"Warum ich Bürgermeister werden möchte? Ich will gestalten", sagt Andreas Ruck. FOTO: SRS

Wahl am 1. November

Der Herausforderer: Wie Andreas Ruck Bürgermeister in Pohlheim werden will

Andreas Ruck hatte noch vor einem Jahr nichts mit Pohlheim zu tun. Nun will er Bürgermeister werden. Der Bad Schwalbacher fordert nicht nur Amtsinhaber Udo Schöffmann heraus. Er will auch den politischen Umgangston in Pohlheim ändern.

Alles auf Pause. Aufregende Monate liegen hinter Andreas Ruck. An knapp 4 000 Türen in allen Stadtteilen Pohlheims hat er geklingelt. Er hat in Hunderten Gärten gesessen und gestanden und diskutiert. In einer Woche nun erfährt der 52 Jahre alte Bürgermeisterkandidat, ob er die Pohlheimer von sich überzeugt hat. Nun aber, in einer Phase, in der die Kandidaten normalerweise nochmal alle Kräfte mobilisieren, ist der Wahlkampf wegen der hohen und steigenden Corona-Fallzahlen zum Erliegen gekommen. Alles auf Pause.

Am 1. November treten in Pohlheim zwei Kandidaten an, die in ihrem Auftreten gegensätzlicher kaum sein könnten. Auf der einen Seite der christdemokratisch geprägte, eher nüchtern wirkende Diplom- Ingenieur und Amtsinhaber Udo Schöffmann, der bisweilen detailreich über technische Fragen streitet und sich auf politischer Ebene auch mal gerne zu zoffen scheint. Auf der anderen Seite der sozialdemokratisch verwurzelte, stärker auf Emotionen zielende Vertriebler und Herausforderer Ruck, der gerne im Plauderton diskutiert und bisweilen vor guter Laune zu übersprudeln scheint. Beide Kandidaten sind sich übrigens bisher kein einziges Mal begegnet. Sie saßen in Sitzungen des Stadtparlaments schon mal in derselben Halle, haben sich im gesamten Wahlkampf aber nie gegenübergestanden und haben sich gegrüßt. "Schade", sagt Ruck.

Auch ein Rededuell hätte sich der Herausforderer gewünscht. Gut möglich, dass er dabei gepunktet hätte. Ruck, der im Vertrieb der Telekom überwiegend Banken als Kunden betreut, weiß sich zu verkaufen. Auch bei den Gartengesprächen, zu denen er sich vor allem in den Sommermonaten von Pohlheimern einladen ließ, wurde das deutlich. Einmal beispielsweise steht er vor einem Haus in Dorf-Güll, Nachbarn und Freunde der Gastgeber umringen Ruck, er beantwortet Fragen, lacht, gestikuliert. Seine Hände sind immer in Bewegung. Irgendwann fällt auf, dass er nach fast jedem Satz ein leises "ja" oder "ne" folgen lässt. Er nimmt Gesprächspartner auf diese Weise mit, animiert sie zum Nicken. Auf die Frage, ob er sich derartige rhetorische Stilmittel antrainiert hat, schüttelt er den Kopf. "Nein. Ich bin so", sagt er im südhessischen Dialekt.

Ruck ist aus Bad Schwalbach, er lebt im kleinsten Stadtteil Adolfseck. Dort ist er auch Ortsvorsteher. Im vergangenen Jahr ist er in Bad Schwalbach bei der Bürgermeisterwahl angetreten, unterlag knapp in einer Stichwahl. Bevor die Pohlheimer SPD ihn Anfang des Jahres angesprochen und gefragt hat, ob er hier kandidieren wolle, habe es mit Pohlheim keine Berührungspunkte gegeben, gesteht er. "Ich bin sicher mal im Stau auf der A5 an Pohlheim vorbeigefahren. " Und so kommt es auch beim Gartengespräch in Dorf-Güll zu einer nahe liegenden Frage: "Warum wollen Sie hier Bürgermeister werden?"

Auf diese Frage hat Ruck bei der Bekanntgabe seiner Kandidatur bereits gegenüber dieser Zeitung erklärt: "Ich will gestalten." Seine Ambition,Bürgermeister werden zu wollen, versteht, wer sich mit Rucks Werdegang beschäftigt.Mit 14 wird er in Adolfseck zum Vorsitzenden des Feuerwehrvereins gewählt. Ein Teenager unter altgedienten Brandbekämpfern. "Es war keiner mehr da, der es machen wollte", erzählt er heute. Damals beginnt er, Verantwortung zu übernehmen. Er baut den Verein neu auf. Klingelt an Türen alter Mitglieder und fragt, ob sie sich wieder engagieren wollen. Er leitet Jahresversammlungen. Und er hält Reden auf Beerdigungen verstorbener Mitglieder. Heute ist Ruck in mehreren Vereinen in Bad Schwalbach Vorsitzender, beispielsweise in der evangelischen Kirchengemeinde. Auch als Ortsvorsteher kümmere er sich gerne um die Belange der Bürger, sagt er.

Für seine Ziele nimmt er schmerzhafte Schritte in Kauf. In Bad Schwalbach fehlen ihm im vergangenen Jahr zwei Stimmen, als die SPD den Bürgermeisterkandidaten nominiert. Daraufhin tritt er aus der Partei aus und geht als unabhängiger Kandidat ins Rennen. "Der Austritt hat natürlich wehgetan", sagt er. "Aber man muss auch mal klare Linie fahren." In die SPD werde er nicht wieder eintreten. "Parteilos ist das einzig Wahre in dieser Zeit", erklärt Ruck. In Pohlheim sei es dadurch einfacher, in der Sache zu diskutieren.

30 Jahre ist es her, als Rucks berufliche Ziele komplett über den Haufen geworfen werden. Er ist Anfang 20, baut Vermittlungsstellen für die Telekom auf. Einmal fährt er auf seinem Motorrad durch die Innenstadt in Bad Schwalbach, als ein Autofahrer ihn beim Abbiegen übersieht und in ihn hinein rast. Ruck hat damals Glück im Unglück, erleidet allerdings einen komplizierten Bruch der linken Hand. "Ich konnte nicht mehr zugreifen und zudrücken", erzählt er. "Ich konnte kein Handwerk mehr ausüben." Er beginnt danach zunächst, Bauvorhaben der Telekom zu betreuen, dann wird er Leiter eines T-Punkts in Wiesbaden, bis er schließlich im Vertrieb landet.

Auf die Frage, was er in Pohlheim verändern will, antwortet er: "Vor allem die Kommunikation. " Tatsächlich trifft er dabei einen Punkt, der viele bewegt. Bei großen Themen wie den Outlet-Plänen in Garbenteich und dem Bau des Mahnmals in Watzenborn- Steinberg wurde in den vergangenen Jahren mehrfach hinter verschlossenen Türen diskutiert. Er wolle die Bürger einladen, sich beispielsweise in Arbeitsgruppen auf politischer Ebene mit zu engagieren. "Geheimhaltung ist der falsche Weg", sagt Ruck.

Auf die Frage, was ihn zum Lachen bringt, hält er kurz inne. "Stadtparlament", sagt er dann. "Pohlheim." Es ist ironisch gemeint. Die Streitkultur dort sei "katastrophal". Es gehe nicht um die Sache, sondern zu oft um persönliche Belange. "Ja, ich bin noch kein Pohlheimer", räumt Ruck ein. "Aber das ist genau richtig, um auf der politischen Ebene alte Strukturen aufzubrechen."

Umzug bei Wahlsieg

Andreas Ruck ist 52 Jahre alt, verheiratet und Vater eines 16-jährigen Sohnes. Die Pohlheimer SPD hat ihn zum Kandidaten nominiert, unterstützt wird er auch von Grünen und FDP. Die SPD ist auf ihn gekommen, auch weil er einmal an einem Seminar teilgenommen hatte, das Kommunalpolitiker der SPD unter anderem für die Kandidatur bei Bürgermeisterwahlen vorbereitet. Bei einem Wahlsieg würde er nach Pohlheim ziehen, erklärt Ruck.

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