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Mehrere Jahre lang braucht Steffen Kossatz zwei Promille, um aufrecht stehen zu können. (Symbolbild: dpa)

Internationaler Tag des Bieres

Gesoffen bis zur Ohnmacht: Pohlheimer erzählt von seiner Alkoholsucht - Was ihn gerettet hat, überrascht

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Steffen Kossatz trank jeden Tag eine Flasche Korn, einen Kasten Bier und etliche Flachmänner. Der Pohlheimer brauchte zwei Promille, um aufrecht stehen zu können. Gerettet hat ihn damals seine Partnerin - indem sie ihn fallenließ. Zum Internationalen Tag des Bieres sagt er: "Ich weiß, dass der Alkohol stärker ist als ich."

Unten rasen die Lichter vorbei. Das Rauschen der Autobahn dringt nach oben in die Dunkelheit, zu Steffen Kossatz. Schwankend hält er sich am Geländer der Brücke über der A 45 fest. Es steht nicht gut um ihn an diesem kalten Februarabend bei Langgöns. Kossatz ist ein Säufer. Einen Kasten Bier, eine Flasche Korn und mehrere Flachmänner trinkt er jeden Tag. Seine Freundin hat ihm den Laufpass gegeben. "Wenn du dein Leben kaputt machen willst, dann mach’s kaputt", hat sie gesagt. Am Tag zuvor hat er sich einen Ringkampf mit Polizisten geliefert - erwischt wegen Fahrerflucht. Die Nacht verbringt er in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie, ein Arzt starrt ungläubig auf das Ergebnis der Blutabnahme: 4,2 Promille. Was Kossatz damals nicht weiß: Dieser Abend auf der Autobahnbrücke wälzt sein Leben um. Es ist das letzte Mal, dass er Alkohol anrührt. 13 Jahre ist das her.

Alkohol kommt ihm nicht mehr ins Glas: Steffen Kossatz mit Freundin Esther König. (srs)

Holzheim, im Juli 2019: Kossatz sitzt in seinem Wohnzimmer, hinter ihm schweben Welse in einem Aquarium, Sonnenlicht strahlt durch die Terrassentür hinein. Der 55-Jährige trinkt aus einem Wasserglas und erzählt, wie er sich knapp zehn Jahre lang regelmäßig bis zur Ohnmacht betrank. Und er berichtet, was ihn damals rettete. Beistand von Freunden oder Ratschläge waren es nicht. Sein Leben krempelte er erst um, als er alle enttäuscht hatte und seine Partnerin ihn schließlich fallengelassen hatte.

Das Schiff, mit dem du untergehst

Weltweit wird an diesem Freitag der Tag des Bieres gefeiert. "Ich gönne jedem den Genuss", sagt Kossatz. Doch er habe den Alkohol von seiner schlimmen Seite erlebt. "Ich habe mich selbst aufgegeben und einen Teil meines Lebens in die Tonne getreten." Doch wie stellt man fest, dass man alkoholkrank ist? Gefährlich werde es, wenn es nicht mehr um den Genuss geht, sondern um die Wirkung. "Ich hatte die Kontrolle nicht mehr." Kossatz trinkt damals, um Probleme wegzuspülen. Alkohol, der Rettungsanker in der Not. Schwierigkeiten in der Ehe sind es, die ihn zum Saufen bringen. Mit Bier fängt es an. Doch bald lässt die Wirkung nach. Schnaps und Korn kommen hinzu. Irgendwann braucht er zwei Promille, um aufrecht stehen zu können. Morgens trinkt er als erstes einen Flachmann, den er gleich wieder auskotzen muss. "Der nächste, nach einem Bier, blieb dann drin." Alkohol - das Schiff, mit dem du untergehst.

Kossatz stammt aus der Nähe von Cottbus. Die Alkoholsucht hat 2004 bereits seine Ehe und Familie zerstört, als er im Internet eine Frau kennenlernt. Nach einem Jahr zieht er zu ihr nach Langgöns. Esther König bekommt schnell mit, dass es ihm schlecht geht. "Ich habe aber nicht gedacht, dass er Alkoholiker ist." Kossatz trickst und täuscht. Geht sie duschen, sitzt er vor dem Fernseher. Auch als sie ins Wohnzimmer zurückkehrt, schaut er fern. Dass er zwischendurch zur 400 Meter entfernten Tankstelle geeilt ist, um sich Stoff zu holen, merkt sie nicht. Einmal fallen aus seiner Jogginghose zehn Kronkorken heraus. "Warum sammelt er die?", fragt sie sich. Eines Tages aber dämmert es ihr: Um die Heizung abzulesen, geht sie in sein Arbeitszimmer. Eine Tasche fällt um, es klimpert, sie entdeckt 50 Flachmänner.

Leidtragende sind vor allem die Angehörigen

"Irgendwann war mir nichts mehr peinlich", erzählt Kossatz. Immer öfter liegt er damals bewusstlos auf dem Boden, wenn sie am Nachmittag von der Arbeit kommt. Alkohol wird gerne verharmlost. Wie bedrückend derartige Situationen für Beziehungen aber sein können, verdeutlicht ein Erlebnis: Gewalttätig wird er nie, doch einmal lässt er sie betrunken nicht aus der Küche. "Hau ab", brüllt sie und beißt in seinen Arm. Sie ruft um Hilfe. In der Not hält sie ihm schließlich ein Brotmesser an die Kehle. "Ich war verzweifelt." Leidtragende der Alkoholsucht sind vor allem die Angehörigen. "Der Säufer selbst fühlt sich ja gut", sagt Kossatz. Es tue ihm unheimlich leid, sagt er.

Esther König zieht nach vier Monaten die Reißlinie. Sie weiß, was zu tun ist, Alkoholismus hat sie mit 15 bei ihrer besten Freundin erlebt. Sie schmeißt ihren Partner aus der Wohnung. Kossatz räumt ein: "Solange sie anfangs gesagt hat, dass sie zu mir hält, habe ich keinen Grund gesehen, aufzuhören."

Der freie Fall hat ein Ende

So ist es dieser kalte Abend im Februar 2006 auf der Autobahnbrücke, der Kossatz’ Leben rettet. Als er von der Nacht in der Psychiatrie zurückkehrt und ihm die Freundin sagt, dass Schluss ist, "da gab es einen Knall in meinem Kopf", sagt der Pohlheimer. "Der freie Fall hatte plötzlich ein Ende."

Er begibt sich in eine Therapie im Odenwald. "Sie sind kein Arschloch", sagen sie ihm dort. Er sei suchtkrank. Kossatz lernt vor allem, seinen Tag zu strukturieren. Eine Entgiftung hatte er zuvor schon mal probiert. Sein Vater habe ihn damals anschließend eine Woche begleitet, erzählt er. "Als er danach mit dem Auto um die Ecke gebogen ist, bin ich sofort in den Supermarkt und habe Bier und Schnaps gekauft. Ich habe den Alkohol nicht aus dem Kopf bekommen."

"Ich weiß ja, dass der Alkohol stärker ist als ich"

Er habe diesen Tiefpunkt, das Gefühl des Verlassenseins gebraucht, um trocken zu werden. Seine Partnerin hat sich inzwischen zur Suchtbeauftragten in ihrem Betrieb ausbilden lassen. Nach der Therapie hat sie ihm eine zweite Chance gegeben - sie lernten sich neu kennen und lieben. Seit 13 Jahren nähert sich Kossatz einem normalen Leben an. Offenheit ist ein Teil seines Wegs. "Bei der Arbeit weiß jeder Bescheid.", Er ist im Außendienst für einen Baustoffhändler tätig.

Seine Freundin trinkt bisweilen ein Glas Wein. "Ich schenke dann auch ein. Es reizt mich nicht." Kossatz joggt, widmet sich seiner neuen Leidenschaft, der Fotografie. "Ich brauche keinen Alkohol mehr", sagt er. Bei einem Empfang hat er kürzlich aus Versehen an einem Glas Orangensaft mit Sekt genippt. Er habe es gemerkt und das Glas sofort weggestellt. Gefährlich wäre der bewusste Konsum. Ein alkoholfreies Bier sei zudem riskanter. "Der Geschmack und der Geruch könnten Erinnerungen auslösen. Er probiere es gar nicht erst aus. "Ich kämpfe nicht gegen die Sucht", sagt er. "Ich lebe mit ihr. Ich weiß ja, dass der Alkohol stärker ist als ich."

Alkohol sei als "eine der gefährlichsten Drogen gesellschaftsfähig", sagt Steffen Kossatz. "Ein Grund mehr, damit verantwortungsvoll umzugehen."

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