"Mein Mandant ist kein Tierquäler", erklärte Verteidiger Carsten Marx am Gießener Amtsgericht. FOTO: SCHEPP

Toter Araberhengst

Pferd misshandelt? Halterfamilie aus Pohlheim vor Gericht

  • vonStefan Schaal
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Immer magerer wurde der Araberhengst eines Hofs in Pohlheim, bis das Veterinäramt des Kreises das Pferd abholte und wegbrachte. Der Halter soll das Tier vernachlässigt und gequält haben. Als sich die Amtstierärztin Zutritt auf seinen Hof verschaffte, drohte der Pohlheimer mit einer Dachlatte in der Hand. Nun mussten sich er und seine Familie vor Gericht verantworten.

Der 75 Jahre alte Pohlheimer schimpfte, er war kaum zu bremsen. "Jetzt wollen sie mir alles in die Schuhe schieben", rief er am Ende des Gerichtsverfahrens. "Ich werde behandelt wie ein Verbrecher." Dass er gerade einem Schuldspruch wegen Misshandlung eines Pferds entgangen war, hatte er nicht verstanden.

Weil er auf seinem Hof in Pohlheim Araberhengst Max zu Tode gequält haben soll, musste er sich vor dem Gießener Amtsgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft warf dem Mann sowie auch seiner Frau und seinem Sohn vor, das Pferd vernachlässigt und nicht gefüttert zu haben.

Die Amtstierärztin des Landkreises besuchte mehrfach den Hof und stellte fest, dass der Hengst mehr und mehr abmagerte und, wie Oberstaatsanwältin Yvonne Vockert vor Gericht erklärte, sich irgendwann in einem "lebensbedrohlichen Zustand" befand.

Der Araberhengst hatte aufgrund schlechter Zähne Probleme beim Kauen, die Amtstierärztin wies die Familie daher an, das Pferd zum Tierarzt zu schicken und dem geschwächten Hengst Kraftfutter zu geben. An diese Vorgaben soll sich die Familie aber nicht gehalten haben.

Am 4. Juli 2018 kam es schließlich zur Auseinandersetzung auf dem Pohlheimer Hof. Die Amtstierärztin verschaffte sich begleitet von Polizeikräften Zutritt auf das Anwesen. Es kam zu Drohgebärden. Der Pferdehalter nahm eine Dachlatte in die Hand und schwang sie, laut Staatsanwaltschaft rief er dabei in Richtung der Amtstierärztin: "Ich schlage die Alte tot." Der Sohn des Pferdebesitzers soll einen Polizeibeamten außerdem mit den Worten "Du Armleuchter" beschimpft haben.

Das Veterinäramt ließ das Pferd abholen und auf einen anderen Hof transportieren, Max, so der Name des Tieres, war aber offenbar nicht mehr zu retten, aufgrund des geschwächten Zustands wurde es wenige Wochen später eingeschläfert.

Die angeklagte Familie, die vor Gericht mit drei Anwälten erschien, bestreitet die Vorwürfe. "Mein Mandant ist kein Tierquäler", sagte Verteidiger Carsten Marx. Der Araberhengst sei schon alt gewesen, "er war ein rüstiger Rentner." Möglicherweise, räumte Marx allerdings auch ein, habe die Familie zu lange gewartet, das Pferd selbst einzuschläfern. "Die Familie hing an dem Tier."

Der Angeklagte habe der Amtstierärztin allerdings nicht drohen wollen. "Die Dachlatte hat er geschwungen, um seinen Hof zu verteidigen." Sein Mandant habe damals nicht verstanden, was die Besucher auf seinem Hof wollen. Er habe dabei nicht gesagt, sie mit der Dachlatte schlagen zu wollen.

Der Sohn des Pferdebesitzers erklärte, er und seine Eltern hätten Max "mit reinem Gewissen und vernünftigem Verstand" gepflegt und gefüttert. Die Wegnahme des Pferds bezeichnete er als "Wahnsinn", die Amtstierärztin habe Max nicht gekannt. Über die Maßnahme wurde im Dorf getuschelt. "Das war eine Rufmordaktion", sagte er. "Das geht an die Nieren."

Die Familie hatte den Araberhengst 2009 gekauft. 2014 sei das Gebiss des Pferds dann altersbedingt beeinträchtigt gewesen, berichtete Ramazan Schmidt, der die Frau des Pferdehalters verteidigte. "Eine Tierärztin hat die Zähne daraufhin abgeschliffen, aber ohne nachhaltigen Erfolg." Mehr könne man leider nicht machen, "das Tier war austherapiert". Das Pferd habe kaum noch Nahrung aufgenommen. Nie habe seine Mandantin billigend in Kauf genommen, dass "das Pferd Schmerzen erdulden musste". Sie habe Max geliebt wie ein Familienmitglied. Ein Einschläfern sei unnötig gewesen. "Auf dem Hof hätte Max noch mehrere Monate leben können."

Der Grund für den Tod des Pferds sei schlicht Altersschwäche gewesen, sagte der Verteidiger. "Max war 26, im Menschenalter wären das mehr als 100 Jahre." Dies ist allerdings etwas übertrieben. Araber sind erst mit acht Jahren ausgewachsen und werden oftmals 40 Jahre und älter.

Vieles deutet darauf hin, dass die Familie mit der Pflege des Pferdes überfordert war. Auf dem Hof waren auch Hühner und Hunde zu Hause. Der Vorsitzende Richter machte während des Verfahrens darauf aufmerksam, dass dem Gericht Bilder von Tieren des Pohlheimer Hofs in zumindest fragwürdigem Zustand vorliegen.

Gegen die Auflage von 1950 Euro wurde das Gerichtsverfahren am Ende eingestellt. Die Familie zahlt die Summe an den Gießener Tierschutzverein. Noch bedeutsamer dürfte aber das Einverständnis der Familie sein, zukünftig keine Tiere mehr auf dem Hof zu halten.

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