Die beiden Seniorinnen freuen sich am Anblick der vertikalen Gärten in der Tagespflege. Während der Corona-Zeit haben sie das Angebot vermisst. FOTO: PAD
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Die beiden Seniorinnen freuen sich am Anblick der vertikalen Gärten in der Tagespflege. Während der Corona-Zeit haben sie das Angebot vermisst. FOTO: PAD

Harte Zeiten für Angehörige

  • vonPatrick Dehnhardt
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Der Lockdown während Corona hat nicht nur bei Eltern mit Kindern für Betreuungsprobleme gesorgt: Auch Tagespflegeangebote für Senioren mussten schließen, Angehörige hatten von einem Tag zum anderen ein Problem. Die Tagespflege in Pohlheim hat mittlerweile wieder geöffnet. Brigitte Schmiedeknecht schildert den langen Weg zurück zu einem Stück Normalität.

Die Sonne scheint, was die beiden Seniorinnen sichtbar freut. Als sie zu den vertikalen Gärten geführt werden - mit Blumen und Kräutern bepflanzte Holzpaletten -, leuchten die Augen umso mehr. "Wunderschön", sagt eine der Damen.

Die beiden Frauen sind Gäste der Tagespflege "Gut Zeit" in Garbenteich. Gemeinsam mit anderen Senioren Zeit verbringen, sprechen, spielen - lange Zeit mussten sie darauf verzichten. Aufgrund von Corona war die Einrichtung über Monate geschlossen.

Dabei hatte man sich auf das Virus frühzeitig vorbereitet, berichtet Brigitte Schmiedeknecht, Geschäftsführerin von Gut Zeit. Bereits Ende Februar habe man die Bestände an Schutzkleidung, Masken und Desinfektionsmittel aufgestockt, zudem mit der vorsorglichen Fiebermessung bei Besuchern und Personal begonnen. Zunächst sei jedoch auch bei den Behörden unklar gewesen, wie mit Corona umzugehen sei.

An einem Märzabend sei dann per E-Mail die Anweisung gekommen, dass die Tagespflege am nächsten Morgen schließen müsse. "Wir hatten keinen Tag Zeit, es den Senioren zu erklären", sagt Schmiedeknecht. Nicht alle hätten am Telefon verstanden, was überhaupt los sei, was so ein Lockdown bedeutet.

"Ich habe den Krieg überlebt und soll wegen eines Virus daheimbleiben?", habe etwa ein Senior gesagt. Bei anderen waren die Angehörigen schon auf dem Weg zur Arbeit, da sie sich darauf verließen, dass die Mutter oder der Vater zum Betreuungsangebot abgeholt würden.

So kurios es klingt, in der Corona-Zeit zeigen sich viele Parallelen zwischen einer Kindertagesstätte und einer Tagespflege für Senioren. Am gravierendsten war, dass die Angehörigen durch die Schließungen vor ein massives Betreuungsproblem gestellt wurden: Wer passt auf die Mutter oder den Vater auf, während man auf der Arbeit ist?

"Es hat nicht nur Eltern mit Kindern, sondern auch Kinder mit Eltern getroffen", verdeutlicht Schmiedeknecht. Viele seien darauf angewiesen, ihre Eltern in die Tagespflege zu bringen, um in dieser Zeit arbeiten zu gehen. Nun mussten sie beide anspruchsvollen Aufgaben unter einen Hut bekommen - ein Kraftakt. Selbst das Home Office habe da nicht immer geholfen. Nicht alle Senioren hätten begreifen können, dass der Angehörige keine Zeit für sie hat, er nicht frei hat, sondern vom Küchentisch aus arbeiten muss.

Für die Betroffenen war es eine harte Zeit, viele kamen an ihre Grenzen. "Wir mussten viel seelsorgerische Arbeit am Telefon leisten", sagt Schmiedeknecht. Zumal bei der Betreuung auch die emotionale Ebene eine große Rolle spielt: Beispielsweise kann eine geschulte Pflegerin mit dem Verhalten einer dementen Person neutraler umgehen, als wenn ein Laie den eigenen Vater pflegen muss.

Die Mitarbeiter der Tagespflege waren während der Zeit des Lockdown im Außendienst im Einsatz. Sie besuchten die Pflegebedürftigen stundenweise Zuhause. Dies verschaffte den Angehörigen zumindest kleine Pausen.

Auch die Senioren freuten sich über die Abwechslung. Dies konnte jedoch nicht verhindern, dass viele Ältere in dieser Zeit körperlich abgebaut haben: Die Bewegung aus dem Haus heraus, die Ausflüge - all das fehlte.

Erst im Juli durfte die Tagespflege wieder öffnen - unter strengen Hygieneregeln. Auch diese sind denen in einer Kindertagesstätte sehr ähnlich - es gibt etwa nur kleine Gruppen, die nicht gemischt werden dürfen. Das Betreuungspersonal ist fest zugeordnet. Angebote wie Ausflüge auf den Wochenmarkt, gemeinsames Backen oder gar Singen sind derzeit nicht möglich.

Direkt beim Eintritt ins Haus wird auf Fieber kontrolliert. Nur am Sitzplatz dürfen die Senioren die Maske abnehmen, ansonsten ist diese Pflicht. "Daran halten sich alle. Die Senioren sind sehr vernünftig - selbst kognitiv einge schränkte Gäste halten sich daran", sagt Nicole Brusius, Leiterin der Tagespflege. Denn eines steht außer Frage, keiner der Gäste möchte, dass das Angebot wieder eingestellt werden muss, es wieder zum Lockdown kommt.

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