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Holocaust-Gedenktag: Schicksal der Familie Katz

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Pohlheim (gbp). Stolpersteine gegen das Vergessen: Mehr als 30 Watzenborn-Steinberger und auswärtige Gäste machten sich aus Anlass des Holocaust-Gedenktages am Freitag in Watzenborn-Steinberg auf den Weg zu den 20 Erinnerungsplaketten

Diese waren am 21. Oktober 2009 an fünf Stellen des Ortes verlegt worden waren – vor den letzten frei gewählten Wohnstätten von Menschen, die die Nationalsozialisten ermordet, deportiert oder in den Freitod getrieben hatten. In diesem Jahr richtete sich das Augenmerk der Veranstaltungsteilnehmer auf das Schicksal von Isidor und Hilde Helene Katz. Die Eheleute hatten mit ihren Angehörigen am ehemaligen Adolf-Hitler-Platz 3 gewohnt, der längst Kreuzplatz heißt. Sie waren im Oktober 1942 in Treblinka ermordet worden.

Die von dem Künstler Gunter Demnig geschaffenen »Stolpersteine«, die eine beschriftete, ins Gehwegpflaster eingelassene Messingplatte mit Namensgravur tragen, konnten in Watzenborn-Steinberg angebracht werden dank der Hilfe von Steinpaten. Die bezahlten jeweils 95 Euro, kümmerten sich zudem darum, das Schicksal der darauf Verzeichneten zu erforschen und die Erinnerung an sie lebendig zu erhalten. Die Kenntnisse über die jüdischen Familien und die Initiative zu den Stolpersteinen in Pohlheim stützen sich auf Arbeit des 2009 verstorbenen Pfarrers Frank Pötter aus Garbenteich.

Begegnung beim Dorfjubiläum

Das Schicksal der Familie Katz war vom Stolpersteine-Initiative-Vorsitzenden Tim van Slobbe, Simone van Slobbe und von Ingrid Georg recherchiert worden. »Ich habe die Steinpatenschaft für Manfred Katz übernommen, weil ich ihn noch persönlich kennenlernen durfte«, erzählte Ingrind Georg. Dies sei 1991 gewesen, als Watzenborn-Steinberg aus Anlass seiner 850-Jahr-Feier alle noch lebenden jüdischen Einwohner früherer Jahre eingeladen hatte.

Später habe sie mit Manfred Katz Kontakt aufgenommen. Aus vielen Telefonaten entwickelte sich eine Freundschaft, die bis zu Katz Tod im August 2007 andauerte.

»Mein Eindruck war, dass Manfred immer großes Heimweh hatte und die Vergangenheit bei ihm stets gegenwärtig war.« Die Katz-Söhne Ferdinand Manfred und Siegbert Werner waren Anfang 1939 nach Holland geflohen, hatten von dort in die USA ausreisen können.

Die Stolperstein-Patenschaft von Manfreds Bruder, Siegbert Werner Katz, der als Steven W. Kates noch in Amerika lebt, haben Simone und Tim van Slobbe inne, »weil es mich sehr berührt hat, dass ein zehnjähriger Junge seine Familie zurücklassen und seinen Weg allein weitergehen muss. Unvorstellbar! Ich freue mich sehr, dass er lebt«, sagte Simone van Slobbe.

Sehr ergreifend hat Steven W. Kates das Schicksal seiner Familie beschrieben. Gestern am Spätnachmittag wurde die Erzählung an seinem Stein vorgelesen. Interessenten finden sie in voller Länge im Internet unter www.giessener-allgemeine.de . Bemerkenswert: Erst durch die Nachforschungen der Pohlheimer Stolpersteinpaten hatte Werner Katz erfahren, wann und wo seine Eltern ermordet worden waren.

Isidor Katz, geboren am 30. August 1887, wurde 55 Jahre alt. Seine Frau Hilda Helene geborene Ransenberg ist geboren am 29. August 1895 und wurde als 47-Jährige gemeinsam mit ihrem Mann im Oktober 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Isodor Katz hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft, wurde verwundet und trug bis zum Ende seines Lebens Schmerzen davon. »Seine Treue zum Land hatte gar nichts bedeutet in der Zeit des Holocausts; die Belohnung war die Todesstrafe«, schreibt seine Enkelin Batya Warshowsky. Das Ehepaar heiratete 1922 in Allendorf (Kreis Marburg). Von April 1926 an betrieb Isidor Katz einen Handel mit Manufaktur – Kurz- und Wollwaren, Häute und Vieh – und arbeitete als Metzger. Die beiden Söhne, Ferdinand Manfred Katz, geboren am 18. Dezember 1922, und Siegbert Werner Katz, geboren am 18. Januar 1928, besuchten zunächst die Volksschule in Watzenborn-Steinberg. Nach einer Verfügung des Reichsministers für Erziehung und Unterricht mussten am 15. November 1938 alle jüdischen Kinder die öffentlichen Schulen verlassen. Bereits zuvor hatte das Kreisschulamt Gießen angeordnet, dass jüdische Schulkinder zum Ende des Schuljahres 1937/38 die Schule verlassen müssen.

Unterrichtet von Anne Franks Vater

Siegbert Werner Katz wurde nach nur vier Schuljahren am 26. März 1938 ausgeschult, Ferdinand hatte bis zur Ausschulung im Frühjahr 1937 acht Jahre lang die Schule besucht. Aufgrund seines jüdischen Glaubens nahm ihn die Oberrealschule in Gießen nicht auf, und er begann eine Schlosserlehre in Frankfurt. Sein jüngerer Bruder Siegbert Werner besuchte von Frühjahr 1938 bis zur Reichspogromnacht die jüdische Schule neben der großen Synagoge in Gießen (Südanlage/Ecke Bismarckstraße). Dies war eine Behelfsschule, die in den Räumen des Gemeindehauses der orthodoxen jüdischen Gemeinde bereits in den 20er Jahren eingerichtet und von Gießener Schulen mitgenutzt worden war. Als Siegbert Werner am Morgen des 10. November 1938 die Synagoge brennen sah, wurde ihm klar: Er konnte nicht in Deutschland bleiben. Er floh mit seinem Bruder am 3. Januar 1939 nach Eindhoven in den Niederlanden, von dort aus ging er nach Amsterdam und wurde von Otto Frank, dem Vater von Anne Frank, unterrichtet. Nach wenigen Monaten sprach er Holländisch und besuchte eine Schule in Amsterdam.

Ferdinand Katz flüchtete im April nach Amerika, am 14. Mai 1940, dem Tag nach der Kapitulation der Niederlande, floh der zwölfjährige Siegbert Werner nach England, wo er die Schule besuchte und später als Graveur in Manchester arbeitete. Im November 1946 folgte er seinem Bruder nach Amerika. Ferdinand Manfred nannte sich nun Manfred und war von 1943 bis 1946 Soldat. Er und sein Cousin Siegfried Katz waren zwei von insgesamt 20 000 jüdischen deutschen Männern und 3000 jüdischen deutschen Frauen, die – meist freiwillig – in den Armeen der Alliierten gegen die Nazibarbarei kämpften.

Im Dezember 1948 kam Manfred mit der US-Army nach Berlin. Von 1951 an lebten die Brüder in Philadelphia. Manfred zog später nach Landsdale und arbeitete als Verkäufer, Werner als Drucker.

Doch was geschah mit den Eltern, die in Watzenborn-Steinberg geblieben waren? Im September 1939 wurde eine Ausgangssperre für die jüdischen Bürger verhängt, die auch ihre Rundfunkgeräte bei der Ortspolizei abgeben mussten. Bald darauf erhielten Juden keine Kleiderkarten mehr, ihre Telefonanschlüsse wurden gekündigt, sie mussten den Judenstern tragen und durften ohne schriftliche Erlaubnis der Ortspolizeibehörde ihre Wohngemeinde nicht mehr verlassen. Selbst für einen Bankbesuch in Gießen, wo er sein Konto hatte, brauchte Isidor Katz die Erlaubnis des Bürgermeisters. Und Auswanderung war verboten! Seine ins Ausland geflüchteten Söhne verloren die deutsche Staatsangehörigkeit, ihr Vermögen fiel an das Reich. Im Oktober 1941 wurden Elise und Käthe Nunenthal aus der Bahnhofstraße zwangsweise bei Isidor und Hilda Katz einquartiert. Vom 15. April 1942 an mussten die Häuser von Juden mit einem Judenstern neben dem Namensschild gekennzeichnet werden, so auch das Haus der Eheleute Katz. Haustierhaltung war ebenso verboten, wie der Besitz elektronischer Geräte. Am 14. September 1942 wurden Isidor und Hilda Helene Katz auf einem offenen Lkw zusammen mit den anderen Watzenborn-Steinberger Juden nach Gießen in die Goetheschule verschleppt.

»Neuer Mieter für ›Judenhaus»«

Die Schüler der Goetheschule hatten deshalb eine Woche schulfrei. Am 15. September 1942 war Watzenborn-Steinberg »judenfrei«; im Abmelderegister steht: »Isidor und Hilda Katz sind am 18. August 1942 verzogen« – laut Frank Pötter ein offensichtlich gefälschter Eintrag. Über Darmstadt wurde das Ehepaar Katz in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort Anfang Oktober 1942 ermordet. 14 Tage nach der Ermordung der Eheleute Katz beschloss der Gemeinderat von Watzenborn-Steinberg: »Für das Judenhaus Adolf-Hitler-Platz 3 wird als Mieter Otto Marx vorgeschlagen. Der Mietpreis soll monatlich 30 RM betragen.« Das Geschäftslager von Isidor Katz ging für 1354,74 Reichsmark an das Ehepaar Wend aus Watzenborn-Steinberg. Die fehlenden 200 Reichsmark zahlten sie zum Kurs von 10 zu 1 in D-Mark an die Katz-Söhne Ferdinand Manfred und Siegbert Werner Katz.

1950 beteuerte Herr Wend in einem Schreiben, das der Entschädigungsakte der Familie Katz beilag, dass er nicht das gesamte Lager übernommen habe und dass »gute Nachbarn« an der Kücheneinrichtung Interesse gezeigt hätten.

Wie Werner Katz die Schrecken der Nazizeit erlebte

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