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Die Eiche am Radweg ist von oben bis unten mit Gespinsten des Eichenprozessionsspinners befallen.

Eichenprozessionsspinner

Im Schutzanzug gegen die Eichenprozessionsspinner in Pohlheim

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Der Eichenprozessionsspinner hat sich im Kreis Gießen explosionsartig vermehrt. Wie aber entfernt man die gefährlichen Raupen? Ein Ortstermin in Pohlheim.

Feuerrote Haut, Wassereinlagerungen, Pusteln am ganzen Körper. Das Foto, das Markus Steinbichler auf seinem Handy gespeichert hat, lässt den Betrachter erschaudern. Es zeigt seine letzte Reaktion auf die giftigen Härchen des Eichenprozessionsspinners. "Ich habe mich nachts blutig gekratzt", erinnert er sich.

Der 48-Jährige ist Inhaber der Pohlheimer Firma Baumdienste Steinbichler. Im Moment ist er mit seinen drei Mitarbeitern jeden Tag von früh bis spät in der Region unterwegs, um befallene Eichen von den gefährlichen Raupen zu befreien. Fast minütlich klingelt sein Handy und ein neuer Auftraggeber bittet um Hilfe. Mal sind es Privatpersonen, mal öffentliche Verwaltungen, die anrufen. In diesem Sommer gibt es faktisch keine Kommune im Landkreis, die vom Eichenprozessionsspinner verschont geblieben ist. Die Tiere haben sich explosionsartig vermehrt, sagt Steinbichler. Und Kommunen müssen innerorts und an stark frequentierten Wegen schnellstmöglich dafür sorgen, dass die Raupen von den Eichen entfernt werden.

So ein stark frequentierter Weg führt auch am Obersteinberger Hof von Familie Fay bei Watzenborn-Steinberg vorbei. In der Nähe steht eine Eiche in einem Flutgraben am Rand des Radwegs. Sie ist von oben bis unten mit den charakteristischen Raupennestern bedeckt. Die Rinder, die auf der angrenzenden Wiese grasen sollten, sind am Vortag evakuiert worden. "Zum Glück hatten wir in der Vergangenheit noch keine Probleme mit dem Eichenprozessionsspinner", sagt Landwirt Peter Fay. "Und zum Glück steht die Eiche auf einer kommunalen Fläche." So ist die Stadt Pohlheim für die Entfernung der Raupen zuständig. Sie hat Steinbichler damit beauftragt.

Es ist 8 Uhr am Morgen, die Sonne scheint, der Blick schweift über die Felder. Doch die Idylle hat ein jähes Ende als zwei Fahrzeuge mit Hebebühnen anrücken und drei Männer in Schutzanzügen und Atemmasken aussteigen. Sie machen zwei Industriestaubsauger startklar. Rund 50 Gespinste mit Tausenden Raupen sollen an der etwa zwölf Meter hohen Eiche entfernt werden. "Giftspritzen nützt jetzt nichts mehr", sagt Steinbichler.

Die Raupen durchlaufen in ihrer Entwicklung drei Stadien. Doch erst in ihrer dritten Haut entwickeln sie ihr Nesselgift. Im Frühjahr, als man noch prophylaktisch Gift gegen die Raupen einsetzen konnte, sei die Witterung nicht ideal gewesen. "Entweder war es zu kalt oder es hat geregnet", sagt der Baumpflegeexperte. "Bei Temperaturen unter 15 Grad fressen die Raupen nicht, und der Regen hat das Gift direkt wieder abgewaschen." Bei Trockenheit sei das Gift maximal sieben Tage wirksam, danach werde es von UV-Strahlung zersetzt. "Und beim Spritzen werden nicht nur die Eichenprozessionsspinner bekämpft", sagt Steinbichler. Er erinnert sich an einen Baum im Frühjahr. "Da saß ein Hirschkäferpärchen in einer Astgabel. Sie waren gerade dabei, sich zu paaren. Dass auch sie das Gift abbekamen, tat mir in der Seele weh."

An der Eiche im Feld bei Watzenborn-Steinberg ist es für diese Überlegungen allerdings zu spät. Die Raupen sind dabei, sich zu verpuppen, es hilft nur noch Absaugen.

Die Männer, allesamt in Asbestschutzanzügen, die die feinen Haare der Eichenprozessionsspinner nicht durchdringen können, saugen Nest für Nest ab. Die größeren Gespinste, darunter auch ein rund 1,5 Meter langes, passen nicht durch den Schlauch mit Aufsatz, der dem eines Haushaltsstaubsaugers gleicht. Deshalb landen Hunderte Raupen zuerst in einem Eimer, aus dem sie dann peu à peu heraus gesaugt werden.

Gut drei Stunden sind die Männer mit der Eiche beschäftigt - und sind danach längst nicht fertig. "Bis zu fünfmal müssen wir in den kommenden Tagen nachsaugen", sagt Steinbichler. Zwar sind die meisten Raupen in den Nestern, doch manche sind bei der Wärme noch auf der Suche nach Flüssigkeit und kehren erst später an ihren Wirtsbaum zurück. Auch diese müssen die Baumpfleger entfernen.

Und was passiert mit den abgesaugten Raupen? "Erst seit vergangener Woche können wir sie legal beim Landkreis entsorgen", sagt Steinbichler. Zuvor habe es keinen Entsorgungsschlüssel dafür gegeben. Unermüdlich habe er sich dafür eingesetzt, damit sich das ändert. Das Problem: Der Staubsaugerbeutel ist Restmüll, der Inhalt aber organischer Art und gehört deshalb in die Tierverwertungsanlage. "Aber trennen Sie das mal", sagt Steinbichler. Beim Einsaugen werden die Raupen getötet. Das Ergebnis kann "man sich das wie grünen Wackelpudding vorstellen. Es macht keinen Spaß, die Beutel zu öffnen."

Die letzte starke Nesselsucht des 48-Jährigen liegt zwei Jahre zurück. "Die Schmerzen nachts sind unvorstellbar, das Jucken ist nicht auszuhalten." Mittlerweile ist er weitgehend resistent gegen das Gift der Raupen, sagt er. "Ich spüre es abends noch etwas zwischen den Fingern." Woran das liegt, kann er nur vermuten. "Ich hatte unzählige Ausschläge. Vielleicht bildet mein Körper jetzt von allein ausreichend Kortisol, um die Reaktion zu verhindern."

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