Anja Henschel
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Anja Henschel

"Nachbarschaftshilfe wird hier tatsächlich gelebt"

  • Armin Pfannmüller
    vonArmin Pfannmüller
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Pohlheim/East LaHave(pd). Die Corona-Pandemie hat den Alltag aller auf den Kopf gestellt. Nicht nur hierzulande. An dieser Stelle gewähren Menschen, die aus dem Gießener Land stammen, mittlerweile aber in anderen Ländern eine Heimat gefunden haben, Einblicke in ihren neuen Alltag. Heute: Anja Henschel aus Dorf-Güll, die seit 2007 mit ihrer Familie in der kanadischen Provinz Nova Scotia lebt.

Frau Henschel, wie verläuft Ihr Tag normalerweise?

Normalerweise fahren wir morgens nach dem Frühstück von unserem Haus am Meer in East LaHave in unser fünf Kilometer entfernt liegendes Geschäft, das Rose Bay Store & Bistro. Dort versorgen wir Kunden mit ganz unterschiedlichen Wünschen. Wir verkaufen Dinge des täglichen Bedarfs, Lebensmittel wie Eier, Brot und Butter, lokale Produkte, aber auch Zigaretten und Zeitungen sowie alkoholische Getränke. Unseren General Store betreiben wir als Familie: Mein Mann Christoph und ich sowie unsere Tochter Jo und unser Sohn Nick.

Und wie sieht Ihr Alltag jetzt aus?

Zum Glück hat sich für uns gar nicht so viel geändert. Da unser Haus direkt am Meer liegt, machen wir ab und zu einen Strandspaziergang, obwohl Strände und Parks ansonsten für Besucher geschlossen sind. Auch unser Geschäft ist weiter geöffnet. Nur das Restaurant mit Bistro, das vor allem unsere Tochter Jo betreibt, ist derzeit zu. Dafür haben wir jetzt einen Lieferservice, den auch sehr viele ältere Menschen nutzen. Neu sind die Abstandsregeln in unserem Geschäft. Da wir sehr viel Platz haben, ist das aber kein Problem. In Corona-Zeiten hat der Alkoholverkauf landesweit ziemlich zugenommen. Auch wir merken das in unserem Laden, wenn auch etwas moderater als anderswo. Insgesamt hat Covid-19 die Stimmung in der Region schon verändert. Hinzu kommt, dass es in der Provinz Neuschottland vor einigen Tagen einen Amoklauf mit 23 Toten gab, der viele Menschen paralysiert hat. Aber insgesamt können wir uns nicht beklagen. Wir haben mit unserem Store ökonomisch eine reelle Überlebenschance und mussten noch keinen unserer Mitarbeiter entlassen.

Was vermissen Sie am meisten?

Wir vermissen die Kontakte zu den Menschen, die wir mögen und gern haben. Dazu gehören auch die Kunden, denen man im Laden jetzt nicht mehr einfach mal eine kleine Hilfestellung geben oder etwas einpacken kann. Wir merken jetzt , wie groß das grundsätzliche Bedürfnis ist, mit anderen Menschen zu interagieren. Und selbstverständlich vermissen wir auch unsere Familie und Freunde in Dorf-Güll. Normalerweise wären wir am 18. März nach Europa geflogen. Erst am Wochenende davor haben wir entschieden, nicht zu fliegen. Wir haben uns riesig auf meine Eltern gefreut und vermissen den Frühling in Deutschland. Aber wir hätten in einer solchen Situation, in der schwierige Entscheidungen zu treffen sind, auch unser Geschäft nicht einfach zurücklassen können.

Was ist positiv?

Viele Menschen zeigen eine stärkere Bereitschaft, einander zu helfen und die gegenseitigen Kontakte und Gespräche gehen deutlich über Smalltalk-Niveau hinaus. Nachbarschaftshilfe wird hier tatsächlich gelebt. Wir fahren zum Beispiel regelmäßig zu Bekannten und stellen ihnen ein paar Lebensmittel vor die Tür. Grundsätzlich versuchen die Menschen, kleine Läden wo immer möglich zu unterstützen - nicht nur deshalb, weil man in Supermärkten manchmal bis zu zwei Stunden Wartezeit in Kauf nehmen muss. Und man sollte sich immer der Tatsache bewusst sein, dass es sowohl in Kanada als auch in Deutschland ein soziales Netz gibt, das fast alle Leute auffängt FOTO: ARCHIV

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