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Seit 18 Jahren arbeitet der Pohlheimer Stephan Sieber als Fotograf. »Es sollte eigentlich mein Erntejahr werden«, sagt er. Dann kam Corona.

»Und wenn es noch ein Jahr dauert«

»Ich bleibe da«: Wie sich Fotograf Stephan Sieber aus Pohlheim in der Corona-Krise über Wasser hält

  • vonStefan Schaal
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Der renommierte Fotograf Stephan Sieber hat in seinem Berufsleben schon das Eis auf einer Bobbahn geschliffen, er war Bootsführer auf dem Königssee im Berchtesgadener Land und hat als Bäcker gearbeitet. Die Pandemie trifft den Fotografen aus Pohlheim hart. Aber wie geht einer mit einer Krise um, der schon immer improvisiert und neue Gelegenheiten ergriffen hat?

Svenja Jung schwebt. Schwerelos. Alles um sie herum ist schwarz, nur die Turnerin des TV 07 Watzenborn-Steinberg ist hell und klar zu sehen. Sie breitet die Arme aus, während unter ihr ein Blitzstrahl aufleuchtet. Als würde sie durch die Dunkelheit des Weltalls fliegen. Und die Sonne ihr zu Füßen liegen.

Svenja Jung vom TV 07 Watzenborn-Steinberg schwebt. Das Schwarz-Weiß-Foto ist ein Kunstwerk - auch wenn Fotograf Stephan Sieber sich niemals als Künstler bezeichnen würde.

Das Schwarz-Weiß-Foto ist ein Kunstwerk - auch wenn Stephan Sieber, der Fotograf, sich niemals als Künstler bezeichnen würde. Das Bild hat er in der voll beleuchteten Turnhalle der Limesschule in Watzenborn-Steinberg aufgenommen. Präzise hat er gegen das Licht fotografiert, für eine Achtzehntausendstelsekunde hat er im Hintergrund einen Blitz in dem Moment aufstrahlen lassen, in dem die Turnerin in der Luft lag - und sie in ein weißes Licht gehüllt.

Fotograf in der Pandemie: Es sollte eigentlich das Erntejahr werden

Er arbeite gern mit Kontrasten, sagt Sieber, während er erzählt, wie das Foto entstanden ist. Der 46 Jahre alte Pohlheimer steht in seinem Studio zu Hause in Watzenborn-Steinberg. Die Kaffeemaschine zischt. Sieber fragt zur Begrüßung: »Bist du der Typ Sitzsack oder der Typ Sitzbank?« Dann erzählt er gestenreich und so mitreißend aus seinem Leben, dass das Gespräch nach einer guten Stunde im Stehen verflogen ist - und sich die Erkenntnis festsetzt: Sieber ist grundsätzlich eher kein Sitztyp. Sondern ein Macher. Dem die Pandemie im Frühjahr vergangenen Jahres allerdings den Boden unter den Füßen wegzuziehen drohte.

Aufträge dank Kommunalwahl

Stephan Sieber betreibt sein Fotostudio unter dem Namen »Picturebaer« als eingetragenen Handwerksbetrieb in Pohlheim. Neben der Industriefotografie hat ihn zuletzt die Kommunalwahl beruflich über Wasser gehalten. So hat er beispielsweise Porträts von Kandidaten in Pohlheim und Reiskirchen geschossen.

»Das sollte eigentlich mein Erntejahr werden«, sagt Sieber. Sein Terminkalender ist vor einem Jahr proppenvoll. Von 23 Hochzeiten, für die er als Fotograf gebucht ist, bleiben aber nur drei übrig. In den vergangenen Monaten habe er beobachtet, wie Kollegen, »brillante Typen«, ihren Job aufgegeben und ihre Ausrüstung verkauft haben. Für Sieber steht allerdings fest: »Ich bleibe da. Und wenn es noch mal ein Jahr dauert.« Er spüre eine Verantwortung gegenüber seinen Kunden und als Vater zweier Töchter gegenüber seiner Familie. »Ich gehe nicht unter.«

Fotograf in der Pandemie: Job als Bootsführer auf dem Königssee

Wer Siebers Lebensgeschichte kennt, wie er beruflich immer wieder improvisiert und Gelegenheiten ergreift, hat daran keinen Zweifel. Im Jahr 2000 zieht er aus Pohlheim nach Berchtesgaden, der schönen Natur wegen. Der Beruf als Finanzwirt und eine bevorstehende Beamtenlaufbahn sind ihm zu langweilig. In Berchtesgaden fängt er im Büro eines Steuerberaters an. »Aber das war dasselbe in Grün.« In einer Mittagspause lernt er schließlich die Tochter eines Bäckers kennen. »Ich bin leider Gottes ein Amtsschimmel«, erzählt er ihr. Wenige Tage später steht er früh morgens in der Bäckerei ihres Vaters und knetet Teig, zweieinhalb Jahre arbeitet er dort.

Von 23 Hochzeiten, für die Stephan Sieber als Fotograf gebucht ist, bleiben nur drei übrig

Über Bekannte kommt er zu einem neuen Job: Er schleift das Eis der Bob- und Rodelbahn am Königssee, arbeitet mit Menschen zusammen, die Bahnen für Olympische Spiele bauen. Im Sommer tuckert er, knapp 20 Jahre ist das her, als Bootsführer über den Königssee. Vor der berühmten Echowand packt er ein Flügelhorn aus und spielt das Brautlied, um den Touristen den Nachhall vorzuführen.

Fotograf in der Pandemie: Mountainbiker und Triathleten in Kapstadt und im Zillertal aufgenommen

Der Job führt ihn allerdings auch zu seiner Leidenschaft: zum Fotografieren. Er schießt Bilder für die Bayerische Seenschifffahrt GmbH, gleichzeitig beginnt er für die Stockfoto-Agentur Panthermedia zu arbeiten. Er setzt Osterhäschen aus Porzellan in Szene, die in Grußkarten Verwendung finden. »Unfassbar, dass es so einmal angefangen hat.«

Das Handwerk bekommt er von einem Industriefotografen auf den Weg. Zehn Jahre lang ist er zudem weltweit als Sportfotograf für eine Agentur unterwegs, nimmt beispielsweise Mountainbiker und Triathleten in Kapstadt, Canberra und im Zillertal auf.

Fotograf in der Pandemie: Mit riesengroßen Aufnahmen von Bergen aufgewachsen

Wobei er schon immer fotografiert habe, sagt Sieber. Sein Vater hat in seiner Freizeit das Matterhorn und den Montblanc bestiegen. »Beim Kraxeln war ich meistens nicht dabei«, sagt Sieber. »Aber beim Entwickeln seiner Fotos im Keller. Ich bin mit riesengroßen Aufnahmen von Bergen groß geworden.«

2012 zieht Sieber zurück nach Pohlheim, um die Familie zu unterstützen. Sein Vater ist an ALS erkrankt. Wenige Monate später stirbt der Vater. Sieber hat aus dieser Zeit vor allem eines gelernt: »Du musst dich immer auf eine Krise vorbereiten. Auch eine Krankheit kann dich jederzeit treffen«

Fotograf in der Pandemie: Sexy Schokoladenseite an Maschinen

Die Pandemie mache ihm finanziell das Leben schwer, räumt der Pohlheimer ein. 60 Prozent der Einnahmen fallen weg. Doch er kämpft, improvisiert. Als die Aufträge ausbleiben, fragt er bei zwei Firmen an, ob sie Lkw-Fahrer brauchen, den Führerschein hat er noch aus der Bundeswehrzeit.

Ein Berufswechsel ist am Ende aber nicht nötig. Sieber findet Wege, sich mit der Fotografie über Wasser zu halten. So steht er in diesen Tagen immer öfter in Werkshallen, vor fünf Tonnen schweren Blöcken aus Metall und sucht die sexy Schokoladenseite der Maschine, um sie für Firmenprospekte zu fotografieren. In der Zeit der auch wirtschaftlichen Krise ist es ausgerechnet die Industriefotografie, die ihm die meisten Aufträge beschert.

Fotograf in der Pandemie: Annähernd da, wo er sein möchte

»Können wir Corona nicht einfach ins Weltall schießen?«, hat ihn kürzlich seine acht Jahre alte Tochter gefragt, erzählt Sieber. »Vielen Menschen wird bewusst: Ihre Jobs sind nicht krisensicher. Familien sind nicht immer krisensicher. Und sie sind ja doch nicht so weit vom Existenzminimum entfernt.«

In der Zeit der auch wirtschaftlichen Krise ist es ausgerechnet die Industriefotografie, die Stephan Sieber die meisten Aufträge beschert

Doch Sieber jammert nicht. Ein Freund, der mehrfache Rodel-Weltmeister Felix Loch, habe ihm mal gesagt: »Zufriedenheit ist der erste Rückschritt.« Je mehr er darüber nachdenke, um so mehr widerspreche er ihm. Klar, Corona schränke sein Leben ein. »Aber abseits der Pandemie bin ich annähernd da, wo ich hin möchte.« Seinen Weg hat Sieber längst gefunden. Er wird ihn durch die Pandemie führen. Und wenn es noch ein Jahr dauert.

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