Das Gedenken auf dem jüdischen Friedhof zwischen Großen- und Alten-Buseck war pandemiebedingt nur im kleinen Kreis möglich. 		FOTO: CON
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Das Gedenken auf dem jüdischen Friedhof zwischen Großen- und Alten-Buseck war pandemiebedingt nur im kleinen Kreis möglich. FOTO: CON

Arolsen-Archives und Holocaust-Gedenktag

»Du hast das Gefühl, zu ersticken«: Schicksale der KZ-Insassen werden bei Aktionstag präsent

  • vonPatrick Dehnhardt
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Die Pohlheimer Initiative Stolpersteine hatte dazu aufgerufen, Karteikarten von KZ-Insassen zu digitalisieren. Die Schicksale der Menschen hinter diesen Daten ließen keinen Teilnehmer kalt.

Sechs Millionen Juden wurden während des Holocaust im Dritten Reich ermordet, davon ein Großteil in Konzentrationslagern. In den KZs gab es zudem Millionen weiterer Gefangener, von politischen Gegnern der Nazis über Systemkritiker, Sinti und Roma, geistig Behinderten, Zeugen Jehovas und Homosexuellen. Viele von ihnen wurden umgebracht. Es sind Zahlen, die ein menschlicher Verstand nicht fassen kann. Greifbar werden diese Zahlen erst dadurch, dass man sich mit den Schicksalen einzelner KZ-Insassen beschäftigt, dass die Opfer einen Namen bekommen.

Die Namen der Opfer für die Nachwelt zugänglich zu machen, darum geht es den Arolsen-Archiven. Zunächst wurden Millionen von Karteikarten, Häftlingslisten und andere Dokumente aus den KZs eingescannt. Jedoch handelt es sich dabei zunächst einmal nur um Fotos. Die darauf festgehaltenen Informationen wie Namen und Heimatort müssen erst in eine Datenbank eingegeben werden, damit man gezielt nach Personen suchen kann. Diese Aufgabe kann kein Computer automatisch übernehmen, da viele Dokumente handschriftliche Einträge enthalten.

Die Pohlheimer Initiative Stolpersteine rief für den gestrigen Mittwoch, dem Holocaust-Gedenktag, dazu auf, sich an der Erfassung dieser Daten am heimischen Computer zu beteiligen.

Die Resonanz überraschte die Organisatoren. Bereits beim digitalen Treffen am Mittwochmorgen waren gut zwei Dutzend Personen zugeschaltet. »Und das an einem Werktag«, sagte Simone van Slobbe von der Initiative Stolpersteine. »Es machen Menschen aus dem ganzen Landkreis und darüber hinaus mit«, ergänzte Tim van Slobbe.

Bärbel Reich aus Gießen war durch den Artikel in der Gießener Allgemeinen Zeitung auf den Aktionstag aufmerksam geworden. »Ich bin von dem Projekt beeindruckt«, sagt sie. »Das ist eine Chance, sich einzubringen und mitzuarbeiten.« Bereits am Montag und Dienstag hatte sie damit begonnen, Karteikarten für die Datenbank zu erfassen. Dabei staunte die Seniorin, wie einfach das System für sie zu handhaben war.

Auch Wolfram Hassel hatte den Zeitungsbericht gelesen. Ihm war es eine Herzensangelegenheit, sich zu beteiligen. »Es sind zwei Motivationen bei mir: Das eine ist das Thema der Digitalisierung dieser Akten. Das andere ist der geschichtliche Hintergrund, der mich seit meiner Jugend beschäftigt hat.« Auch nach dem Aktionstag wolle er an der Datenerfassung für die Arolsen-Archive weiter mitwirken. Dies kündigten auch weitere Teilnehmer an.

Dass es weit mehr ist, als Daten abzutippen, wurde am Abend beim Gedankenaustausch im Rahmen der Abschlussveranstaltung deutlich. »Ich hatte anfangs das Gefühl, dass ich ersticke«, sagte eine Teilnehmerin. »Es ist mehr als Karteikarten abschreiben«, stimmte Erika Görge dem zu. »Es ist keine leichte Kost, sich vorzustellen, was aus diesen Menschen geworden ist.«

Bei allen Teilnehmenden herrschte große Betroffenheit über die Schicksale der Menschen, die man mit dem Blick auf die Karteikarten nur erahnen konnte. Für alle war es wichtig, dabei zu helfen, ihre Daten für die Nachwelt zugänglich zu machen. Andrea Krauß sagte: »Es hat mir gutgetan, an diesem Gedenktag etwas aktiv machen zu können.«

Neben der Pohlheimer Initiative Stolpersteine hatten international weitere Gruppen dazu aufgerufen, am 27. Januar Daten für die Arolsen-Archive zu erfassen. Waren am Morgen erst vier Prozent der Karteikarten erfasst, waren es am Abend 14 Prozent - über eine Million Datensätze.

Neben dem Pohlheimer Aktionstag gab es weitere Gedenkveranstaltungen. In Buseck wurde der Opfer des Nationalsozialismus im Rahmen einer Gedenkfeier mit anschließender Kranzniederlegung auf dem jüdischen Friedhof zwischen Großen-Buseck und Alten-Buseck statt. Im Vorjahr hatten viele Besucher dem Gedenken beigewohnt - dieses Jahr konnte sich aufgrund von Covid-19 nur eine kleine Gruppe versammeln.

»Aber wir stehen - wenn auch mit Abstand - zusammen, wir stehen zusammen in einer Zeit, in der Antisemitismus sich im Schatten der Pandemie wie ein Krebsgeschwür in unserer Gesellschaft frisst«, sagte Bürgermeister Dirk Haas in seiner Gedenkrede. »Ein anderes mal zeigt sich die böse Fratze dieser menschenverachtenden Gesinnung offen.«

Dies sei etwa bei der Erstürmung des Kapitol in den USA der Fall, wo gut sichtbar ein Shirt mit der Aufschrift ›Camp Ausschwitz - Work brings freedom‹ getragen wurde. Oder Personen im Umfeld der Coronaleugner, die »offen ihre kruden Theorien von der Weltherrschaft der Zionisten« verbreiten.

Haas rief dazu auf, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, indem man die Verbrechen des Dritten Reichs nicht vergisst und zusammenhält im Kampfe gegen Hass und all das, was aus Hass erwächst.

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