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„Zu meiner Überraschung werde ich immer wieder gebucht“: Pohlheimer ist Pastor und Model

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Von: Stefan Schaal

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In dieser Kleidung kann man Kornelius Weiß außer als Model vor der Kamera auch sonntags im Gottesdienst sehen. © pv

Der aus Pohlheim stammende Kornelius Weiß ist Pastor und arbeitet nebenbei als Model. Wie passen der Beruf als Geistlicher und die Modelbranche zusammen?

Pohlheim – Sonntags steht Kornelius Weiß im Rampenlicht. Scheinwerfer strahlen in sein Gesicht. An der Seite steht ein großes Kreuz aus Holz. »Jesus ist der Weg«, sagt er, während er in die Gesichter seiner Gemeinde blickt. »Über ihn kommst du in das Reich Gottes.« Der 43 Jahre alte Weiß ist Pastor. Gleichzeitig kennt er allerdings noch ein weiteres, völlig anderes Rampenlicht: Wenn er bei Shootings posiert. Cool und lässig schaut er dann in eine Kamera, folgt Anweisungen und lässt sich fotografieren. Der aus Pohlheim stammende Weiß ist nicht nur für die Kirche tätig. Er ist auch Model.

Eine Frage drängt sich auf: Wie passen der Beruf als Geistlicher und die Modelbranche, in der Äußerlichkeiten und plakative Schönheit zählen, zusammen? Er sei sicher kein »normales« Model, betont Weiß gleich zu Beginn des Gesprächs. Er habe auch überhaupt keine Ambitionen in dieser Richtung. »Es ist ein Nebenjob.«

Kreis Gießen: Pastor aus Pohlheim arbeitet als Model für nachhaltige Mode

Außerdem modelt Weiß ausschließlich für die Agentur Fairmodel, die besonderen Wert auf nachhaltige Produktionen legt. »Wenn es nicht fair wäre, würde ich es nicht machen«, sagt er. Er wolle hinter der Idee des Produktes stehen, für das er modelt. Auf der Internetseite seiner Agentur sieht man, wie Weiß beispielsweise einen Rucksack trägt und Kleidungsstücke von Labels präsentiert, die sich für faire Bedingungen bei der Produktion einsetzen. »Ich bin eigentlich ziemlich offen«, sagt Weiß. Nichtsdestotrotz sei er in erster Linie Pastor. »Ich würde nichts machen, was dem im Wege stehen könnte.«

Weiß räumt ein, dass Äußerlichkeiten heutzutage eine immer größere, eine zu große Rolle spielen. »Das Problem ist, dass Äußerlichkeiten häufig das, was eigentlich dahintersteht, übertünchen«, sagt er. Gerade in der Modebranche, fügt er hinzu, gebe es viele Akteure, »die gut aussehende Kleidung zu sehr günstigen Preisen herstellen. Wenn man dahinter schaut und die Produktionsbedingungen unter die Lupe nimmt, wird es oft schwierig«, sagt Weiß. »Deshalb unterstütze ich die Agentur Fairmodel mit meinem Gesicht.« Äußerlichkeiten seien nichts Negatives, erklärt Weiß. »Sie müssen aber mit inneren Werten im Einklang stehen.«

Alles andere als nachhaltig ist es, Verkehrsschilder mit Plastikfolie und Müllsäcken zu verhüllen.

Pastor aus Kreis Gießen arbeitet als Model: »Zu meiner Überraschung werde ich immer wieder gebucht.«

Zum Modeljob ist Weiß über ein Mitglied seiner Gemeinde, der evangelischen Stadtmission in Butzbach, gekommen. Er kenne Anna Voelske, die Gründerin der Agentur Fairmodel, seit mehreren Jahren durch die Gemeinde. »Sie hat mich mal gefragt, ob ich für ein Fotoshooting vorbeikomme.« Dabei ist eine Sedcard, eine Art Bewerbungsunterlage für Models, entstanden. »Zu meiner Überraschung werde ich immer wieder gebucht.«

Wer einen Gottesdienst unter der Leitung Weiß’ in Butzbach besucht und ihn in seinem Hauptberuf als Pastor beobachtet, erkennt schnell einen ungewöhnlichen Ansatz, Kirche zu gestalten - auch in den Äußerlichkeiten. Es gibt keine traditionelle Liturgie, auch keinen Altar, eine Band begleitet den Gottesdienst. Weiß trägt keinen Talar, sondern Hemd, Weste und Jeans, ein Schal umhüllt seinen Hals. Der Pastor duzt außerdem die Besucher. »In Gottesdiensten mit traditioneller Liturgie tragen die Pfarrer ja Talare, um in ihre Rolle zu schlüpfen, Äußerlichkeiten sollen keine Bedeutung spielen«, sagt Weiß. Seine Gemeinde wählt einen frischeren Zugang. »Das Persönliche spielt eine größere Rolle.«

Pastor aus Kreis Gießen modelt: »Bin es gewohnt, vor Leuten zu stehen«

Seit 13 Jahren ist Weiß Pastor in der evangelischen Stadtmission in Butzbach. »Die Kirche muss wieder lebensnäher werden«, ist er überzeugt. »Und ich bin bereit dafür.« Aufgewachsen ist Weiß in Pohlheim, im Stadtteil Watzenborn-Steinberg. Auch das kirchliche Gemeindeleben in der evangelischen Stadtmission in Pohlheim, die Jungschar und das Spielen im Posaunenchor haben ihn geprägt, erzählt er. Seine Familie lebt noch in Watzenborn-Steinberg, regelmäßig sei er dort zu Besuch.

Auf die Frage, ob er durch den Job als Model Erkenntnisse für seine Tätigkeit als Pastor gewinnt, entgegnet Weiß, es sei eher umgekehrt. »Als Pastor bin ich es gewohnt, vor Leuten zu stehen und angeschaut zu werden, daher habe ich eine gewisse Sicherheit vor der Kamera.« Dennoch profitiere er auch als Pastor von seinem Hobby als Model. »Durch persönliche, bereichernde Begegnungen«, sagt er. Er sei dadurch eben nicht nur »in meiner kleinen Welt unterwegs«.

Kein Feierabend als Pastor – Modeln ist eine Abwechslung für Mann aus Kreis Gießen

Reflektiert und unaufgeregt erzählt Weiß aus seinem Leben, das auch von Hindernissen und Umwegen geprägt war. Eigentlich wollte er Lehrer werden. Während des Studiums wurde bei ihm aber eine Mittelohrschwerhörigkeit diagnostiziert. Weil er dadurch Vorlesungen nur schlecht verstehen und in Seminaren nicht mitarbeiten konnte, brach er das Studium ab. »Ich bin in eine Existenzkrise gerutscht.« Seine Beziehung zu Gott sei in dieser Zeit wieder stärker geworden. »Im Pastorsein habe ich dann meine Berufung gefunden.«

Eine Ohroperation brachte wenig Erfolg. Inzwischen komme er mit Hörgeräten gut zurecht, sagt er. Die Modelagentur habe ihn kürzlich gefragt, ob er zur Fashion Week nach Berlin mitkomme, erzählt Weiß. Aus zeitlichen Gründen habe er abgesagt. In den beiden unterschiedlichen Rampenlichtern fühle er sich indes wohl. Als Pastor vermisse er bisweilen den Feierabend, sagt er. Auch daher sei es wichtig, Dinge zu unternehmen, die nichts mit der Tätigkeit als Pastor zu tun haben. Das Modeln zum Beispiel. Eines würde er dabei nicht machen: »In Unterwäsche würde ich mich nicht fotografieren lassen.« Als Pastor, sagt er, wäre diese Art der Freizügigkeit nicht angemessen. (Stefan Schaal)

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