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Der Beschluss, ein Denkmal für die Opfer des Genozids vor 100 Jahren zu bauen, sei eine "Fehlentscheidung", sagt Hüseyin Kurt.

Völkermord-Mahnmal

Türkische Gruppen demonstrieren gegen Mahnmal in Pohlheim - Die Reaktionen darauf fallen deutlich aus

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Türkische Gruppen haben in Pohlheim gegen das geplante Mahnmal demonstriert, das an den Völkermord vor 100 Jahren im Osmanischen Reich erinnern soll. Sie standen mit türkischen Fahnen vor dem Rathaus - und stießen auf Widerworte.

Die Kundgebung hat noch gar nicht begonnen, da liegen die Emotionen blank. Ein junger Mann fährt am Rathaus in Watzenborn-Steinberg vorbei, sieht eine kleine Menschentraube mit türkischen Fahnen und runzelt die Stirn. Es ist Mittwochmorgen, kurz vor 10 Uhr. "Was wird das hier?", ruft er aus seinem Wagen. Als er erfährt, dass türkische Gruppen gegen das in Pohlheim geplante Mahnmal demonstrieren, das an den Völkermord vor 100 Jahren im Osmanischen Reich erinnern soll, hebt er die Hand und redet sich in Rage.

"Warum seid ihr nicht dafür? Ihr habt keine Ahnung"

"Warum seid ihr nicht dafür?", sagt er. Am Genozid an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten könne es keinen Zweifel geben. "Es ist passiert. Ihr habt doch keine Ahnung." Er schüttelt den Kopf, dann fährt er weiter. "Ich muss zur Uni. Ich studiere Geschichte."

Ein Dutzend Menschen hat sich vor dem Pohlheimer Rathaus postiert. Sie geben sich als Vertreter von mehreren türkischen Gruppen in Hessen zu erkennen. Keiner der Demonstranten kommt aus Pohlheim. Die Kundgebung sei die allererste Veranstaltung ihrer "Initiativplattform der Türkischen Vereine und Verbände Hessen". Hüseyin Kurt, von Beruf Migrantenberater in Frankfurt, ergreift das Wort. 

Man sei enttäuscht von der Pohlheimer Stadtverordnetenversammlung sagt er. Der Beschluss, die Errichtung des geplanten Mahnmals zu unterstützen, sei eine "Fehlentscheidung". Das Stadtparlament schreibe sich Kompetenzen zu, "die sachlich nur historischen und juristischen Institutionen zukommen." Die Geschehnisse im Osmanischen Reich vor 100 Jahren als Völkermord an Christen zu bezeichnen, gieße Öl "ins Feuer einer anti-muslimischen Stimmung und reißt neue Gräben auf."

Bürgermeister: "Es geht ums Erinnern und Mahnen. Nicht ums Leugnen"

Dass ein demokratisch gefällter Beschluss des Stadtparlaments von außen als falsch dargestellt wird, sei "schlimm", erklärt Pohlheims Bürgermeister Udo Schöffmann. Die Demonstranten hätten nicht verstanden, worum es bei dem Denkmal gehe: "ums Erinnern und Mahnen. Nicht ums Leugnen." Gerade eine solche Kundgebung zeige, wie wichtig die Errichtung des Mahnmals sei. "Gäbe es umgekehrt eine solche Kundgebung in der Türkei, würden die Demonstranten nicht aus dem Land herauskommen."

Die Kundgebung ist offenkundig eine Aktion des türkischen Staats. Es ist eine Fortsetzung des Protests, den der türkische Generalkonsul Ende 2017 in einem Schreiben an das Pohlheimer Stadtparlament gegen das geplante Mahnmal gerichtet hat.

Mahnmal soll im Sommer errichtet werden

Zwischen 1915 und 1917 wurden die Armenier, das älteste christliche Volk, fast vollständig vernichtet. 1,5 Millionen Menschen fielen dem Genozid im Osmanischen Reich zum Opfer. Der Bundestag erklärte in einer Resolution 2016 die Verbrechen zum Völkermord und hob eine Mitschuld des Deutschen Reichs hervor. Die türkische Regierung lehnt den Begriff Völkermord ab und spricht von Massakern.

Das Mahnmal soll in diesem Sommer südlich der Christuskirche in Watzenborn-Steinberg aufgestellt werden. Daran werde nicht gerüttelt, betonen der Bürgermeister und Vertreter der Fraktionen im Stadtparlament. "Der Beschluss ist unumstößlich", sagt Horst Biadala (SPD). Der CDU-Abgeordnete Malke Aydin erklärt: Wer die Geschehnisse nicht anerkenne, "weist die Wahrheit ab." Ziel des Denkmals sei Erinnerung und Mahnung. "Es ist gegen niemanden gerichtet."

KOMMENTAR: Eine Provokation

Es ist eine befremdliche Situation: Da stehen offenkundig Abgesandte des türkischen Staats vor dem Pohlheimer Rathaus und bezeichnen einen Beschluss des Stadtparlaments als "Fehlentscheidung". Ebenso könnte eine Delegation aus Pohlheim nach Istanbul reisen und vor dem Rathaus erklären, die dortige Wiederholung der Bürgermeisterwahl sei eine "Fehlentscheidung" gewesen. 

Weit hergeholt, könnte man einwenden – richte sich die Wahl in Istanbul ja nicht gegen Pohlheim, das geplante Mahnmal aber gegen die Türkei. Doch genau hier liegt der Trugschluss. Das Mahnmal soll eben keine Anklage gegen die heutige Türkei erheben, sondern an einen Genozid vor 100 Jahren im Osmanischen Reich erinnern – und mahnen. 

Das Vorhaben des Denkmals ist eine Art von Trauerarbeit. Im Landkreis leben mehr als 1000 aramäische, assyrische und chaldäische Familien, der überwiegende Teil von ihnen wohnt in Pohlheim. Ihre Eltern und Großeltern sind dem Völkermord zum Opfer gefallen. 

Auf den Hinweis, dass der Beschluss für das Mahnmal wegen einer Kundgebung kaum zurückgenommen wird, sagte eine Demonstrantin: "Wenn in zehn Jahren mehr Türken hier leben, vielleicht schon." Sie sagte es mit freundlicher Stimme. Doch ihr Satz war – wie die ganze Aktion – eine Provokation.

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