach dem Wahlsonntag in Pohlheim ist es vor allem die Deutlichkeit des Ergebnisses, die Staunen auslöst. Einen Erklärungsansatz liefert der Politikwissenschaftler Prof. Ernst-Ulrich Huster, der für die SPD im Pohlheimer Stadtparlament sitzt. Der am Sonntag abgewählte Schöffmann habe voll auf den Amtsbonus gesetzt, erklärt er. Tatsächlich hat Schöffmann auf Wahlkampf weitgehend verzichtet, hat stattdessen in Pressemitteilungen beispielsweise die Einführung eines Busrundverkehrs verkündet. "Das Setzen auf den Amts- bonus hat zwei Seiten", sagt Huster. "Er präsentiert sich als Entscheidungsträger." Doch mit streitbaren Entscheidungen stoße ein Amtsträger eben auch Menschen vor den Kopf.

"Vielleicht hätte Udo Schöffmann die wiederkehrenden Straßenbeiträge erst in einer zweiten Amtsperiode einführen sollen", sagt Jörg Buß, CDU-Mitglied des Pohlheimer Magistrats. Ruck hat sich für eine Abschaffung der Beiträge ausgesprochen, hat außerdem eine Autobahnabfahrt am Gambacher Kreuz gefordert. Die Entscheidungsgewalt liegt freilich beim Stadtparlament. "Und eine Idee zur Finanzierung der Abschaffung der Beiträge hat Herr Ruck nicht dargelegt", fügt Buß hinzu.

Zwei Anekdoten machen die Gegensätzlichkeit des Wahlsiegers Ruck und des Verlierers Schöffmann deutlich: Als im August 2018 der Bürgerentscheid gegen das damals geplante Outlet-Center wegen 104 fehlenden Stimmen knapp scheitert, erklärt Bürgermeister Schöffmann in einem Moment, als versöhnliche Töne gefragt sind: "Die Schlammschlacht kommt erst noch."

Im Oktober dieses Jahres steht Ruck vor einem Haus in Dorf-Güll und beantwortet Fragen, es gibt Pommes und Tee. Ruck muss sich dabei auch Skepsis und Kritik stellen. Als die Frage aufkommt, was er als Bad Schwalbacher in Pohlheim will, reagiert Ruck mit Freundlichkeit, lacht, und erklärt, er wolle gestalten. In Corona-Zeiten, in denen viele im Homeoffice arbeiten und zu Hause sitzen, klingelte der Kandidat Ruck an 4000 Haustüren, hörte zu und versprühte Optimismus.

Während der Bad Schwalbacher in der Wahlnacht durch Watzenborn läuft, sagt er einen Satz, der hängen bleibt. "Als Herausforderer gegen den Amtsinhaber zu gewinnen, das wäre in einer anderen Stadt, in einer Stadt mit einer besseren Kommunikation, nicht möglich gewesen."

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