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Pfarrer Merten Teichmann vor der Hausener Kirche.

Schicksalsschlag

Nach Schlaganfall: So kämpfte sich Hausens neuer Pfarrer zurück ins Leben

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Merten Teichmann wird neuer Pfarrer in Garbenteich und Hausen. Vor acht Jahren erlitt einen schweren Schlaganfall. Die Ärzte machten ihm nur wenig Hoffnung. Jetzt hat er seinen Beruf zurückerobert.

Pohlheim - Zum 1. Februar 2020 wird der 54-jährige Merten Teichmann seinen Dienst als Pfarrer der Kirchengemeinden Garbenteich und Hausen antreten. "Ich weiß, was Krise ist", sagt Merten Teichmann.

Doch das ist untertrieben. Es ist ein Abgrund, an dem er gestanden hat. Denn er hat vor acht Jahren einen Schlaganfall erlitten, der ihn mitten aus dem Leben, aus der Familie und seiner geliebten Arbeit als "Dorfpfarrer" in Biebertal-Rodheim-Vetzberg gerissen hat. Künstliches Koma nach dem Schlaganfall, danach Reha. Das sind die ersten Monate.

Pohlheim: Ärzte sprechen von Pflegefall

Der Rollstuhl droht und Ärzte sprechen von einem Pflegefall. Vom Dienst des Pfarrers wird er sich wohl verabschieden müssen. Die Mediziner rechnen nicht mit seinem Gottvertrauen und seinem unglaublichen Willen. Und der Stärke seiner Frau Susanne, die das Leben der Familie nun zusammenhält und trägt. Ihre Kinder, Zwillinge, sind mitten in der Pubertät.

Schon bald nach der Reha will der Pfarrer so schnell wie möglich zurück ins Leben und ins Pfarramt. Doch die körperlichen Einschränkungen sind groß. "Nach dem schweren Schlaganfall bin ich nicht mehr beziehungsweise noch nicht in der Lage, diese volle Stelle mit ihrer Komplexität und den damals formal 54 erwarteten Wochenstunden auszufüllen."

So verabschiedet er sich 2014 wehmütig aus der Rodheimer Gemeinde. Seine Vorgesetzten in der Kirche wollen ihn schützen und schonen, verhindern, dass er sich übernimmt und Rückschläge und Enttäuschungen erleidet. Vermutlich haben auch einige nicht an seine Gesundung glauben können. Und können seine Stelle nicht unbesetzt lassen.

Pohlheim: Finanziell schwierige Situation

Er wird in den Wartestand versetzt, das bedeutet für die Familie, sie bekommt weniger Geld. Eine existenziell schwierige Situation. Aus dem Pfarrhaus muss die Familie ausziehen, weil die Pfarrstelle neu besetzt wird. Zugleich erfährt Teichmann viel Unterstützung von Kollegen, von Dekan Frank-Tilo Becher und Propst Matthias Schmidt, auch nahen Freunden und erstklassigen Therapeuten, sagt der Pfarrer. Mit ihnen allen, und vor allem mit der Frau an der Seite, hat es sich leichter gekämpft.

Wenn Teichmanns Mitte Januar das Hausener Pfarrhaus beziehen, kommen die Umzugskisten aus Grüningen, wo die Familie in den letzten Jahren gewohnt hat. Von dort aus mühte sich der Pfarrer, der nicht aufgeben wollte, in das Berufsleben zurück. Wie ein Berufsanfänger hospitiert der 50-Jährige 2015, drei Jahre nach dem Schlaganfall, bei der Klinikseelsorge in Gießen und bildet sich in klinischer Seelsorge weiter. Und hört nicht auf, Vorgesetzte von seiner Gesundung überzeugen zu wollen. Schritt für Schritt kehrt er in den Dienst zurück. 2016 wird er mit wenigen Stunden zunächst für die Seelsorge im St.-Josefs-Krankenhaus beauftragt. Schon ein Jahr später kann er eine halbe Seelsorger-Stelle übernehmen.

Pohlheim: Seelsorger auf der Krebsstation

Im Uniklinikum begleitet und tröstet er schwerkranke Menschen auf der Krebs-Station. Als er zu Beginn 2019 mit einer halben Vertretungsstelle in der Stephanus-Gemeinde in der Gießener Weststadt anfängt, hat er eine weitere Hürde genommen. Noch bleibt er im Wartestand. Noch bleiben Zweifel.

Zwar kann er wieder Tischtennis und Klavier spielen oder Auto fahren, doch sein Konzentrationsvermögen und die Fähigkeit, vor einer lauten Geräuschkulisse etwa in der Schule oder in einem Kirmeszelt Gespräche zu führen, bleiben eingeschränkt. Und doch stockt er weiter auf. Bis auf 100 Prozent. Im August 2019 übernimmt er als Krankheitsvertretung in der Kirchengemeinde Lang-Göns eine weitere halbe Stelle.

Jetzt haben ihm Ärzte und Therapeuten das Okay gegeben. Pfarrer Teichmann kehrt aus dem Wartestand zurück. Obwohl er ein bedächtiger und bescheidener Mann ist, sagt er frei heraus: "Darauf bin ich stolz!". In den zurückliegenden Jahren hat er erfahren, dass er anderen Menschen, die in Grenzbereiche des Lebens gelangten, Hoffnung geben kann. Er hat einen veränderten Blick auf das Dasein, auf Krankheit, Angst, Enttäuschung, Sorgen und die Kraft Gottes.

Merten Teichmann geht mit seinem Schicksalsschlag offen um. Vielleicht war das ausschlaggebend für seine Gesundung. "Das Entscheidende war bestimmt der unbedingte Wille, wieder in den Beruf zurückzukehren, in dem ich so viele Jahre mit Leib und Seele gearbeitet habe. Die Seele war wohl immer soweit und hat dann den Leib mitgezogen, wenn man das so ausdrücken kann."

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