Eine Diesellok zieht den Zug am Bahnübergang in Garbenteich. FOTO: RÖHRIG
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Eine Diesellok zieht den Zug am Bahnübergang in Garbenteich. FOTO: RÖHRIG

Von Nidda an den Bosporus

  • vonGünther Dickel
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Pohlheim(gdp). Beim Vortrag "Von London über Nidda nach Konstantinopel" war die Heimatstube im Pohlheimer Stadtmuseum rappelvoll. Zu dem Vortrag hatte der Ortsverein Watzenborn-Steinberg der Heimatvereinigung Schiffenberg genau an dem Tag eingeladen, an dem die Bahnstrecke Geburtstag feierte: Am 29. Dezember 1869 wurden die Bahnlinien Gießen-Hungen und Gießen-Grünberg offiziell eingeweiht.

Historiker Dr. Bernd Vielsmeier, der beim jüngst erschienenen Buch "Anschluss an den Weltverkehr" als Lektor mitgewirkt hatte, sprach vor den vielen Besuchern. Dass der Beginn des Eisenbahnbaus vor 150 Jahren nicht nur Vorbehalte, sondern auch Visionen und Träume auslöste, zeigte die Vortragsüberschrift, die ein damaliger Befürworter in Nidda ausgerufen hatte.

Denn beim Blick auf die Landkarte passen "Gießen und Nidda" bestens in den mitteldeutschen Streckenverlauf "Köln - Schweinfurt". Dass diese Planung keine Utopie war, erkennt man noch heute am doppelgleisigen breiten Tunnelbau auf der Strecke Gießen-Gelnhausen. Doch als 1891 die Strecke Friedberg - Hanau gebaut wurde, war der "Traum von Nidda" beendet.

Beim Blick auf die lokale Landkarte zeigte Vielsmeier, wie vielfältig die Streckenverläufe des damals beginnenden Eisenbahnzeitalters waren. Hauptziel war in den Anfangsjahren ausschließlich der Gütertransport. Auch die Finanzierung, der politische "Flickenteppich" mit seinen 38 Zollstation in Deutschland und die Gegnerschaft waren Hindernisse, die genauso überwunden werden mussten wie die Täler mit Brücken und die Berge mit Tunnels.

Bereits 1839 war die erste Eisenbahnfahrt auf hessischem Boden zwischen Frankfurt und Wiesbaden möglich geworden. Dann folgte 1852 die Strecke Frankfurt-Kassel, die bereits 1865 zweigleisig in Betrieb ging. Im Jahr 1863 wurde die Strecke Wetzlar-Koblenz-Köln gebaut.

Aber auch die vielen Kleinbahnen, wie die 1904 gebaute "Butzbach-Licher", ergänzten das Schienennetz. Ein Blick auf die Streckenkilometer in Deutschland zeigt: 600 Kilometer im Jahr 1860, 1000 Kilometer in 1890 und 1500 Kilometer in 1912. Heute hat das DB-Netz 33 000 Kilometer.

Einen weiteren Einblick gab Vielsmeier mit Zahlen und Bildern zu den großen Herausforderungen beim Tunnel-, Brücken- und Gleisbau. Ohne Baumaschinen, nur mit Hacke und Schippe, waren bis zu 500 italienische Gastarbeiter in der mittelhessischen Region im Einsatz.

Bahn teilt sich mit Autos Straße

Zur besonderen Erheiterung im Vortrag trugen Bilder bei, auf denen die Züge mitten durch die Ortschaften fuhren. In Ober-Schmitten (Nidda) mussten sich Eisenbahn und die ersten Autos noch 1950 die Straße teilen, während der Rauch der Lok die enge Straße vernebelte. Besonders auf den Nebenstrecken, wo zwischen 1945 und 1955 im Personenverkehr noch wegen Überfüllung geklagt wurde, begann bereits 1960 die Stilllegung der ersten Strecken. Weitere Zahlen und Geschichte sind im Buch "Anschluss an den Werkverkehr" nachzulesen.

Die Sonderausstellung "150 Jahre Oberhessische Eisenbahn" ist geöffnet an den Sonntagen am 5. und 12. Januar von 15 bis 17 Uhr im Stadtmuseum, Ludwigstraße 22 in Pohlheim Watzenborn-Steinberg.

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