Die Mitarbeit ist einfach: Links wird das Foto einer Karteikarte angezeigt. Rechts daneben werden die zu erfassenden Daten abgefragt. 		FOTO: PAD
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Die Mitarbeit ist einfach: Links wird das Foto einer Karteikarte angezeigt. Rechts daneben werden die zu erfassenden Daten abgefragt. FOTO: PAD

Holocaust-Gedenktag

#jedernamezählt: Pohlheimer rufen dazu auf, Daten der Opfer des Holocausts zu erfassen - Jeder kann mithelfen

  • vonPatrick Dehnhardt
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Am heimischen Computer kann man helfen, die Namen und Identitäten der Opfer des Dritten Reichs zu bewahren und für die Nachwelt zugänglich zu machen.

Auf dem Computerbildschirm erscheint das Foto einer Karteikarte auf dunklem Papier. Der Name lautet Friedrich Bogdahn, geboren am 31. Oktober 1889 in Dortmund. Die Angaben zum Beruf und der Nationalität sind leer. Inhaftiert war er im Konzentrationslager Buchenwald. Unter »Weitere Angaben« offenbart sich erst das wahre Schicksal: Kurz und knapp ist dort vermerkt: »17. August 1937, auf der Flucht erschossen.« Bogdahn war einer der Ersten, die bei einem Fluchtversuch aus dem KZ ihr Leben verloren. Sein Name findet sich auch in der Literatur wieder.

Bislang keine Suche nach Namen

Anders ist es bei der nächsten Karteikarte: Nikolaj Kazanzow, geboren am 3. März 1925, ebenfalls in Buchenwald inhaftiert. Über ihn finden sich keine Hinweise, ob er überlebt hat. Bei »#jedernamezählt« geht es darum, Menschen wie Kazanzow nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Bislang finden sich sein und zahlreiche weitere Namen nur auf verblichenen Karteikarten, Häftlingslisten und anderen Dokumenten, die das »Arolsen Archiv« aufbewahrt. Jedoch lässt sich ein Großteil der Hinweise zu den rund 17,5 Millionen Menschen nicht durchsuchen, da sie bislang nicht systematisch erfasst sind.

1998 wurde damit begonnen, die Materialien einzuscannen. Mittlerweile liegen von 90 Prozent Scans vor. Nur nützen diese erst einmal wenig, wenn sich die Datenmenge nicht nach Namen durchsuchen lässt.

Das Problem ist, dass die Karteikarten unterschiedlich gestaltet sind, die Felder für Namen oder Nationalität sich an verschieden Stellen befinden, zudem handschriftlich, andere mit Schreibmaschine, wieder andere gemischt ausgefüllt sind. Dadurch können sie nicht automatisch von einer Software erfasst werden. Diese Aufgabe können nur Menschen übernehmen.

Aktion statt klassischem Gedenktag

Im Rahmen des Projekts »#jedernamezählt« will man nun diese Datenmassen gemeinsam erfassen. In Pohlheim ruft die »Initiative Stolpersteine« zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar dazu auf, sich an der Datenerfassung zu beteiligen.

Sprecherin Simone van Slobbe wurde durch eine Lehrerin der Adolf-Reichwein-Schule, Filiz Bulut, auf die Aktion aufmerksam. In Pohlheim war eigentlich geplant, dass sich Schüler im Rahmen einer AG an dem Projekt beteiligen. Aufgrund des Lockdowns scheiterte dies jedoch. Ebenso kann die Initiative nicht wie sonst zu einer Gedenkveranstaltung am 27. Januar einladen. »Wir wollten den Gedenktag aber nicht einfach so vorübergehen lassen«, sagt van Slobbe. Darum entschloss sich die Initiative, für diesen Tag zur Mitarbeit an der Datenerfassung aufzurufen.

Tatkräftige Aufarbeitung

Technisch betrachtet ist die Arbeit recht einfach und für jeden mit einem Computer oder Tablet möglich. »Es ist aber auch sehr aufwühlend«, sagt van Slobbe. Wenn man etwa die Geburtsdaten liest und einem klar wird, dass Nikolaj Kazanzow noch keine 20 Jahre alt war, als er in das KZ gebracht wurde, oder sich auf anderen Karteikarten der Vermerk »Verstorben« wiederfindet, dann kann einen dies nicht kaltlassen.

»Es ist keine reine D atenerfassung«, sagt van Slobbe. »Die unglaubliche Anzahl, diese sorgfältige bürokratische Unmenschlichkeit wird einem dabei bewusst.«

Warum ist es 76 Jahre nach Ende des Naziregimes so wichtig, diese Daten nun zu erfassen? Van Slobbe sieht dafür mehrere Gründe. Angehörige von Ermordeten, aber auch Überlebenden leiden noch heute. Ihnen hilft es, ein stückweit die Wege nachzuvollziehen, auch etwas Schwarz auf Weiß zu haben.

Doch auch für die Menschen im Landkreis Gießen ist das Archiv ein Stück Aufarbeitung. Einige haben die Grausamkeiten der Pogromnacht und die Deportation als Kinder mit angesehen. »Sie haben gesehen, dass Möbel aus den Fenstern der Häuser ihrer Schulfreunde geschmissen wurden. Sie wussten auch als Kind, dass das Unrecht war.«

Als die jüdischen Familien und Menschen, die den Nazis nicht passten, geflüchter pder deportiert waren, wurde darüber der Deckmantel des Schweigens gehüllt. Auch Jahre nach dem Krieg wurde darüber nicht gesprochen, »das wurde nie in Ordnung gebracht«, sagt an Slobbe. Nun gibt es die Möglichkeit, nach diesen Namen gezielt zu suchen, ihre Schicksale nachzuverfolgen.

Digitales Treffen

Zunächst findet am Mittwochmorgen, 27. Januar, um 10 Uhr ein digitales Treffen statt. Dabei wird das Erfassungssystem kurz erklärt und etwaige Fragen besprochen. Danach kann jeder am eigenen Computer zu Hause Daten online erfassen, so lange er will. Um 19.30 Uhr findet ein zweites digitales Treffen zum Abschluss und Erfahrungsaustausch statt.

Die Anmeldung zu den Treffen ist via E-Mail über info@stolpersteine-pohlheim.de möglich, es werden dann Zugangsdaten übersandt. Die Mitarbeit ist zudem auch an anderen Tagen unter www.zooniverse.org/projects/arolsen-archives/every-name-counts möglich. Über die Seite lässt sich auch die Archivsuche aufrufen, um Schicksale zu recherchieren.

Wie man mithelfen kann

Mitmachen kann jeder, der einen Computer besitzt. Unter dem Reiter »Klassifzieren« wird einem das Foto einer Karteikarte angezeigt. Rechts neben dem Bild wird angezeigt, welche Daten erfasst werden sollen. Zu jedem Feld gibt es einen Hilfetext - etwa wenn man sich unsicher ist, wie man die Geburtstadt eintragen soll oder was man macht, wenn ein Feld auf der Karteikarte leer oder unleserlich ist.

Zum Abschluss kann man auf Fertigstellen klicken - und bekommt direkt die nächste Karteikarte angezeigt. Damit nun nicht aufgrund von einem Tippfehler, etwa beim Namen, der entsprechende Scan doch nicht auffindbar ist, werden alle Datensätze dreimal geprüft. Zudem kann man unleserliche Karteikarten melden.

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