"Die Unsicherheit in der Bevölkerung ist groß", sagt Lollars Bürgermeister Bernd Wieczorek.
+
»Die Unsicherheit in der Bevölkerung ist groß«, sagt Lollars Bürgermeister Bernd Wieczorek.

Streit zwischen Landrätin und Stadt

Corona in Pohlheim: Droht jetzt der Lockdown? Spekulationen zu hohen Fallzahlen

  • vonStefan Schaal
    schließen

Die Zahl der Corona-Fälle in Pohlheim explodiert, während Reiskirchen und Rabenau nahezu verschont bleiben. Braucht es Maßnahmen je nach Kommune? Bürgermeister und Landrätin streiten darüber.

Pohlheim - Die Infektionszahlen in Pohlheim steigen immer weiter in alarmierende Dimensionen. Nach einer Statistik des Landkreises liegt die Sieben-Tage-Inzidenz inzwischen bei 314,3. »Das ist eine noch höhere Inzidenz als im Berchtesgadener Land, als dort der Lockdown beschlossen wurde«, sagt Pohlheims Bürgermeister Udo Schöffmann. Er fordert vom Kreis gezielte Maßnahmen für Pohlheim - stößt bei Landrätin Anita Schneider aber auf Widerspruch.

»Die Landrätin muss handeln. Jetzt und schnell«, sagt Schöffmann. Am Sonntagabend hat der Bürgermeister per Verfügung bestimmt, bis auf Weiteres sämtliche städtische Hallen in Pohlheim schließen zu lassen. Das sei die einzige Maßnahme, die ihm zur Verfügung stehe, sagt er. Nach dem Infektionsschutzgesetz können nur das Land und das Gesundheitsamt des Kreises Verordnungen und Verfügungen zum Schutz vor Corona anordnen. »Die Hallen des Landkreises in Pohlheim an der Adolf-Reichwein-, der Limes- und der Regenbogenschule sind noch offen«, sagt Schöffmann. »Hier erwarte ich eine Reaktion der Landrätin.«

Pohlheim (Kreis Gießen): Brauchen Kommunen einzelne Maßnahmen?

Diese bereitet inzwischen eine Allgemeinverfügung vor, die Schul- und Vereinssport in Gruppen nur noch im Freien erlaubt und außerdem deutliche Einschränkungen für das öffentliche Leben im Kreis vorsieht. Die Schließung von Hallen soll zudem am Freitag ein Thema in der Dienstversammlung der Bürgermeister sein.

Die Frage, ob je nach Kommune einzelne Maßnahmen erforderlich sind, gerät im Gießener Land derzeit zu einem Streitthema. »Mit Allgemeinverfügungen für alle Orte nehmen wir Gemeinden, in denen es kaum Corona-Fälle gibt, in Sippenhaft«, sagt Schöffmann.

Tatsächlich sind im Kreisgebiet äußerst unterschiedliche Entwicklungen bei den Fallzahlen zu beobachten. In Reiskirchen liegt die Inzidenz bei 39,0, in Rabenau bei 39,7, während in Wettenberg (174,9) und Linden (122,2) Werte von 100 überschritten sind. »Wir müssen auf spezifische Situationen in den Orten eingehen«, sagt Pohlheims Bürgermeister. »Bei den Maßnahmen gegen Corona darf man den Kreis nicht immer nur in der Summe sehen.« Dies sehe die Landrätin anders, erklärt Schöffmann. Sie erteile Verfügungen für einzelne Orte eine Absage.

Pohlheim (Kreis Gießen): Lokale Alleingänge wenig sinnvoll

Spezifische Schritte und Verfügungen je nach Kommune hält auch der Lollarer Bürgermeister Bernd Wieczorek für falsch. Die Unsicherheit in der Bevölkerung sei angesichts sich ändernder Verfügungen ohnehin groß, sagt Wieczorek, dessen Stadt derzeit bei einem recht hohen Inzidenzwert von 155,2 liegt. »Ich halte Einzellösungen für fahrlässig, das trägt zu noch mehr Verunsicherung bei.« Wichtig sei, dass die Menschen sich selbst über den aktuellen Stand informieren und die Kommunen »abgestimmt vorgehen«.

Lokale Alleingänge seien auch deshalb wenig sinnvoll, weil viele Einwohner sich über die kommunalen Grenzen hinweg bewegten, betont Wieczorek. Stand Montag gab es in Lollar 31 Fälle. In den vergangenen sieben Tagen wurden dem Bürgermeister zufolge mehr als 50 Gewerbebetriebe kontrolliert, etwa Gaststätten, Dienstleister und Frisöre. Ein Lokal stehe nun auf der roten Liste, berichtet Wieczorek. Dort hätten weder Wirt noch Gäste einen Mund-Nasenschutz getragen. Würden bei einer weiteren Kontrolle Verstöße festgestellt, werde man den Betrieb schließen. Auch bei Sportvereinen werde man genauer hinschauen, ob die Regeln eingehalten werden. »Was wir tun können, tun wir«, sagt Wieczorek.

Spekulationen zu hohen Fallzahlen in Pohlheim (Kreis Gießen)

In Pohlheim machen unterdessen Gerüchte zu den Ursachen der hohen Infektionszahlen die Runde. Von einer Hochzeit mit 300 Gästen ist die Rede. Dies kann Bürgermeister Schöffmann nicht bestätigen. Überwiegend handle es sich um einzelne, voneinander unabhängige Infektionen in den Stadtteilen. Doch auch Privatfeiern seien eine wesentliche Ursache für den Anstieg der Fallzahlen. Eine »Vielzahl privater Kontakte« habe zu den zahlreichen Infektionen in Pohlheim geführt, erklärt der Landkreis. »Der genaue Umfang wird ermittelt.«

Als Vorkehrung zur Prävention hat sich die Sachgebietsleiterin Hygiene des Gesundheitsamts, Dr. Anja Hauri, am vergangenen Freitag mit Gemeindevorständen und Geistlichen der syrisch-orthodoxen Kirchengemeinden Pohlheim und Gießen getroffen. Dabei wurde vereinbart, Präsenz-Gottesdienste bis 8. November auszusetzen und Vereinsheime zu schließen, um Kontakte zu reduzieren.

Schritt für Schritt nähert sich der Landkreis indes den Maßnahmen des Lockdowns im Frühjahr an. Die Adolf-Reichwein-Schule in Pohlheim ist aufgrund von vier positiven Corona-Befunden geschlossen. In Kürze sollen dort Reihentests beginnen, um Infektionsketten zu ermitteln.

Pohlheim (Kreis Gießen): Bürgermeister kritisiert Landkreis

13 Schulen sind dem Landkreis zufolge von Corona-Fällen betroffen. Wegen einer Infektion an der Gesamtschule Hungen ist am gestrigen Montag an einer achten Klasse der Präsenzunterricht ausgefallen. Heuchelheim hat am Montag die gemeindlichen Einrichtungen vorerst für die kommenden 14 Tage geschlossen. Auch in Laubach wurde im »Krisenstab« diskutiert, wie man als einzelne Kommune auf das Infektionsgeschehen reagieren kann. So wird es in diesem Jahr kein Volkstrauertag-Gedenken in Laubach geben. Der Appell, soziale Kontakte zu minimieren, vertrage sich nicht mit den Gedenkfeiern, erklärte Bürgermeister Klug.

Pohlheims Bürgermeister beklagt derweil, vom Landkreis über die aktuellen Corona-Situation nicht ausreichend informiert zu werden. Auf die Frage, welche Maßnahmen er für Pohlheim einfordere, ob dort gar bei weiter steigenden Zahlen wie in Berchtesgaden ein Lockdown notwendig wäre, erklärt er, er erhalte vom Landkreis zu wenig Einblick in die Fallzahlen und Ursachen der Infektionen. Jeden Abend bekomme er lediglich eine E-Mail mit den aktuellen Fallzahlen. »Die Sieben-Tage-Inzidenz kann ich nur ungefähr ausrechnen, weil ich nicht einmal weiß, wie viele Fälle in den vergangenen sieben Tagen hinzugekommen und wie viele genesen sind.« Über die Corona-Situation in seiner Stadt könne er sich nur vage ein Bild machen. Er mahnt den Kreis an: »Datenschutz darf nicht vor Gesundheitsschutz gehen.« (Stefan Schaal)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare