Sieht aus wie Apfelwein, ist aber giftig: Gero Weiland untersucht eine unbeschriftete Getränkeflasche, in die ein Lösungsmittel gefüllt worden ist. 		FOTOS: PAD
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Sieht aus wie Apfelwein, ist aber giftig: Gero Weiland untersucht eine unbeschriftete Getränkeflasche, in die ein Lösungsmittel gefüllt worden ist. FOTOS: PAD

Gifte, Lacke, Lösungsmittel

Gift in alten Getränkeflaschen: Womit das Schadstoffmobil zu kämpfen hat

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Im Landkreis Gießen werden Schadstoffe vom Schadstoffmobil eingesammelt. Oft wird Wandfarbe abgegeben - obwohl diese gar kein Schadstoff ist.

Die Reihe der Wartenden auf dem Parkplatz der Klosterwaldhalle in Dorf-Güll wirkt durch den Hygieneabstand noch länger. Ein paar tragen verstaubte Gegenstände, andere halten volle Kartons in den Händen. Einer ist sogar mit einer Schubkarre gekommen. Während die meisten genau wissen, was sie mitbringen, sind es bei anderen Zufallsfunde vom Dachboden oder aus dem Keller. Nun hoffen sie, dass ihnen der Experte sagen kann, was sich dahinter verbirgt. Doch nicht etwa die Fernsehserie »Bares für Rares«, sondern das Schadstoffmobil ist zu Gast.

Stimmung wie bei »Bares für Rares«

Darum steht auch nicht Horst Lichter, sondern Gero Weiland an der Theke. Der studierte Chemiker schaut sich die abgegebenen Gegenstände genau an. Handelt es sich um eine brennbare Flüssigkeit oder einen Unkrautvernichter, um ein Lösungsmittel oder gar Gift? Wenn die Stoffe in der Originalverpackung abgegeben werden, braucht sein geschultes Auge nur Sekunden. Dann wandert die Flasche, Dose oder Schachtel in den jeweils dafür vorgesehenen Sammelbehälter.

Opa hat irgendwas umgefüllt

Kompliziert wird es jedoch beim nächsten Fall: Ein Mann stellt ihm eine Getränkeflasche auf den Thresen, die er in der Werkstatt gefunden hat. Ein Etikett gibt es nicht. Der Inhalt ist gelb und sieht aus wie Apfelwein - der Geruch sagt aber etwas anderes. Was der Opa einst da abgefüllt hat, weiß keiner mehr.

Die chemische Fachkraft kann darüber immer wieder nur den Kopf schütteln, wenn Lacke, Lösungsmittel oder gar Gifte in Gurkengläser und Getränkeflaschen umgefüllt werden. »Das ist sehr problematisch« - sowohl für den, der es später findet, als auch für die Entsorgung. Mit einem Schnelltest findet Weiland heraus, dass es sich beim Inhalt der Flasche um ein Lösungsmittel handelt. Gut, dass das vermeintliche »Stöffche« keiner probiert hat...

Doch es geht noch schlimmer: Im Schnitt einmal pro Monat komme es vor, dass ihm jemand Munition auf den Tisch legt. Dafür ist das Schadstoffmobil allerdings nicht zuständig, sondern die Polizei. Einmal war der Dachbodenfunden gar so explosiv, dass der Kampfmittelräumdienst anrücken musste.

Dispersionsfarbe gehört in den Hausmüll

Das Schadstoffmobil steuert zweimal pro Jahr alle Orte im Landkreis Gießen an. Für Privatleute ist die Abgabe kostenlos. Rund 200 Tonnen Schadstoffe werden jährlich eingesammelt. 10 Prozent davon sind Lösungsmittel, rund 15 Prozent entfallen auf Öle, Fette und Wachse. Giftige Farben und Klebstoffe nehmen mit gut einem Fünftel den zweiten Platz der abgegebenen Stoffe ein. Auf Platz eins liegt mit 40 Prozent hingegen etwas, was eigentlich kein Schadstoff ist: Dispersionsfarbe. Auch in Dorf-Güll haben wieder einige Bürger die Farbeimer mitgebracht - ein Weg, den sie sich hätten sparen können.

»Wandfarbeneimer können leer in die gelbe Tonne«, sagt Barbara Roth, Abfallberaterin des Landkreis Gießen. »Ausgetrocknete Farbe kann in den Restmüll.« Sollte noch feuchte Farbe im Eimer sein, sollte man diese eintrocknen lassen, gegebenenfalls mit Sägespänen nachhelfen. »Dann spart man sich die Schlepperei.«

Akkus zeitnah entsorgen

Veolia sammelt mit dem Schadstoffmobil im Auftrag des Landkreises die Gefahrstoffe ein. In Linden werden diese weiter sortiert und vorschriftsmäßig entsorgt. Ein Großteil geht in die Verbrennung bei der Hessischen Industriemüll GmbH. Leuchtstoffröhren und Batterien werden nach Möglichkeit den Rücknahmesystemen des Handels zugeführt. Die Abfallberaterin rät übrigens dringend dazu, ausgediente Batterien und Akkus - insbesondere die von Handys - zeitnah abzugeben. »Man vergisst sie, dann altern sie und blähen sich auf«, sagt Roth. Im schlimmsten Fall können sie Brände auslösen.

In der Warteschlange steht auch Helga Radomski. »Ich habe Zuhause den Medikamenten- und den Putzmittelschrank aufgeräumt«, berichtet die Dorf-Güllerin. Dass das Schadstoffmobil in ihren Wohnort kommt, findet sie gut: »Das schont die Umwelt. Sonst müsste ich samstags nach Gießen fahren.«

Medikamente beim Schadstoffmobil abgeben

Seit einigen Jahren nehmen viele Apotheken abgelaufene Medikamente nicht mehr an und raten dazu, diese einfach in den Hausmüll zu werfen. Beim Schadstoffmobil darf man diese hingegen weiterhin gerne abgeben. So sinkt beispielsweise das Risiko, dass diese in einer Mülltonne von Kindern gefunden werden, sagt Abfallberaterin Roth.

Für andere Stoffe, etwa Leuchtstoffröhren, Energiesparlampen oder PU-Schaumdosen, gibt es im Handel Rücknahmesysteme. Sie können aber auch am Schadstoffmobil abgegeben werden, sagt Roth.

Nach 30 Minuten zieht dieses weiter. Michael Stock, Kraftfahrer für Gefahrstoffe, lädt den Annahmecontainer auf den Laster, kuppelt den Anhänger an. An der nächsten Station in Holzheim werden er und Weiland schon erwartet.

Die Termine des Schadstoffmobils finden sich im Müllkalender und werden in den Gemeindeblättchen veröffentlicht. Es steht immer am ersten Freitag im Monat von 15 bis 17 Uhr auf dem Festplatz in Laubach, samstags von 9 bis 12 Uhr können Schadstoffe auch im Abfallwirtschaftszentrum Gießen abgegeben werden

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