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Im Mai haben Christoph und Anne Kathrin Häuser das neue Verkaufsgebäude an der Rudolf-Diesel-Straße eröffnet. Neun statt wie bisher vier Fahrzeugmarken gehören nun auf insgesamt 32 000 Quadratmetern zum Portfolio des Autohauses.

Elektromobilität

E-Autos in Gießen immer beliebter – Verkaufszahlen künden von der Trendwende

  • VonStefan Schaal
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Elektroautos werden immer beliebter, auch in Gießen: Inzwischen haben mehr als 50 Prozent aller bestellten Autos einen Stecker, berichtet Autohändler Christoph Häuser.

Pohlheim – Eine Revolution kommt in die Gänge. Nach Jahren im Schleichtempo gewinnt sie massiv an Geschwindigkeit – und beginnt, den deutschlandweit größten Industriezweig, die Autobranche, auf links zu krempeln. Christoph Häuser beschreibt den Wandel mit Zahlen: »Mehr als jedes zweite der bei uns bestellten Fahrzeuge und 80 Prozent bei den bestellten Volkswagen-Modellen haben einen Stecker, sind also Elektro- oder Hybridautos«, berichtet der Geschäftsführer des Unternehmens Auto-Häuser in Pohlheim. »Vor zwei Jahren waren es fünf bis zehn Prozent.«

Die derzeit rasant steigende Nachfrage nach Elektroautos ist vor allem auf ein Konjunkturpaket der Bundesregierung vom Juni vergangenen Jahres zurückzuführen, die den Kauf batteriebetriebener Fahrzeuge fördert. So stellt sich die Frage: Inwieweit ist der Kreis auf eine stark wachsende Elektromobilität vorbereitet? »In den Kommunen im Gießener Land müsste im öffentlichen Bereich, also an den Straßen, viel mehr unternommen werden«, sagt Häuser. Im öffentlichen Raum gebe es bisher nahezu ausschließlich Ladestationen, die Unternehmen installiert haben – und so gut wie keine, die von Städten oder Gemeinden eingerichtet wurden. In Neubaugebieten im Kreisgebiet werde viel zu selten an den Bau von Ladestationen im öffentlichen Bereich gedacht. »Da stellt sich für mich die Frage: Wie ernst meint man es mit der gemeinsamen Strategie für Elektromobilität, wenn der Bund zwar stark subventioniert, aber der Gedanke in den Kommunen, nicht aufgenommen wird.«

E-Autos in Gießen zunehmend beliebt – Händler blickt optimistisch auf die Branche

Dass auch die Autohersteller die Entwicklung zur Elektromobilität lange hinausgeschoben haben, will Häuser nicht zurückweisen. »Heute kommen die Hersteller mit der Nachfrage kaum mehr nach, weil sie neue Modelle gar nicht so schnell aus dem Boden stampfen können.«

Der 33 Jahre alte Unternehmer führt in nun vierter Generation eines der größten Autohäuser im Gießener Land, mit 120 Mitarbeitern und einer Verkaufsfläche von 32 000 Quadratmetern. Zumindest eine lang anhaltende Unsicherheit über die Antriebstechnik der Zukunft gehöre der Vergangenheit an, sagt er. »Hersteller, die bis jetzt nicht verstanden haben, dass die Elektromobilität der Weg ist, werden das Nachsehen haben.«

Der Geschäftsführer berichtet, er habe diese Entwicklung zunächst auch mit Skepsis und Sorgen für die eigene Branche betrachtet. »Auf einmal merkst du aber, dass sie gar nicht so nachteilig ist.« Mit einem leisen Schmunzeln fügt Häuser hinzu: »Es wird immer Autos zu reparieren geben.« Für den Service der Autohäuser werde es weiterhin viele Aufgaben beispielsweise bei der Wartung und der Reparatur von Batterien geben.

Ladeinfrastruktur gesucht – Nachfrage nach Elektroautos im Kreis Gießen wirft Fragen auf

Gleichzeitig steige derzeit der Beratungsbedarf unter den Kunden deutlich, berichtet Häuser. »Einer hat uns vor Kurzem gefragt, wie er zu Hause sein Elektroauto aufladen kann, wenn er in einem Mietshaus lebt und seinen Wagen auf der Straße parkt.« Darf er nachts ein Ladekabel über den Bordstein zum Fahrzeug ziehen? »Es ist nicht erlaubt«, hat Häuser recherchiert. »Wenn ein Fußgänger über das Kabel stolpert, wird der Autobesitzer in Haftung genommen.« Dies seien Anliegen, betont der Geschäftsführer, um die sich Kommunen kümmern müssten. »Vielleicht könnten wir Elektroautos über Straßenlaternen aufladen«, regt er an.

Häuser und seine ebenfalls in der Geschäftsleitung tätige Schwester Anne Kathrin sitzen in einem gekühlten Besprechungsraum im Obergeschoss eines neuen Verkaufsgebäudes, das der Familienbetrieb mitten in der Corona-Krise gebaut und im Mai eröffnet hat. Sie erzählen von zukünftigen Herausforderungen der Elektromobilität - und von den vergangenen Monaten während der Corona-Krise.

Die Häusers und ihre Mitarbeiter haben nervenzehrende anderthalb Jahre hinter sich. »Als wir im Lockdown unsere Verkaufsräume schließen mussten, habe ich mit meinem Vater sehr aufgewühlt in der Werkstatt gestanden und unsere Mitarbeiter informiert«, berichtet Christoph Häuser. »Wir wussten zunächst nicht, wie es weitergehen soll.«

Authändler auf dem Weg aus der Corona-Krise: Verkäufe steigen wieder

Die Aufgabe als Geschäftsführer hatte Häuser erst wenige Wochen zuvor, im Januar 2020, von seinem Vater übernommen, da traf die Pandemie das Autohaus schwer. Erst jetzt ziehen die Verkäufe wieder an, vor drei Monaten lag der Umsatz bei 65 Prozent im Vergleich zu normalen Jahren.

Doch die Familie rückte in der Krise noch enger zusammen. Selbst der 91 Jahre alte Opa und die 88-jährige Oma, die das Autohaus einst gemeinsam aus einer vom Vater der Oma gegründeten Tankstelle, einer Werkstatt und einem Handel mit Fahrrädern und Motorrädern aufgebaut haben, brachten sich ein. Der Großvater besuchte die Baustelle für das neue Verkaufsgebäude täglich. »Die Krise hätte ich nicht gebraucht«, sagt Häuser. Doch er habe Lehren gezogen. Vor allem die Kommunikation mit den Mitarbeitern habe an Bedeutung gewonnen, während des Lockdowns online und in Besprechungen draußen vor dem Autohaus mit Maske und Abstand. »Es ist wichtig, dass kein Vakuum entsteht, dass Unsicherheiten angesprochen werden.«

Verkehrswende in Gießen? Im ländlichen Raum dürfte der Wandel kleiner ausfallen

In den kommenden Monaten wird sich zeigen, welche Auswirkungen die Pandemie am Ende längerfristig haben wird. Viele Unternehmen haben in der Krise auf das Arbeiten im Homeoffice und auf Kommunikation per Online-Konferenzen gesetzt und dabei viele lange Autofahrten von Mitarbeitern eingespart. Dies könnte auch nach der Pandemie fortgeführt werden. »Die Mär vom ewigen Wachstum sehen wir ohnehin nicht als sinnvolles und erfüllendes Ziel«, sagt Häuser. Es gehe darum, neue Bedürfnisse der Kunden zu erkennen und auf sie einzugehen.

»Wir versuchen, mit Abo-Modellen und Fahrzeugvermietungen zu experimentieren. Wir müssen dabei natürlich wirtschaftlich bleiben.« Im ländlichen Bereich, ergänzt seine Schwester Anne Kathrin, werde der Wandel möglicherweise nicht so groß wie in der Stadt sein. »Hier gibt es eben keine Straßenbahn oder U-Bahn. Auf dem Dorf braucht man im Alltag noch eher den fahrbaren Untersatz.«

Ungewisse Zeiten stehen der Autobranche bevor. »Am Himmel stehen viele Wolken«, sagt Christoph Häuser. »Wir wissen nur noch nicht, ob es Schäfchen- oder Gewitterwolken sind.« (Stefan Schaal)

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