"Mensch ist Mensch"

  • vonStefan Schaal
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Pohlheim(srs). Schüler der achten Jahrgangsstufe an der Adolf-Reichwein-Schule beschäftigen sich seit Sommer dieses Jahres mit dem einst regen und blühenden jüdischen Leben in Pohlheim. Auch Beschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie halten die neun Jugendlichen nicht davon ab, sich zumindest online einmal in der Woche auszutauschen.

"Mensch ist Mensch", sagt Gabriella Chanoun. "Egal, welche Religion er hat." Vor sechs Jahren ist sie mit ihrer Familie vor Krieg und Zerstörung geflüchtet, sie stammt aus der Stadt Kamisli im Nordosten Syriens. "Es ist traurig, mehrere Familienmitglieder nicht mehr sehen zu können", sagt die 15-Jährige. "Aber es ist auch schön, nicht mehr im Krieg zu leben und dass unsere Eltern an unsere Zukunft gedacht haben." Nun recherchiert sie in einer Arbeitsgruppe (AG) mit acht Mitschülern Flüchtlingsgeschichten und Erfahrungen jüdischer Pohlheimer vor 80 Jahren.

Die Jugendlichen der AG sind unter anderem muslimisch, gehören syrisch-orthodoxen Gemeinden an oder sind alevitischen Glaubens. In den vergangenen Monaten haben sie einen jüdischen Friedhof besucht und haben Erzählungen eines Juden über die Erlebnisse seine Eltern in der Zeit der Shoa gelauscht. Auch den Film "Der Junge im gestreiften Pyjama" hat sich die Gruppe angeschaut.

Zeitzeugengespräch auf TikTok

Ein Teilnehmer der AG hat anschließend gefragt, wie der Judenhass in der Zeit des Nationalsozialismus in den Schulen vermittelt wurde - und kurz darauf blätterten die Jugendlichen in alten Schulbüchern, die sie im Pohlheimer Stadtarchiv fanden.

Die Idee zu der AG hatte die Diplompädagogin Simone van Slobbe vom Pohlheimer Verein "Stolpersteine". Mit Iris Reuter, Lehrerin an der Adolf-Reichwein-Schule, erarbeitete sie ein Konzept. "Wir wollen ergründen, was Menschen zur Flucht treibt und was Menschen zu Tätern macht", sagt van Slobbe. Die AG, die sich an Schüler der Klassen 8 bis 10 richtet, soll in den kommenden Jahren auch Lebensgeschichten von Chaldäern, Aramäern und Assyrern sowie von Baptisten in Pohlheim ergründen. Die Arbeitsgruppe stelle dadurch auch wieder eine engere Verbindung zwischen der Schule und der Stadt Pohlheim her, fügt Reuter hinzu. "Die ist in der Vergangenheit etwas verloren gegangen."

Die Arbeitsgruppe hat viel vor. Wenn die Corona-Regeln es wieder erlauben, ist ein Besuch des Jüdischen Museums in Frankfurt geplant und eine Reise zur Gedenkstätte Bergen-Belsen angedacht. Die Landeszentrale für politische Bildung hat Unterstützung angekündigt.

Auch in die Verlegung von Stolpersteinen in Holzheim sollen die Schüler eingebunden werden. Dass die Jugendlichen mit Zeitzeugen sprechen könnten, ist beispielsweise eine Idee. "Wir könnten die Interviews aufzeichnen und auf TikTok veröffentlichen", schlägt die AG-Teilnehmerin Zilan Can vor.

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