Eine Ballonfahrt als Geschenk zu seinem 60. Geburtstag hat Uwe Degen (mit seiner Lebensgefährtin Erna Wendel) schon mehrfach verschoben. Auch wegen der Erkrankung, zuletzt wegen Corona. Der Pohlheimer nimmt es gelassen. "Ich habe durch das Warten auf die Leber gelernt, geduldig zu sein."
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Eine Ballonfahrt als Geschenk zu seinem 60. Geburtstag hat Uwe Degen (mit seiner Lebensgefährtin Erna Wendel) schon mehrfach verschoben. Auch wegen der Erkrankung, zuletzt wegen Corona. Der Pohlheimer nimmt es gelassen. »Ich habe durch das Warten auf die Leber gelernt, geduldig zu sein.«

Organspende

Leberzirrhose: Transplantation rettet Pohlheimer – „Keiner hat mehr auf mich gewettet“

  • vonStefan Schaal
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Im Frühjahr 2019 landet Uwe Degen mit einer Leberzirrhose im Krankenhaus, der Pohlheimer ringt mit dem Tod. Dass er heute am Leben ist, verdanke er seiner Familie und einem Unbekannten.

  • Nach einer Leberzirrhose landet Uwe Degen aus dem Kreis Gießen im Krankenhaus.
  • Die Symptome erkennt seine Hausärztin sofort.
  • Die Leberwerte des Pohlheimers sind schlecht, eine Transplantation rettet sein Leben.

Pohlheim - Eine neue Leber. Endlich. »Ich werde noch heute operiert«, schreibt Uwe Degen seiner Lebensgefährtin per WhatsApp an einem frühen Morgen im November 2019. Der Oberarzt habe es ihm am Abend zuvor gesagt. Der Pohlheimer sitzt auf einem Bett in der Intensivstation der Frankfurter Uniklinik, er ist aufgeregt und wartet darauf, gleich in den OP-Saal geschoben zu werden. Dann aber stimmt etwas nicht. Niemand holt ihn ab.

»Was ist denn los?«, fragt er eine Krankenschwester. Bis es ihm dämmert: Das Gespräch mit dem Oberarzt am Vorabend war nur ein Traum. So tief sitzen die Angst und die Hoffnung auf ein neues Organ, dass er den Traum für real gehalten hat. Er muss weiter auf eine Leber warten.

Leberzirrhose und Lebertransplantation: „Da hat keiner auch nur einen Pfifferling auf mich gewettet“

Degen öffnet die Haustür in Watzenborn-Steinberg. Es ist ein Nachmittag im November 2020. Schmal ist er geworden. »Ich wiege nur noch 75 Kilo«, sagt er. In der Küche nimmt er an einem Tisch Platz. Es duftet nach süßem Teig und Kaffee, Degens Lebensgefährtin Erna hat Waffeln gebacken, die 16 Monate alte Enkelin Elsa schlendert durch die Küche und bleibt stumm an einem Regal stehen, im Wohnzimmer läuft laut der Fernseher. Degen lehnt sich zurück, legt den linken Arm über einen Stuhl neben ihm, presst leicht die Lippen zusammen, lächelt. Und erzählt. Von dunklen Stunden, »da hat keiner auch nur einen Pfifferling auf mich gewettet.« Vom Warten auf eine Leber. Und von seinem neuen Leben.

Anderthalb Jahre ist es her, als im März vergangenen Jahres Degens Körper Alarm schlägt. Innerhalb zweier Wochen nimmt er fast 20 Kilogramm zu, obwohl er nicht mehr als sonst isst. »Mein Körper war aufgedunsen«, erzählt Degen. »Ich konnte mir keine Schuhe mehr anziehen. Ich habe 125 Kilo gewogen.«

Leberzirrhose und Lebertransplantation: Nach Symptomen direkt ins Krankenhaus - Gelbsucht als Kind

Degens Hausärztin weist ihn sofort in ein Krankenhaus ein. Es ist eine Leberzirrhose. Durch einen erhöhten Druck in der Portader werde Flüssigkeit aus den Blutgefäßen im Bauch gepresst, erklärt ihm die Ärztin. »Wenn da etwas auf’s Herz drückt, sind Sie innerhalb von drei Sekunden weg.« In der Asklepios-Klinik in Lich werden ihm innerhalb zweier Tage 17 Liter Wasser abgepumpt.

Degen, 62 Jahre alt, ist ein Mann der leisen Töne, der Gemütlichkeit ausstrahlt. »Das kriegen wir schon«, ist ein Satz, den er oft ausspricht. Erzählt er von den Ursachen der Leberzirrhose, treten indes eine entwaffnende Klarheit und Härte gegenüber sich selbst zum Vorschein. Dass er mit fünf Jahren mal an Gelbsucht gelitten habe, sei ein Hinweis auf eine Anfälligkeit der Leber, sagt er. Hauptgrund für die Zirrhose aber sei, »dass ich Alkoholiker bin«. Härtere Sachen habe er schon lange nicht mehr getrunken. »Ich habe auch nie wegen Alkohol auf der Arbeit gefehlt.« Jeden Samstag aber habe er auf der Ludwigshöhe in Watzenborn Fußball geschaut und dabei »vier, fünf, sechs Schoppen« getrunken. Auf die Frage, ob er dadurch schon Alkoholiker sei, antwortet er kurz und knapp. »Aus medizinischer Sicht ja.« Seit der Diagnose habe er keinen Tropfen mehr angerührt.

Leberzirrhose und Lebertransplantation: Ein Unbekannter rettet sein Leben

Von April bis November 2019 liegt Degen fast ununterbrochen im Krankenhaus, landet immer wieder aufgrund seines schlechten Zustands auf der Intensivstation. Dann aber passiert etwas, das ihm, wie er heute sagt, das Leben rettet.

Seine Tochter ist schwanger, an einem Wochenende im Juli setzen bei ihr die Wehen ein, da bittet Degen seinen Stationsarzt: »Schmeißt mich hier raus.« Daheim geschehe etwas, »das hilft mir mehr als all die Medikamente, die ich hier kriegen kann.« Der Arzt ist skeptisch, Degens Leberwerte sind zu dem Zeitpunkt schlecht, schließlich entlässt er den Pohlheimer dann doch. »Zwei Wochen Venen-Urlaub«, sagt der Arzt. Degens Körper ist damals aufgrund der vielen Blutproben von Nadelstichen durchlöchert.

Und so kommt Degen an einem Freitag um 17 Uhr zu Hause in Watzenborn an, 15 Minuten später erhält er die Nachricht, dass gerade seine Enkelin geboren ist. Drei Tage später hält er sie im Garten der Familie im Arm. Die Enkelin brummt, gurrt und plärrt, Degen weint vor Glück. In den Wochen und Monaten danach wird er im Krankenbett liegend immer wieder auf seinem Handy Bilder von ihr anschauen. »Elsa hat mir sehr geholfen.«

Drei Tage, nachdem Degen geträumt hat, dass eine Leber verfügbar ist, wird seine Hoffnung doch Wirklichkeit. Am nächsten Tag könne es zur Transplantation kommen, sagt ihm der Arzt, diesmal ist es die Realität. »Ich wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen«, erzählt Degen. 17 Tests hat er hinter sich, auch eine psychologische Untersuchung. Er hat Glück, nur zwei Monate hat er auf das Organ warten müssen, weil er der weit verbreiteten Blutgruppe A positiv angehört und weil er aufgrund seines Zustands weit oben auf der Liste der Kandidaten für eine Lebertransplantation steht.

Leberzirrhose und Lebertransplantation: Lange Operation ohne Komplikationen

Fünfeinhalb Stunden dauert die Operation an der Frankfurter Uniklinik. Als Degen nach der OP aufwacht, berichtet ihm der Arzt, dass alles ohne Komplikationen verlaufen ist, sie hätten zwischendurch eine halbe Stunde Pause eingelegt. »Den Kaffee, den ihr da getrunken habt, könnt ihr mir in Rechnung stellen«, antwortet Degen.

30 Jahre lang hat Degen für die Gießener Allgemeine Zeitung gearbeitet, anfangs als Archivar, bis September vergangenen Jahres als Assistent der Redaktion. Voll bei Kräften ist der Rentner noch nicht. Morgen, erzählt er, müsse ihm sein Schwiegersohn beim Aufbauen von Möbeln helfen.

Leberzirrhose und Lebertransplantation: Symptome traten auf, Kampf ums Leben begann

Die Zeit der Erkrankung, der Kampf um sein Leben und das Warten auf die Leber haben ihn verändert, sagt er. »Die Einstellung ist komplett anders. Es gibt auf einmal Wichtigeres.« Früher sei er fast jeden Abend für Vereine unterwegs gewesen. Nun verbringe er viel mehr Zeit mit Familie und Freunden. »Ich muss nix mehr«, sagt er. Als er im Krankenhaus lag, haben mehrere Freunde immer wieder bei seiner Lebensgefährtin angerufen und angeboten, sie nach Frankfurt zu fahren. »Wann willst du wieder zum Uwe?«, haben sie gefragt. In einer Anzeige in den Pohlheimer Nachrichten hat sich Degen kürzlich für die Unterstützung bedankt - auch bei dem »unbekannten Menschen, der durch seine Bereitschaft für eine Organspende« sein neues Leben erst ermöglicht habe.

Hin und wieder kommt die Enkelin bei Degen vorbei. Zielstrebig steuert Elsa ein Bücherregal im Wohnzimmer an und kramt ein Wörterbuch hervor, in dem sie minutenlang blättert. »Englisch-Deutsch, Deutsch-Englisch«. Wenn sie in den Kindergarten komme, »kann sie perfekt Englisch«, sagt Degen schmunzelnd. Auf die Frage, was das Wichtigste ist, beißt er in eine Waffel. »Dass ich lebe«, sagt er. Dann schaut er seine Lebensgefährtin an. »Dass wir leben.«

Aufruf zu Organspende-Ausweis

Er habe »unheimlich viel Glück gehabt«, sagt Uwe Degen. Deutschland gehört im europäischen Vergleich zu den Schlusslichtern bei Organspenden. Pro Jahr sterben bundesweit 1000 Menschen, weil sie nicht rechtzeitig transplantiert werden können. Er habe seinen Organspende-Ausweis immer dabei, sagt Degen – und wirbt auch unter Freunden dafür. »Ich habe diese Woche fünf Leute dazu gekriegt, einen Ausweis auszufüllen, und hoffe, noch viele weitere Nachahmer zu finden.«

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