Der Wiesn-Besucher von Ulrike Geilfus (r.) ist im Kalender des Gießkannenmuseums verewigt, l. Kuratorin Ingke Günther.
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Der Wiesn-Besucher von Ulrike Geilfus (r.) ist im Kalender des Gießkannenmuseums verewigt, l. Kuratorin Ingke Günther.

Gehäkelte Gießkanne

  • vonStefan Schaal
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Pohlheim(srs). Jede Häkelfigur der 63 Jahre alten Ulrike Geilfus ist ein kleines Wunder. Denn die Pohlheimerin ist nahezu blind, sie sieht aufgrund einer unheilbaren Krankheit außerdem keine Farben mehr. Für eine knallbunte, von ihr gehäkelte Figur hat sie nun allerdings eine besondere Würdigung erfahren.

Geilfus ist in den vor wenigen Tagen veröffentlichten Kalender des Gießkannenmuseums für das Jahr 2021 aufgenommen worden. Wer den Kalender durchblättert, findet das Foto einer von ihr gehäkelter Gießkanne als Abschlussbild. "Dass meine Figur aus 14 000 Exponaten ausgewählt worden ist, freut mich sehr", erklärt die Pohlheimerin.

Seit 1993 lebt sie mit der Erkrankung Retinitis Pigmentosa, durch die allmählich die lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut sterben. Ihr Blickfeld ist auf inzwischen sieben Grad reduziert. Und doch ist Geilfus Künstlerin. Täglich werkelt sie in ihrer "Häkel-Höhle", wie sie ihr Wohnzimmer in Watzenborn-Steinberg nennt, an witzigen bunten Tierfiguren. "Derzeit arbeite ich an Erdmännchen, die auf Club-Sesseln sitzen", erzählt sie. Alte Büstenhalter gestalte sie dabei zu Tassen um. Nach einem Artikel über ihre Kunst in dieser Zeitung hat eine Gießener Buchhandlung mehrere ihrer Werke für die Dekoration des Schaufensters gekauft.

Im Oktober vergangenen Jahres hat sie dem Gießkannenmuseum eine ihrer Figuren übergeben, die nun im Kalender auftaucht: einen Wiesnfest-Besucher im bayrischen Janker, in der rechten Hand hält er eine Maß Bier. Es ist freilich eine Gießkanne - und der gesamte Körper aus Wolle in den Farben Orange, Violett, Pink und Türkis spitzt sich nach vorne zu einem Rohr zu. "Ist das etwa eine Erektion?", dürfte sich so mancher Betrachter des Kunstwerks fragen. Geilfus lacht. "Das liegt im Auge des Betrachters." FOTO: SRS

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