Ein 44 Jahre alter Pohlheimer muss sich seit Donnerstag am Amtsgericht Gießen verantworten.	FOTO: SRS
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Ein 44 Jahre alter Pohlheimer muss sich seit Donnerstag am Amtsgericht Gießen verantworten. FOTO: SRS

Nach Taxifahrt

Waffe gezogen wegen 6,80 Euro? Pohlheimer steht vor Gericht

  • vonStefan Schaal
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Ein Pohlheimer muss sich vor Gericht verantworten, weil er einen Taxifahrer mit einer Schreckschusspistole bedroht haben soll. Ihm droht eine Haftstrafe.

Gießen – Kurz nach Mitternacht hält ein Taxi in Watzenborn-Steinberg. Es ist der Abend des Gießener Stadtfests 2019. Der Passagier hat getrunken, auf seinem Schoß liegt eine Tüte, für zu Hause hat er sich noch einen Döner geholt. Doch plötzlich eskaliert ein Streit zwischen ihm und dem Taxifahrer um den Fahrpreis. Am Ende hält der Pohlheimer eine Waffe in der Hand. Seit gestrigen Donnerstag muss er sich nun vor Gericht verantworten.

Hitzig wurde die Auseinandersetzung auch in Saal 200 des Gießener Amtsgerichts. »Kein Wort des Angeklagten ist wahr«, rief der Taxifahrer. »Sie lügen wie gedruckt«, widersprach Verteidiger Carsten Marx. Der Vorsitzende Richter Jürgen Seichter schritt nach abfälligen Zwischenlauten des Verteidigers während der Aussage des Taxifahrers ein: »Bewahren Sie die Contenance.« Es gehe für seinen Mandanten um sehr viel, entgegnete Marx. »Ihm drohen drei Jahre Haft.«

Nahe der Goethestraße in Gießen stieg der Angeklagte in der Nacht auf den 17. August vergangenen Jahres in den Wagen des Taxifahrers. »Nach Watzenborn-Steinberg«, sagte der Pohlheimer. Vorher legten sie einen Stopp bei einem Döner-Restaurant in der Gießener Bahnhofstraße ein. Am Ziel in Watzenborn-Steinberg angelangt forderte der Fahrer schließlich 26,80 Euro. »Wir haben doch 20 Euro ausgemacht«, widersprach der Passagier. Er habe sich darüber während der Fahrt zwei-, dreimal vergewissert.

Prozess um Bedrohung von Taxifahrer: Zeuge berichtet von Todesangst

Der Taxifahrer habe aber auf sein Geld bestanden, erklärte Staatsanwältin Dr. Julia Vorländer in der Verlesung der Anklage. Der Pohlheimer sei ausgestiegen, habe im Hof vor seinem Haus das eigene Auto geöffnet und aus dem Handschuhfach eine ungeladene Schreckschusswaffe hervorgeholt. »Hau ab, sonst knall ich dich ab«, soll der Angeklagte gesagt haben. Der Taxifahrer habe sich daraufhin zurückgezogen und sei weitergefahren.

Er habe in dieser Nacht Todesangst verspürt, berichtete der 62 Jahre alte Fahrer. »Der Angeklagte stand zwei Meter vor mir. Er hat die Waffe auf meinen Kopf gerichtet.« In 22 Jahren als Taxifahrer habe er eine so bedrohliche Situation noch nie erlebt. »Das Bild mit der Pistole vor meinem Gesicht habe ich immer noch vor mir.«

Prozess wegen Bedrohung: Angeklagter bestreitet Version des Taxifahrers

Der 44 Jahre alte Pohlheimer erzählte vor Gericht eine vollkommen andere Version dieser Nacht. Er habe die Waffe auf keinen Fall auf den Taxifahrer gerichtet, sagte er.

Er habe an dem Abend Alkohol getrunken. 30 Euro habe er noch im Geldbeutel gehabt. Weil er noch einen Döner holte, habe er den Fahrer als Erstes gefragt, ob 20 Euro ausreichten. Dass dieser dann am Ende mehr verlangte, habe ihn sehr überrascht. Sie hätten gestritten. Mehr als 20 Euro habe er schlicht nicht zahlen können.

Die Auseinandersetzung sei ihm schnell zu viel geworden. »Ich wollte keinen Zirkus auf meinem Hof«, berichtete er. Sein Vater wohne auch in dem Haus. »Er war in dieser Zeit schwer erkrankt. Ich wollte nicht, dass ein Streit seines Sohns um Taxigeld ihn aufweckt und stört.« Die Auseinandersetzung sei immer lauter, immer heftiger geworden. »Ich dachte, das endet jetzt noch in einer Schlägerei.« Mit Worten sei da nichts mehr gegangen. »Fahr jetzt endlich, habe ich gesagt.«

Prozess um Bedrohung von Taxifahrer: »Eine blöde Idee«

Der Taxifahrer sei ihm bis zur Haustür gefolgt. Schließlich sei der Angeklagte zu seinem Auto gegangen und habe die Schreckschusswaffe geholt. »Eine blöde Idee«, räumte er vor Gericht ein. »Mir ist die Sicherung durchgebrannt«, fügte er hinzu. »Aber die Waffe war ungeladen. Die Munition war in der Wohnung in einem Köfferchen.« Der Taxifahrer habe ihn bedrängt, sei ihm in den Hof gefolgt und habe sein Grundstück betreten.

Aussage stehe gegen Aussage, sagte Verteidiger Marx. Er fragte, ob der Taxifahrer den Gerichtssaal zu Beginn des Verfahrens nicht verlassen könne. Ansonsten könne dieser seine Aussagen auf die Äußerungen des Angeklagten und der anderen Zeugen abstimmen. Der Fahrer, der in dem Verfahren auch Nebenkläger ist, blieb allerdings im Saal. Der Verteidiger äußerte den Verdacht, dass der Taxifahrer versucht habe, den Pohlheimer abzuzocken. »Unter Taxifahrern passiert das ja hin und wieder mal mit Betrunkenen, dass dann ein höherer Fahrpreis genannt wird.«

Anwalt des Angeklagten: »So groß kann die Todesangst nicht gewesen sein«

Marx merkte außerdem an, dass der Taxifahrer nach der mutmaßlichen bedrohlichen Situation Fotos und ein Video vor dem Haus des Angeklagten gemacht habe. »So groß kann die Todesangst nicht gewesen sein.« Gebe es denn eine Quittung von der Fahrt im August 2019?, fragte er den Fahrer. Habe er denn die Fahrt beim Finanzamt geltend gemacht?, wollte Marx wissen. Sei die Tour im Taxameter abgespeichert?

Schließlich forderte er, das Taxameter zu beschlagnahmen. Polizeibeamte holten das Gerät in der Wohnung des Taxifahrers. Es wird in den kommenden Tagen untersucht, dann wird der Prozess fortgesetzt. Ob das Taxameter einen Erkenntnisgewinn zur Anklage geben wird, ist eher fraglich. Die Existenz der Waffe lässt sich nicht leugnen, wie auch Richter Seichter erklärte: »Die Schusswaffe ist da.«

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