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Das Watzenborn-Steinberger Kino auf einer historischen Aufnahme. (Repro: rge)

Geschichte eines Kinos

Als Pohlheim ein Kino hatte

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Einst hatte auch Watzenborn-Steinberg ein Lichtspielhaus. Den Aufstieg und Niedergang des Kinos hat Dr. Nikola Stumpf in ihrem neuen Buch "Vom Ladenkino zur Eigenproduktion" festgehalten.

Mit den Amis fing alles an, mit dem Siegeszug des Fernsehers war alles vorbei: Das Kino hatte in Watzenborn-Steinberg nur eine kurze Blütezeit. Dr. Nikola Stumpf hat für ihr Buch "Vom Ladenkino zur Eigenproduktion - Kommunale Kinogeschichte des Wirtschaftswunders am Beispiel der Lichtspielhäuser Watzenborn-Steinberg (1945-1964)" mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen. Sie beleuchtet ein Stück Lebenswirklichkeit der Watzenborn-Steinberger Nachkriegsgeneration und rettet es vor dem Vergessen.

1945 brachten die US-Soldaten als Erste die große weite Welt auf Zelluloid in den Filmen von Charlie Chaplin & Co. in das damals noch beschauliche Dörfchen. Ihre ersten Lichtspielvorführungen in der Volkshalle wurden zwar eigennützig zur Truppenunterhaltung geboten, aber die Dorfkinder wurden dazu eingeladen. Sie sorgten für das "Filmfieber" im Ort, berichtet Stumpf. Das Medium Film wurde Botschafter einer bis dahin als feindlich bezeichneten und fremden Kultur. Ein GI blieb in den Kindheitsgedanken besonders in guter Erinnerung: der hilfsbereite Afro-Amerikaner "Mr. Ricks".

Genehmigung für Wilhelm Vogt

Kurzzeitig soll auch die Arbeiterwohlfahrt ab 1946 Filme gezeigt haben. Jedoch seien die Kosten höher als die Einnahmen gewesen und das Ziel, aus den Gewinnen bedürftige Bürger zu unterstützen, wurde somit verfehlt.

Es war der Hungener Kinounternehmer Wilhelm Vogt, durch dessen Unterstützung Filme wie "Damals" mit Zarah Leander und der DEFA-Märchenfilm "Der kleine Muck" den Weg nach Watzenborn-Steinberg fanden. Im August 1949 hatte er eine Genehmigung für Filmvorführungen im Gasthof "Zur Krone" erhalten. 190 Plätze gab es hier - und die waren meist ausverkauft, selbst bei schlechten Filmen. Das Programm wurde auf einem schwarzen Brett, ab 1953 im Gemeindeblättchen angekündigt.

B-Western-Movies und Heimatfilme

Fragte Stumpf die Zeitzeugen nach Filmen dieser Zeit, kam oft die Antwort "Wir sahen Fuzzy!". Der kauzige Cowboy-Sidekick als "Dorftrottel" in B-Western-Movies war beliebt, genauso wie "Zorro", der Rächer der Armen. Beliebte Heimatfilme halfen die geistigen und körperlichen Kriegswunden in der Illusion einer heilen oder exotisch wirkenden Welt für den Moment zu verdrängen. Kleinbürgerliche Komödien und Arztfilme waren ebenfalls beliebt, Gangsterfilme damals weniger, schreibt Stumpf.

Nachdem das Gasthauskino gut ankam, wollte Vogt ein eigenes Gebäude errichten. Doch die Nachbarschaftsstreitigkeiten in der "Obstbaum- und Grabgartenaffäre" behinderten das Projekt in der Bachstraße (heute: Zur Eichwiese) zunächst. Geld- und Besitzansprüche boten dabei den Boden für Spekulationen und Spitzfindigkeiten, bei den der damalige Bürgermeister Karl Brückel als Vermittler auf Trab gehalten wurde.

Treffpunkt für die Gesellschaft

Am Ende stand nach nur sieben Wochen Bauzeit das Kino. Am 25. Mai 1955 war Premiere im neuen Rex-Filmtheater. Die technische Qualität der Vorführungen stieg damit enorm. "Ludwig II. - Glanz und Ende eines Königs " mit O.W. Fischer war der erste Film, der im klimatisierten Saal mit seinen 399 Plätzen auf der Großbildleinwand lief. Dorfbewohner fanden folgend Arbeit im Kino. Das Kino entwickelte sich zum Treffpunkt für die Gesellschaft jeden Alters und wertete das kulturelle Leben auf.

Waren es allerdings nach den Archivunterlagen 51 723 Zuschauer die alleine 1956 das Rex besuchten, waren es bereits 1960 nur noch 34 287. Der Fernseher hielt in immer mehr Familien Einzug. "Der längste Tag" mit US-Filmlegende John Wayne als US-Offizier, der die Landung der Alliierten in der Normandie thematisierte, war einer der letzten Filme, als das Kino für immer im November 1963 seine Türen schloss.

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Das Buch "Vom Ladenkino zur Eigenproduktion - Kommunale Kinogeschichte des Wirtschaftswunders am Beispiel der Lichtspielhäuser Watzenborn-Steinberg (1945-1964)" von Nikola Stumpf mit seinen 194 Seiten ist im Tectum Verlag erschienen. Neben den geschichtlichen Ereignissen und Entwicklungen rund um Kino und Filme ist auch ein Verzeichnis aller Filmvorführungen im Rex-Filmtheater angefügt. Das gedruckte Buch ist erhältlich über Amazon, dem Tectum-Verlag und per Mail bei nikola.stumpf@gmx.de zum Preis von 36 Euro. Digital zum Download fürs Kindle kostet es 28.99 Euro bei Amazon.

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