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Steffen Kossatz’ Bild der Grüninger Warte von unten mit Blick auf den Sternenhimmel fasziniert durch seine Perspektive.

Astro-Fotografie

Wie ein Pohlheimer die Milchstraße und entfernte Galaxien fotografiert

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Wenn es dunkel wird, schießt Steffen Kossatz Fotos vom Weltall. In seinen ersten Versuchen waren Sterne in den Bildern nur Streifen. Bis er herausfand, wie er die Bewegung der Erde ausgleichen kann.

Steffen Kossatz steht auf der Wendeltreppe im Hoinkdippe und wedelt mit einer Taschenlampe. Es ist mitten in der Nacht, der 55 Jahre alte Pohlheimer ist der einzige Mensch weit und breit. Auf dem elf Meter hohen Denkmal in Grüningen - umgeben von Ackerflächen und Spazierwegen - gibt Kossatz wohlgemerkt keine Leuchtzeichen. Er schießt Bilder. Ohne die Lampe wäre es in dem Turm stockdunkel. Unten, am Aufgang der einstigen Windmühle, klickt leise der Selbstauslöser seiner Kamera.

Die Milchstraße erscheint wie ein leuchtender Pfad voller Wolken und Sternenstaub, der am Horizont auf die Erde trifft.

Das Ergebnis ist ein Bild, das im ersten Augenblick aufgrund der Perspektive irritiert. Und gleich darauf in seinen Bann zieht. Von unten betrachtet erinnert die Wendeltreppe an eine Rutsche. Als könnte man auf ihr hinabgleiten, an der felsigen Wand des Turmes vorbei - und sich am Ende in den Nachthimmel fallen lassen, in ein tiefes, violettes Meer aus funkelnden Sternen. Kossatz staunt selbst über das Foto. "Die Milchstraße ist zum Teil zu erkennen", sagt er.

Es ist eines von vielen imposanten Bildern des Hobbyfotografen. Wer sein Arbeitszimmer in Holzheim betritt, taucht ein in die Unendlichkeit. Auf dem Monitor seines Computers zeigt Kossatz Bilder von Antares - ein 600 Lichtjahre von der Erde entfernter Stern mit einem Durchmesser von 1000 Millionen Kilometer. Blaue, violette und orangefarbene Nebelwolken umgeben ihn. "Eine extrem bunte Region", sagt Kossatz. Es klingt, als verbringe er dort hin und wieder seinen Urlaub. Der Pohlheimer steht aber daheim in seinem Garten, wenn er in das Weltall reist - durch das Objektiv seiner Kamera.

Kossatz zeigt weitere Bilder von Sternen und entfernten Sonnensystemen. In einem Foto erscheint die Milchstraße wie ein leuchtender Pfad voller Wolken und Sternenstaub, der am Horizont auf die Erde trifft. Die Form eines rötlichen galaktischen Nebelschleiers ähnelt einem Affenkopf. Und so lehnt man sich zurück, lässt die Bilder aus dem Weltraum auf sich wirken. In Kossatz’ Arbeitszimmer herrscht Stille - und doch glaubt man irgendwann, sphärische Musik zu hören. Ganz leise erklingt vor dem inneren Ohr Pink Floyds "Shine on you crazy diamond".

Galaktische Nebel im Sternbild Orion.

Kossatz’ Augen leuchten, wenn er von seinem Hobby erzählt. Es mag auch daran liegen, dass der Pohlheimer erst vor knapp zwei Jahren angefangen hat, Himmelskörper zu fotografieren. "Ich habe im Internet Weltraumbilder von anderen Fotografen gesehen. Und habe mir gedacht: Das musst du auch hinkriegen." Als Jugendlicher hat er bereits fotografiert - bevorzugt blumige Landschaften, damals noch mit einer Exa-Spiegelreflexkamera. Kossatz ist in der DDR in der Nähe von Cottbus aufgewachsen. Wenn er erzählt, wie er sich die Astrofotografie nun durch Youtube-Videos selbst beibringt, ist seine kindliche Faszination ansteckend. Fast ungläubig schaut er auf so manches eigene Foto, das ihm gelungen ist. Wenn beispielsweise bläulich schimmernde Krater und Landschaften auf der Oberfläche des Mondes wie zum Greifen nah erscheinen. "Wir können auf Fotos Sterne sehen, wie sie vor 55 Millionen Jahren ausgesehen haben", sagt Kossatz. "Das ist genial."

Tagsüber arbeitet der Holzheimer im Außendienst für einen Baustoffhändler. Wenn es dunkel wird, packt er die Kamera aus. Auf die Frage, ob er besondere Orte bevorzugt, um den Nachthimmel zu fotografieren, lächelt Kossatz. "Der Weltraum ist von überall aus gleich." Voraussetzungen sind allerdings ein klarer Himmel und Neumond. "Die Lichtverschmutzung ist ein Problem. Auf Bildern kommt durch die Langzeitbelichtung am Horizont immer ein heller, orangefarbener Bereich zum Vorschein."

Eine Drossel singt, als Kossatz in seinem Garten die Kamera an einem Stativ fixiert. Er richtet das Objektiv am Polarstern aus, dann schließt er den Laptop an. Vor allem mit einem Problem hatte Kossatz anfangs zu kämpfen: "Auf meinen ersten Bildern waren die Sterne immer nur Streifen", erzählt er. Grund waren die langen Belichtungszeiten bis zu fünf Minuten - und dass sich die Erde eben dreht. Während Kossatz berichtet, ist ein leises Brummen zu hören. Eine sogenannte Nachführung dreht die Kamera in der exakten Geschwindigkeit der Erdrotation - allerdings immer in die entgegengesetzte Richtung. So bleibt die Kamera nun unverändert auf die Galaxie M 101 ausgerichtet.

Steffen Kossatz

Kürzlich hat sich Kossatz ein weiteres Gerät zugelegt, um minimale Fehler der Nachführung auszugleichen. Nur rund 3000 Euro habe er für die Ausrüstung der Astro-Fotografie ausgegeben.

Die Kamera beginnt, Fotos zu schießen, 100 Bilder entstehen innerhalb mehrerer Stunden vom selben Motiv. "In einzelnen Fotos ist ein großes Rauschen zu sehen", erklärt der Pohlheimer. Wenn man am Ende viele Bilder aber übereinander lege, könne man das Rauschen minimieren. So mancher Purist rümpft bei der Nachbearbeitung von Bildern die Nase. "Bei der Astrofotografie musst du es machen", betont Kossatz.

Der Pohlheimer zeigt seine Bilder in mehreren Facebook-Gruppen der Region, neben Fotos vom Weltall ist er im Kreisgebiet auch für Bilder beispielsweise der Burg Münzenberg und von rosarot leuchtenden Mohnfeldern bekannt. Nur eines, gesteht Kossatz, scheut er beim Fotografieren: Menschen. "Das lasse ich lieber sein und überlasse es Profis", sagt er. "Da kann man so vieles falsch machen."

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