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Einst stand hier in Pohlheim das Pflegeheim »Herbstzeitlose«, nun entsteht an dem Standort nach Jahren des Leerstands eine neue Seniorenresidenz.

Eröffnung im September angepeilt

Neues Seniorenzentrum in Pohlheim: Welche Lehren der Leiter aus der Pandemie zieht

  • vonStefan Schaal
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In Watzenborn-Steinberg entsteht derzeit ein neues Seniorenzentrum, die Eröffnung ist für September angepeilt. Welche Lehren zieht der Einrichtungsleiter für das neue Pflegeheim aus den Erfahrungen in der Pandemie?

Dunkelgrauer, frisch verlegter Estrich härtet im ersten Obergeschoss aus, als Hans-Hermann Rieck über eine Treppe nach oben steigt. Klopfen und Schleifgeräusche sind im Hintergrund zu hören, und der 58 Jahre alte Rieck spricht auf dem Weg zur Dachterrasse Sätze aus, die nach Hülsen klingen. »Der Mensch steht im Mittelpunkt«, sagt er. Ab September wenn hier im Fortweg in Watzenborn-Steinberg ein neues Seniorenzentrum unter seiner Leitung eröffnen soll, will er die Sätze mit Inhalten füllen.

Rieck steckt mitten in einer Mammutaufgabe. Er organisiert den Bau eines Seniorenheims in der Zeit einer Krise, in der viele Menschen ihr Vertrauen in Pflegeeinrichtungen in Frage stellen, nachdem bundesweit Tausende Senioren in Heimen ihr Leben verloren haben, als dort das Virus wütetete. Mindestens 29 000 Menschen sind in deutschen Alten- und Pflegeheimen an Corona gestorben. Und während der massiven Ausbrüche, in der Zeit des Kontrollverlusts, saßen die Bewohner wochenlang allein und isoliert in Quarantäne auf ihren Zimmern.

»Wir sind alle überrrollt worden«, sagt Rieck, der bis vor wenigen Monaten ein Pflegeheim in Gedern geleitet hat, bevor er nun in Pohlheim für die neue Seniorenresidenz der Argentum-Gruppe verantwortlich ist. »Auf die Pandemie war niemand vorbereitet, wir haben alle lernen müssen«, sagt er - und räumt gleichzeitig ein: Ein Ausbruch lasse sich nicht komplett verhindern. »Natürlich ist es ein Problem, dass es dann keine Nähe geben darf. In der Pflege muss man sich anfassen.«

Trage man einen Mund-Nase-Schutz und halte sich an die Hygieneregeln, sei eine Infektion ausgeschlossen. Als Pfleger müsse man im Kontakt mit den Senioren einen Vollschutzkittel und Handschuhe tragen. Er selbst habe sich daran gehalten und habe sich auch nicht angesteckt. »Aber nicht jeder Mitarbeiter kann oder will das so umsetzen.« Bei der Durchsetzung von Regeln stoße man als Einrichtungsleiter an Grenzen, erklärt Rieck. Für manche Bewohner und die Angehörigen sei Berührung von Haut zu Haut von hoher Bedeutung. »Ich kann Senioren zum Beispiel auch darauf hinweisen, dass sie ihren Wohnbereich nicht verlassen dürfen und eine Maske tragen müssen. Aber ich kann sie nicht in ihrer Freiheit beschneiden.«

Derzeit führt Rieck Bewerbungsgespräche für das neue Pflegeheim in Pohlheim, erste Mitarbeiter hat er bereits eingestellt. »Die Situation bei der Suche nach Personal ist schwierig«, berichtet er. »Da machen wir uns nichts vor.« Doch es gebe auch viele Pfleger, »die Lust haben, bei einer neuen Einrichtung von der Gründung an mitzuwirken.«

Bisweilen sitzen ihm im Vorstellungsgespräch Bewerber gegenüber, die ihm erklären: »Ich bin gegen das Coronavirus nicht geimpft. Und ich werde mich auch nicht impfen lassen.« Rieck hält für einen Moment inne, als er davon erzählt. »Das kommt von Menschen, die in der Pflege arbeiten wollen.« Eine solche Haltung kann im Seniorenheim über Leben und Tod entscheiden. Ob er diese Bewerber einstellen wird, sei eher fraglich, sagt Rieck.

Der Heimleiter berichtet von Pflegekräften, die sich in der Pandemie geweigert haben, sich an den regelmäßigen Corona-Tests zu beteiligen. »Arbeitsrechtlich kann ich sie dazu nicht zwingen«, sagt Rieck. »Ich kann ein Stäbchen in den Rachenraum oder die Nase des Mitarbeiter nicht gegen seinen Willen führen.«

Vor allem eine Lektion gewinne er aus solchen Erfahrungen und aus der Zeit der Pandemie, sagt Rieck. »Kommunikation ist wichtig: Aufklärung und mit den Bewohnern und den Mitarbeitern sprechen.« Es gehe darum, Ängste anzusprechen und zu hinterfragen. »Die Hand heben und drohen: Das bringt nichts.« Er habe mehrfach erlebt, dass Mitarbeiter nach Gesprächen sich dann doch bereit erklärt haben, sich testen zu lassen oder sich zu impfen.

Und auch in baulichen Fragen habe er für die neue Einrichtung in Pohlheim Lehren aus der Pandemie gezogen. Trotz einer Fläche von 1200 Quadratmetern werde man nur Pflegeplätze für 76 Bewohner einrichten. »Es wird keine Massenunterkunft.« Die Zimmer seien zum Teil knapp mehr als 20 Quadratmeter groß und überschritten damit das Mindestmaß von 14 Quadratmetern deutlich. Bei einem Ausbruch eines Virus könne man Abschnitte im Gebäude streng voneinander isolieren. Ein Vorteil der neuen Einrichtung sei auch, dass die Verwaltung und die Stationen des Personals nicht zentral untergebracht seien.

Dass Rieck seine Aufgabe nicht wie ein gewöhnlicher Heimleiter angeht, glaubt ihm aufs Wort. Der Lindener ist gelernter Krankenpfleger, doch hat er auch schon einst den früheren Bundeskanzler Helmut Kohl und Michael Schumacher als Gast begrüßt. Rieck war in der Leitung des Fünf-Sterne-Hotels Rosenpark in Marburg mit angeschlossener Seniorenresidenz tätig.

Dass sich die Bewohner wohl fühlen, sagt er, hänge von vielen Kleinigkeiten ab. Es werde im neuen Pohlheimer Pflegeheim mehr Aufenthaltsräume als in Seniorenzentren üblich geben, kündigt er an. »Bewohner sollen sich gemütlich zurückziehen können.« Eine Raucherlounge für die Senioren werde es geben. Auch einen mobilen Kiosk, bei dem Bewohner Kekse oder Zeitschriften kaufen können. Derartige Ideen sollen dazu beitragen, dass sich Riecks Ziel am Ende auch bewahrheitet: dass der Mensch im Mittelpunkt steht.

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