Leerstände gibt es in Pohlheim und vor allem in Watzenborn-Steinberg laut Demografie-Atlas kaum. "Weil in den vergangenen Jahren kein anderes Bauland vorhanden war", sagt der Bürgermeister. FOTOS: HENSS/SRS
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Leerstände gibt es in Pohlheim und vor allem in Watzenborn-Steinberg laut Demografie-Atlas kaum. "Weil in den vergangenen Jahren kein anderes Bauland vorhanden war", sagt der Bürgermeister. FOTOS: HENSS/SRS

10,77 Prozent Wachstum vorausgesagt

Pohlheim: Die am stärksten wachsende Kommune im Kreis Gießen? - Bürgermeister widerspricht

  • vonStefan Schaal
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Keine Kommune im Kreis wächst in den kommenden zehn Jahren stärker als Pohlheim - so heißt es im Demografie-Atlas des Landkreises. Mit einer Zunahme der Einwohner um 10,77 Prozent liegt die Stadt der Prognose zufolge auch vor Gießen. Pohlheims Bürgermeister Udo Schöffmann widerspricht allerdings: "Es liegt nicht in unserem Interesse, dass wir so schnell wachsen."

Pohlheim kratzt an einer historischen Marke: Erstmals überschreitet die nach Gießen größte Stadt im Kreisgebiet voraussichtlich in diesem Jahr die Zahl von 20 000 Einwohnern. Liest man den Demografie-Atlas des Landkreises, ist Pohlheim außerdem die am stärksten wachsende Kommune im Kreisgebiet. Bis 2030 soll die Zahl der Einwohner demnach um 10,77 Prozent im Vergleich zu 2016 zunehmen. Ein Blick auf die aktuellen Bauprojekte in Pohlheim aber macht deutlich: Zu diesem Wachstum wird es kaum kommen.

Auch Bürgermeister Udo Schöffmann hält die Prognose für unrealistisch. "Wir werden nur wachsen können, wenn wir entsprechende Gebiete nachlegen", sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Und an sämtlichen neuen Wohngebieten in Pohlheim hakt es seit Jahren.

In Hausen-Ost beispielsweise sollen 70 Häuser entstehen, entsprechende Planungen der Stadt gibt es bereits seit 2007. Der erste Bauabschnitt wird inzwischen erschlossen, doch beim Kauf der Grundstücke biss sich die Stadt lange Jahre die Zähne aus, noch immer gibt es Klärungsbedarf. "Bei einem Grundstück haben wir nun bei der Umschreibung festgestellt, dass noch ein Erbe Miteigentümer ist, der aber nicht auffindbar ist", berichtet Schöffmann.

Für eine weitere geplante Fläche für Wohnhäuser im Oberweg muss die Stadt aus ähnlichen Gründen die Pläne gar ruhen lassen. "Uns fehlen die Grundstücke", sagt Schöffmann. Gespräche mit Hauseigentümern habe man nach knapp zwei Jahren ohne Erfolg eingestellt. "Der eine verhandelt mit astronomischen Preisen. Der andere sagt, es sei das Grundstück der Oma, da hänge sein Herz dran", berichtet der Bürgermeister. "Und es gibt Eigentümer, die grundsätzlich ein weiteres Baugebiet ablehnen."

Die Pohlheimer Baupläne hängen an weiteren Schwierigkeiten. In Hausen-Ost zum Beispiel waren in einem Umweltgutachten die Ausgleichsflächen falsch deklariert, die Untersuchung muss wiederholt werden, und der Bebauungsplan muss erneut durchs Parlament. In Garbenteich, wo an der Friedensstraße Bauplätze für mehrgeschossige Häuser mit Sozialwohnungen und gleichzeitig Ein- und Zweifamilienhäuser entstehen sollen, war die Vorlage des Magistrats aus rechtlicher Sicht zu beanstanden, die beiden Bereiche müssen nun vermutlich getrennt geplant werden. Ein Todesfall verzögerte das Lärmgutachten, bei einem weiteren Bauprojekt in Grüningen "Hinter der Burg" ist der Planer schwer erkrankt.

So ist derzeit bei keinem Pohlheimer Bauvorhaben für Wohnhäuser eine Fertigstellung abzusehen. Diese Umstände spielen zweifellos eine Rolle, wenn Schöffmann sagt: "Es liegt gar nicht in unserem Interesse, dass wir so schnell wachsen." Wichtig sei, "dass man als Kommune nicht schrumpft" und dass für alle Einwohner die notwendige Infrastruktur vorhanden sei. Wachstum heiße, so erklärt der Bürgermeister: "Ich hole mir andere Probleme, die heute noch gar nicht habe."

Zumal Pohlheim bereits mit aktuellen Problemen zu kämpfen hat, um die Bevölkerung in den südlichen Stadtteilen stärker zu integrieren. Das Konzept eines Bus-Rundverkehrs, das vor allem die Dorf-Güller, Grüninger und Holzheimer besser in den öffentlichen Nahverkehr einbinden soll, wurde vom Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) vorerst abgelehnt. Der RMV befürchtet eine zu große Konkurrenz für die bereits bestehenden Buslinien. Die Stadt feilt nun an einem korrigierten Konzept, aus einer halbstündigen Taktung soll eine ganzstündige werden, allerdings mit einem Erweiterung des Fahrplans. "Die Abstimmung ist langwierig", räumt Schöffmann ein. "Der Rundverkehr sollte eigentlich dieses Jahr in den Probebetrieb."

Pohlheims Einwohnerzahl ist in den vergangenen 25 Jahren von 17 500 auf nun knapp 20 000 gewachsen. Ob sie einen weiteren enormen Zuwachs verkraften kann, ist fraglich. Die Stadt baut zwar die größte Kita des Landkreises mit Platz für 150 Kinder und acht Gruppen. Jugendarbeit existiert allerdings kaum. Nur noch einen Jugendraum gibt es in der gesamten Stadt derzeit, in Watzenborn-Steinberg. Er sei "noch nicht schlau genug", welcher Bedarf und welche Wünsche unter Jugendlichen in Pohlheim bestehen, sagt Schöffmann.

Die Marke von 20 000 Einwohnern hält er für eher nebensächlich. "Das betrifft ja Erst- und Zweitwohnsitz." Außerdem liege die Zahl in allen Kommunen tatsächlich etwas niedriger wie das Statistische Landesamt auch betont.

Was die vielen Verzögerungen bei den Baugebieten angeht, entdeckt Schöffmann außerdem einen Vorteil, den übrigens auch der Demografie-Atlas des Landkreises hervorhebt: "Offensichtliche Leerstände von kompletten Häusern" seien in Pohlheim, insbesondere in Watzenborn-Steinberg "kaum vorhanden". In Garbenteich zum Beispiel werde in der Licher Straße eine doppelte Lücke vor allem aus einem Grund geschlossen, sagt der Bürgermeister. "Weil kein anderes Bauland vorhanden war."

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