+
"Ich werde die Ziege nicht behalten", sagt Christiane Schmidt. "Sie passt nicht zur Gruppe. Wenn die robusten Schafe auf sie zukommen, hat sie schlechte Karten."

Ausgesetztes Tier

Das Rätsel um die einsame Ziege in Pohlheim

Sie ist alt, hat kaum noch Zähne - und ist heimatlos: Eine fremde Ziege stand am Pfingstsonntag plötzlich mitten in der Herde einer seltenen Schafzucht in Pohlheim. Jemand muss sie dort ausgesetzt und über einen elektrischen Zaun geworfen haben. Die Schafszüchterin ist ratlos - und erleichtert.

Müde schaut sie drein, die Augen sind halb verschlossen, mit vorsichtigen Schritten trottet sie über die Weide. Inmitten einer Herde kräftiger gehörnter Schafe wirkt die Ziege mit dem braun-weißen Fell klein, einsam und verloren. Jemand hat die alte Ziege, die kaum noch Zähne besitzt, am Pfingstsonntag ausgesetzt und über einen elektrischen Zaun in eine fremde Koppel am Fortweg in Watzenborn-Steinberg geworfen.

"Zum Glück ist es ein Mädchen", sagt Christiane Schmidt erleichtert. Die Pohlheimerin züchtet auf der Weide 18 Schafe der seltenen Soay-Rasse. "Es ist nicht lustig", sagt sie. "Wäre es ein Bock, hätte die Ziege die weiblichen Tiere in der Koppel alle decken können." Ihre Zucht hätte auf dem Spiel gestanden.

War es ein Pfingstscherz?

Am frühen Abend des Pfingstsonntags steht Schmidts Vater draußen an der Koppel und reibt sich die Augen. "Da steht eine fremde Ziege", ruft er. Dass jemand das Tier bei ihnen abgeladen hat, kann seine Tochter noch immer nicht so recht fassen. Klar, sagt sie. "Es wäre auf jeden Fall ein leichtes Unterfangen, die Koppel liegt direkt an einer vielbefahrenen Straße." Immer wieder höre und lese man davon, dass Tiere gestohlen werden, fügt sie hinzu. Dass aber eine Ziege ausgesetzt und so weggegeben wird, habe sie noch nie mitbekommen. "Leute gibt’s, die gibt’s gar nicht."

Es ist ein Vorfall, über den man sich wundert. Zunächst denkt man an einen Scherz. Gerade zu Pfingsten wird auf dem Lande so mancher Schabernack getrieben. In Anspielung auf den Heiligen Geist werden in der Nacht auf Pfingstmontag gerne Gegenstände verstellt, Gartentore ausgehängt oder beispielsweise Türmatten eingesammelt und auf dem Dorfplatz ausgebreitet. "Die Ziege ist ja schon einige Tage hier", sagt Schmidt. "Es ist jetzt sicher kein Scherz mehr. Das Tier hätte ja auch eine Krankheit haben können." Eine Ohrmarke, wie eigentlich vorgeschrieben, hat die Ziege nicht. Sie wurde also offenkundig vorher nicht ordnungsgemäß gehalten.

"Pflegeleicht, zutraulich und schön"

Schmidt hat das Veterinäramt verständigt und das Tierheim Gießen angerufen. "Die sagen, sie sind nicht zuständig." Auch die Polizei habe sie gerufen. "Die haben erklärt: Der Straßenverkehr wird nicht beeinträchtigt, also ist der Fall für sie erledigt." Die Watzenbornerin schüttelt den Kopf. "Mein Problem ist damit nicht gelöst."

Die 42 Jahre alte Frau stellt den Strom des elektrischen Zauns ab, dann steigt sie in die 100 mal 75 Meter große Koppel. Sie liebe die Ruhe hier, sagt sie. Tatsächlich sind in diesem Moment nur Schritte der Schafe im Gras zu hören. Die Schafe meckern nicht, die Ziege schweigt.

Seit sechs Jahren züchtet Schmidt Soay-Schafe, derzeit sind es 18 Tiere. Es handelt sich um eine alte wilde Rasse, von Hütehunden lassen sie sich zum Beispiel nicht lenken. "Einen wirtschaftlichen Nutzen verfolgen wir nicht", sagt Schmidt. "Ich habe Tiere schon immer geliebt." Im Garten steht ein kleiner Hühnerstall. "Früher hatten wir Pferde. Aber jetzt arbeite ich Vollzeit im Einzelhandel." Die Soay-Schafe seien "pflegeleicht, zutraulich und schön", sagt sie. "Und das Fleisch ist hervorragend."

Ziege hat noch keinen Namen - oder vielleicht doch?

Schmidt streicht über das Fell des größten der 18 Schafe auf der Weide. "Das ist Burschi", sagt sie. "Unser Opa." Sie grüßt die Tiere mit Namen. "Die Weiße da hinten ist Gisela. Und die bunt gefleckte ist Rosi."

Der neuen fremden Ziege hat sie noch keinen Namen gegeben. "Ich werde sie nicht behalten", sagt Schmidt. "Sie ist zu klein, sie passt nicht zur Gruppe. Wenn die robusten Schafe auf die Ziege zukommen, hat sie schlechte Karten." Für das fremde Tier sei ohnehin im Stall kein Platz.

So weidet derzeit eine heimatlose Ziege in Watzenborn-Steinberg, die niemand haben möchte. Schmidt erzählt, sie habe den Vorfall auf Facebook gepostet. "Das arme Tier", sei die häufigste Reaktion. Die 42-Jährige blickt zu der Ziege. Und dann, scheint es, hat sie doch einen Namen gefunden. Leise sagt sie: "Du kleine Liese."

Zeugen gesucht

Haben Zeugen beobachtet, wie die Ziege in Watzenborn-Steinberg am Fortweg abgeladen und ausgesetzt wurde? Christiane Schmidt hofft, dass diese sich bei der Polizei melden. Wo die Ziege unterkommt, ist derweil noch ungeklärt. Schmidt ist im Gespräch mit Tierschützern in Lich.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare