Der Himmelskörper über Holzheim. Am kommenden Donnerstag wird er der Erde am nächsten sein. FOTOS: STEFFEN KOSSATZ/JONAS PIONTEK
+
Der Himmelskörper über Holzheim. Am kommenden Donnerstag wird er der Erde am nächsten sein. FOTOS: STEFFEN KOSSATZ/JONAS PIONTEK

"Ja, is denn heut scho Weihnachten?"

  • vonStefan Schaal
    schließen

Pohlheim/Biebertal(srs). Die Stimme überschlägt sich. "Super genial", sagt Steffen Kossatz. Es ist kurz nach 3 Uhr am Morgen, der 56 Jahre alte Pohlheimer steht an einem Acker in Holzheim und schaut in den Nachthimmel. Es herrscht Halbmond, funkelnde Sterne sind zu sehen, erste zarte morgendliche orange- und lilafarbene Töne tauchen ins dunkle Blau des Himmels ein, doch ein leuchtender Schweif überstrahlt alles. Leise klicken auf Stativen die Selbstauslöser zweier Kameras.

"Neowise" ist einer der hellsten Kometen, die in den vergangenen Jahrzehnten die Erde passiert haben. So hell, dass man ihn auch im Kreisgebiet in den Nachtstunden mit dem bloßen Auge derzeit erkennen kann. "Nimm dir mal ein Fernglas", rät Kossatz allerdings. "Das ist eine ganz andere Nummer. Das ist total überwältigend."

Der Holzheimer hat sich den Wecker auf 2 Uhr gestellt. Mit Kameras und Stativen hat sich der Hobbyfotograf dann auf den Weg zum Feld gemacht und die Geräte auf einer erhöhten Fläche aufgestellt. "Um 3.30 Uhr setzt die nautische Dämmerung ein", sagt er. "Dann wird es zu hell, dann macht das Fotografieren keinen Sinn mehr." Es ist Sonntagmorgen, zuvor seien Wolken im Weg gewiesen, erklärt Kossatz, wie übrigens auch in den kommenden Tagen. Und er erwischt für seine Bilder vom Nachthimmel und vom 160 Millionen Kilometer entfernten Kometen den perfekten Moment. "Ein einmaliges Erlebnis", sagt er.

Ähnlich prachtvolle Bilder schießt am vergangenen Montagabend der Heuchelheimer Jonas Piontek. Der Wetterfotograf hat auch schon die berüchtigten "Catatumbo-Gewitter" im Nordwesten Venezuelas aufgenommen, eines seiner beeindruckenden Bilder zierte schon die "New York Times". Nun steht er an der Burg Vetzberg und fotografiert den Kometen, wie er über dem Nordhorizont des Gießener Landes seine Bahn zieht. Er interessiere sich für alle ungewöhnlichen Himmels- und Wetterereignisse, sagt Piontek. "Ich muss ja nicht 40 Jahre auf die Wiederkehr des Halleyeschen Kometen warten", fügt der gebürtige Grünberger mit einem Augenzwinkern hinzu. "Neowise" sei eine "nette Überraschung".

Der aktuell zu beobachtende Komet wurde tatsächlich erst im März dieses Jahres mit dem Weltraumteleskop WISE der NASA entdeckt. Berechnungen seiner Bahn ergaben, dass er zuletzt wahrscheinlich vor knapp 4500 Jahren die Erde passierte. Tiefgefroren aus Staub und Gestein bestehend kommt der Himmelskörper aus den Tiefen des Weltalls der Sonne näher und beginnt zu schmelzen, was seinen Schweif entstehen lässt.

"Momentan sind die Morgenstunden ab 2.30 Uhr am besten, um ihn dann in Richtung Nordosten zu sehen oder zu fotografieren", erklärt Kossatz. "Und ab 23 Uhr in nordwestlicher Richtung." Am Donnerstag kommende Woche wird der Komet der Erde am nächsten sein. Er wird dann etwas mehr als 100 Millionen Kilometer entfernt sein. Der Astro-Fotograf Kossatz geht davon aus, dass "Neowise" die kommenden zwei Wochen noch ein lohnendes Beobachtungsobjekt sein wird. "Wer dann die Chance aber verpasst hat, muss lange warten", sagt der Pohlheimer. "Er wird erst in 6800 Jahren zurückkehren."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare